Damien Piller ist ein Mann, der seine Gäste mit singendem Französisch und sanftmütigem Lächeln begrüsst, ihnen die Kaffeetasse abnimmt und diese vom Warteraum ins Sitzungszimmer seiner Kanzlei trägt. Sonnenlicht durchflutet den Raum. In den Ecken stehen Palmen, an der Wand ein Bücherregal mit juristischer Literatur, vom Fenster aus sieht man die Gleise des Freiburger Bahnhofs.

Damien Piller ist aber auch ein knallharter Geschäftsmann. ­Einer, der im Kanton bereits 4000 Wohnungen baute, in Payerne die Business­fliegerei etablieren will, diverse lokale Medien beherrscht – und der als Präsident der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg seit einem Jahr die Zürcher Migros-Zentrale schier zur Verzweiflung treibt. Mit seinen Firmen investierte er in den letzten Jahren gegen eine Milliarde Franken in Projekte. Jetzt soll er über eine Summe von 1,6 Millionen Franken stolpern?

Eigentlich hätte der Fall nie öffentlich werden sollen. Ein Whistleblower informierte Ende 2017 den Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) über Unstimmig­keiten in der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg. Sie mietete sich in zwei neue Gebäude ein, 2014 in Belfaux FR und ein Jahr später in La Roche FR.

Für beide Filialen überwies die Genossenschaft kurz vor der Eröffnung je 800 000 Franken an die für den Bau zuständigen Firmen – um sich an verschiedenen Infrastrukturbauten für ­Migros zu beteiligen, wie es in den Verträgen heisst. Die eine Immobilienfirma ­gehörte Piller bereits, für die andere war er im Mandat tätig und kaufte sie später. Der MGB wirft ihm vor, das Geld in beiden Fällen in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Piller könne nicht nachweisen, wofür die Summen konkret eingesetzt wurden. Er sieht das freilich ganz anders.

Zentrale kann den Regionalfürsten nichts vorschreiben

Dass der MGB am 1. Juli 2019 eine Strafanzeige gegen Piller eingereicht hatte, sickerte einen Tag später an die Medien durch – kurz nachdem Migros mit den Verkaufsabsichten für Globus, Interio und Depot Schlagzeilen gemacht hatte.

In den Monaten danach baute sich die anfängliche Regionalposse zu einer nationalen Angelegenheit auf. Sie offenbarte wie nie zuvor die Schwächen des genossenschaftlichen Konstrukts: Die Zentrale kann den Regionalfürsten nichts vorschreiben und sie nicht absetzen. Selbst wenn gegen Good Governance verstossen wird oder ein mutmasslicher Betrug vorliegt. Als Ultima Ratio könnte der MGB gemäss Statuten einer Genossenschaft das orange M entziehen. Eine solche Massnahme scheint jedoch in Zeiten der schrumpfenden Umsätze und Gewinne im Kerngeschäft nicht opportun.

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Vor allem aber hatte der MGB niemals mit dem harschen Widerstand gerechnet, den Piller aufbaute. «Jeder normale Chef wäre in einem solchen Fall zurückgetreten», ist von einem Migros-Kader zu ­hören. Andere Insider finden, Migros hätte das Problem nicht mit einer Anzeige angehen dürfen, das sei nicht «Migros-like».

Nach mehreren Versuchen, den Fall intern zu lösen, sah sie jedoch kein anderes Mittel mehr. Doch mit Piller hatte sie sich ausgerechnet mit dem mächtigsten Regionalfürsten angelegt. Denn der Freiburger ist, anders als viele im Migros-Universum, kein Genossenschaftsfunktionär. Und er ist eben kein «normaler Chef».

­Piller sagt: «Meine Kredibilität als Geschäftsmann steht auf dem Spiel.» 35 Verwaltungsratsmandate lauten im Handelsregister aktuell auf seinen Namen. Wann immer im Kanton Freiburg grös­ser gebaut wird, hat er höchstwahrscheinlich seine Finger im Spiel. Und wann immer einer Firma die Pleite droht, ist Piller eine gern gesehene Anlaufstelle.

