Credit Suisse-Konzernchef Brady Dougan hinterlässt seinem Nachfolger ein schwieriges Erbe. Dank eines brummenden Handelsgeschäfts steigerte die Grossbank den Quartalsgewinn zwar auf den höchsten Wert seit zwei Jahren und schnitt wie bereits die US-Konkurrenten besser ab als erwartet. Doch bei der Kapitaldecke hinkt Credit Suisse den wichtigsten Konkurrenten hinterher. Das dürfte sie wegen strengere Auflagen der Regulierer schon bald unter Zugzwang bringen.

Wenn Versicherungsmanager Tidjane Thiam Mitte des Jahres das Steuer übernimmt, steht er daher vor einem Dilemma: Entweder muss er das zurzeit boomende, aber kostenintensive Investmentbanking stutzen oder die Bilanz aufpolstern. Die Angst vor einer Kapitalerhöhung setzt die Credit-Suisse-Aktie bereits unter Druck.

Guter Abschluss den Notenbanken zu verdanken

Credit Suisse setzte am Dienstag den Startschuss für die Quartalsberichte der europäischen Grossbanken. Mit einem Gewinnanstieg von 23 Prozent auf 1,05 Milliarden Franken (1,03 Milliarden Euro) im ersten Quartal 2015 legte die zweitgrösste Schweizer Bank die Messlatte hoch. Doch Dougan kann sich den guten Abschluss nicht nur selbst zuschreiben. Denn dass die Kunden rege handeln und damit Millionen in die Bank-Kassen spülen, haben die Institute vor allem den Notenbanken zu verdanken.

Die Schweizerische Nationalbank kappte die Anbindung an den Euro, die Europäische Zentralbank (EZB) startete ihr billionenschweres Anleihekaufprogramm und ihre US-Kollegen heizen die Spekulationen um eine baldige Zinswende an. All dies löste an den Finanzmärkten starke Schwankungen aus und trieb die Anleger vermehrt dazu, Aktien, Anleihen und Währungen zu kaufen und zu verkaufen.

Dank dem verstärkten Auf und Ab an den Märkten und dem anhaltenden Rückenwind der EZB sieht Citi-Analyst Kinner Lakhani die weitere Entwicklung der Investmentbanken am Scheideweg. Zu den Gewinnern dürften Deutsche Bank, UBS und Barclays gehören, die vor allem im Geschäft mit Devisen und Staatsanleihen stark sind. Weniger gut seien die Perspektiven für Banken wie Credit Suisse, die eher auf Unternehmensfinanzierung setzten. Die Deutsche Bank will ihren Quartalsbericht am 29. April vorlegen.

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Fünf Milliarden Franken neues Kapital?

Bei der Credit Suisse glänzte allerdings nicht das ganze Investmentbanking. Bei der Emission von Wertpapieren und in der Fusionsberatung musste das Institut einen Einbruch um jeweils rund einem Viertel hinnehmen, während die US-Banken zweistellig zulegen. Immerhin konnte Credit Suisse das Steuer inzwischen herumreissen. «Die gute Geschäftsentwicklung im ersten Quartal hat sich im zweiten Quartal bisher fortgesetzt, und auch die Ergebnisse im Emissions- und Beratungsgeschäft haben sich verbessert», erklärte Dougan.

Wenn Thiam Mitte Juni zur Credit Suisse stösst, ruhen hohe Erwartungen auf dem gebürtigen Afrikaner. Seinem jetzigen Arbeitgeber, dem britischen Versicherer Prudential, hat er als Konzernchef einen erfolgreichen Wachstumskurs in Asien verordnet und die Börsenbewertung kräftig gesteigert. Am Tag der völlig überraschenden Ankündigung, dass er den Chefsessel bei der Credit Suisse übernimmt, schossen Aktie des Schweizer Konzerns um neun Prozent in die Höhe. Viele Anleger hofften, dass er das Kapitalmarktgeschäft unvoreingenommener als der gelernte Investmentbanker Dougan einer Überprüfung unterzieht und wie der Erzrivale UBS stärker auf die Vermögensverwaltung für reiche Privatkunden setzt.

Die Frage nach der Kapitaldecke

Mit dem Quartalsbericht rückte allerdings die Frage nach der Kapitaldecke in den Vordergrund. Im ersten Quartal sank die im Branchenvergleich ohnehin schon dünne Kernkapitalquote überraschend auf zehn Prozent. Das langfristige Ziel von elf Prozent dürfte die Bank im laufenden Jahr kaum erreichen. Die schärferen Anforderungen der Regulatoren veranlassten die Bank zudem, das Kostensenkungsziel für das laufende Jahr zurückzunehmen.

«Der ausbleibende Erfolg beim Kernkapital verstärkt unsere Ansicht, dass der neue CEO neues Kapital aufnehmen wird», erklärte Nomura-Analyst Jon Peace. Sein Kollege Andreas Brun von der Zürcher Kantonalbank schätzt, dass Credit Suisse fünf Milliarden Franken an neuem Kapital braucht. Dieser Betrag reiche aber nur aus, wenn die Bank die Strategie überarbeite und das kapitalfressende Geschäft der Investmentbank beschneide.

Dougan aber gibt sich unbeirrt und sieht keine Notwendigkeit, die Finanzmärkte anzuzapfen. «Unsere Einschätzung ist, dass wir viel Kapital aus eigener Kraft erarbeiten werden», erklärte er. «Dies bedeutet, dass wir nicht irgendeine Form von Kapitalerhöhung machen müssen.»

(reuters/ccr)