«Ich will den Streit endlich hinter mir lassen»

Trotz der massiven Anschuldigungen wirkt er an diesem Montagmorgen Ende Januar gelassen. «Die Auseinandersetzung mit dem MGB hat mich zwar viel Zeit gekostet, die ich lieber in meine Projekte ­investiert hätte», sagt er. Den Streit wolle er aber endlich hinter sich lassen. «Das Gericht soll nun seine Arbeit tun.» Er habe sämtliche Dokumente beim Staatsanwalt eingereicht und könne für die beiden ­Bauten jeden Rappen belegen.

Lieber spricht er über seine anderen Geschäfte. Auf dem Sitzungstisch breitet er die verschiedenen Dossiers aus: geplante Überbauungen, Flughafen, Einkaufscenter. Freiburg ist einer der Kantone mit ­rasantem Bevölkerungswachstum. Und Piller ist der Taktgeber.

Er stammt aus einer alteingesessenen Familie, seine Grossväter waren beide Regierungsräte, sein Vater Staatsanwalt. Er selbst ist ebenfalls Anwalt. In jungen Berufsjahren hatte er als Vizepräfekt im Saanebezirk mit Stadtplanung und Überbauungen zu tun. Mit 32 Jahren gründete er in Freiburg ein eigenes Anwaltsbüro und stieg bald darauf ins Immobiliengeschäft ein – dank Bauland, das seine Familie in Villars-sur-Glâne besass. Mit seiner in den 90er Jahren gegründeten Immobiliengesellschaft Anura entwickelt und realisiert er heute Liegenschaften und verkauft sie an institutionelle Investoren.

Jüngst baute er in dem Freiburger Vorort eine Siedlung mit 730 Wohnungen. Als Krönung eröffnete er dort Ende 2018 ein topmodernes Medienhaus für das Lokal­radio und Regionalfernsehen sowie Internetportale, die ihm gehören oder deren Hauptaktionär er ist.

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Kritiker fürchten, er könne dank der Zusammenlegung stärker in die Berichterstattung reinreden. Ein ehemaliger Mitarbeiter sagt: «Piller hat nie versucht, seine Macht auszuspielen.» Das müsse er aber auch gar nicht. «Es reicht aus zu wissen, dass er da ist.» Sein Télé Vaud-Fribourg widmete ihm in den neuen Studios die erste Ausgabe der halbstündigen Sendereihe «Entrepreneurs».

Für Piller seien die Medien jedoch eine Herzensangelegenheit. Radio Fribourg ­rettete er 2001 vor dem Konkurs und La Télé Vaud-Fribourg 2014. Ferner finanziert er «Sept» – ein Magazin mit hochwertigen Fotografien und Reportagen aus dem Ausland. Geld verdient er mit solchen Engagements kaum, im Gegenteil. «Doch dank dem Immobiliengeschäft kann ich lokale Medien unterstützen.»

Pillers Flugplatz

Ähnliches gilt für das Projekt beim Militärflugplatz Payerne. Dort baute er ein ­Terminal mit Logen, Büros, Konferenz­räumen und einem Hangar. Im Frühling 2019 wurde der Betrieb aufgenommen. Ziel: Payerne soll zu einem ernst zu nehmenden Flugplatz für die Geschäftsfliegerei werden. Die Region erhofft sich dank der Fliegerei einen wirtschaftlichen Aufschwung. Und das wiederum spielt Piller mit seinen verschiedenen Entwicklungsprojekten in die Karten.

Damien Piller avec le nouvel avion de sa compagnie de jets privés Speedwings

Hang zur Fliegerei: Seit 2003 gehört Damien Piller (Mitte) die Airline Speedwing. Nun will er am Militärflugplatz Payerne die Geschäftsfliegerei etablieren.

Quelle: Blaise Kormann
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Sein derzeit wichtigstes befindet sich im Freiburger Vorort Marly. Noch so ein Vorhaben, an dessen Ursprung er als Retter auftrat. Im Sommer 2013 geriet der dort angesiedelte Fotofilmhersteller Ilford in die Bredouille und konnte die Löhne nicht mehr zahlen. Die Freiburger Kantonalbank ging auf Piller zu, um die 200 Arbeitsplätze zu retten. Schliesslich kaufte er für zehn Millionen Franken einen Teil des Firmenareals. Ende Jahr ging Ilford dennoch in Konkurs. Und Piller kam en passant zu lukrativen Flächen.

Er begann nun auf dem Gelände das heutige Marly Innovation Center (MIC) zu planen: ein Areal mit Werkstätten, Büros, Forschungslabors, Restaurants, Kultur­lokalen, Wohnquartier und Freizeitzen­trum. Heute beherbergt es bereits 150 Firmen und Start-ups mit 500 Arbeitsplätzen. Bis Ende des nächsten Jahres entstehen zudem ein lokales Einkaufszentrum, eine neue Bus­linie direkt zum Bahnhof Freiburg und ein nach ökologischen Grundsätzen gebautes Quartier mit 361 Wohnungen.

Beste Kontakte in die örtliche Polit- und Wirtschaftselite

Eigentlich ist Piller weniger ein Regionalfürst; er ist eher der König von Freiburg. Mit besten Kontakten in die örtliche Polit- und Wirtschaftselite und zur Freiburger Kantonalbank, mit deren Hilfe er viele Projekte finanziert. Bis 2006 sass er selbst für die CVP im Kantonsparlament. 1991 kandidierte er gar für den Ständerat. Dass er sich im letzten Jahr für seine Verteidigung medial derart inszenierte, passe eigentlich nicht zu ihm, sagt eine Politikerin, die anonym bleiben will. Piller agiere lieber im Hintergrund. Auch an öffentlichen Anlässen sei er nicht anzutreffen, es sei denn, er lädt ein.

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Ein FDP-Mann, der früher im Grossrat mit Piller politisierte, betont dessen rhetorische Begabung. «In seiner Partei hat man auf ihn gehört. Und wenn er zu einem Thema Stellung nahm, kannte er das Dossier in- und auswendig.»

Der Vater von drei erwachsenen Kindern und einer neunjährigen Tochter gilt als hyperaktives Arbeitstier. Piller sagt es so: «Was ich mache, ist für mich keine Arbeit, es ist meine Leidenschaft.» Er liebe es, mit Leuten aus den verschiedensten Gebieten zusammenzuarbeiten.

Piller stösst in Freiburg auch auf Kritik

Dass er so viele Hüte trägt, kommt in Freiburg nicht nur gut an. Piller sei eigentlich eine tragische Figur, heisst es. Er möchte geliebt werden, werde es aber nicht. Das ist teils auch selbst verschuldet.

So kaufte er 2006 der Stadt Freiburg ein Gebäude für 6,5 Millionen Franken ab, beklagte sich später, der Untergrund sei verseucht und forderte 5 Millionen Franken Schadensersatz. Die Stadt musste ­zahlen – Piller gewann das Gerichtsverfahren in zweiter Instanz. Im selben Jahr ­endete seine Politkarriere mit einer ­Abwahl. Im Kanton befürchtete man, er würde politische und private Interessen zu sehr ver­mischen. Da hilft es eben auch nicht, wenn man bei wichtigen Entscheidungen in den Ausstand tritt, wie er oft betont. Seine Macht schwingt trotzdem immer mit.

In der extrem auf Korrektheit bedachten Migros-Zentrale hatte man mit Pillers verschiedenen Interessen schon länger Mühe. Dass in der heutigen Wirtschaft mit all ihren Compliance-Richtlinien noch immer einer als Verwaltungsratspräsident, Bauherr und Anwalt gleichzeitig auftritt, ist eigentlich undenkbar. So kam es wohl anfangs nicht ungelegen, als der Whistle­blower seinen Verdacht äusserte.

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Livschitz-Bericht als Ursprung des Problems

Sobald im Gespräch das Migros-Thema aufkommt, weicht Pillers Charme schlagartig einem ernsten Ausdruck, seine Stimme fällt zwei Oktaven tiefer. Als ­Ursprung des Problems sieht er den vom MGB in Auftrag gegebenen Bericht des Strafrechts- und Korruptionsexperten Mark Livschitz.

Im Dezember 2018 wurden er und der Präsident des Auditausschusses der Migros in Pillers Büro vorstellig. «Ich habe jedoch bis heute nie eine Vollmacht gesehen», sagt Piller und hämmert mit dem Zeigefinger auf den Tisch. Also habe er auch nicht sämtliche Bücher geöffnet. Ende März wurde der Bericht abge­schlossen, mit vernichtendem Ergebnis für Piller.

Am 24. Juni reichte er Strafanzeige ­gegen unbekannt ein und nannte Livschitz als mutmasslichen Täter. Eine Woche ­später deponierte der MGB die Straf­anzeige gegen Piller. Bald darauf tat es ihm die Direktion der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg gleich – sie hatte von den Wirtschaftsprüfern der KPMG ebenfalls einen Bericht erstellen lassen, der gegen Piller ausfiel. Dass ihn die Direktion seiner eigenen Genossenschaft anzeigte, war eine regelrechte Kriegserklärung. Und der Beginn einer öffentlichen Schlammschlacht, in der Migros nicht gut aussehen sollte.

Dabei hätte wenige Tage davor noch ­alles en famille und mit Vernunft gelöst werden können, wie eine involvierte Person sagt. Mitte Juni lancierte die Dutt­weiler-Stiftung einen gross angelegten Mediationsversuch. Die Idee: Staranwalt Peter Nobel sollte eine unabhängige und neu­trale Untersuchung starten.

Am Samstagmorgen trafen sich in der Klubschule beim Bahnhof Bern rund 25 Personen, darunter neben der Piller-Seite auch der damalige Noch-Migros-Präsident Andrea Broggini und seine Nachfolgerin Ursula Nold. Piller und seine Anwälte waren mit der Idee einverstanden, pochten aber da­rauf, dass sich die Untersuchung nicht auf den Livschitz-Bericht beziehen dürfe. Broggini bedingte sich Bedenkzeit aus, am Dienstag verwarf er den Mediationsversuch. «Mit der Anzeige versuchte Broggini, ein paar Tage vor seiner Amtsübergabe das Problem zu ­lösen», sagt der Insider.

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Piller erstellte Gutachten um Gutachten

Im Herbst steuerte die Affäre auf den ­Höhepunkt zu. Sämtliche Migros-Gremien waren gegen Piller, einzig die Verwaltung seiner Genossenschaft hielt noch zu ihm. Ein Rücktritt kam trotzdem nicht in Frage. Es wäre einem Schuldeingeständnis gleichgekommen. Migros blieb also nur ein Mittel: die Genossenschaftsmitglieder in den Kantonen Neuenburg und Freiburg abstimmen zu lassen.

Piller feuerte nun mit seinem gesamten Arsenal an kommunikativer und juristischer Munition: Er liess ebenfalls Gutachten erstellen, organisierte Medienkonferenzen und verpasste dem MGB mit superprovisorischen Verfügungen Maulkörbe. Obwohl selbst ein von ihm via Verwaltung der Genossenschaft in ­Auftrag gegebener Bericht auf Widersprüche in Pillers Argumentation hinweist, schaffte er es, das Ergebnis öffentlich so darzustellen, dass es ihm entlastende Schlagzeilen brachte.

In ganzseitigen ­Zeitungsinseraten inszenierte er sich nun als Verfechter der Werte von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Und er griff zu einem Mittel, das in der Romandie oft zieht: dem Anti-Zürich-Reflex. So sei es eine Machtdemonstration aus der Zentrale, mit dem Ziel, den welschen Patron nach 23 verdienstvollen Jahren für Migros loszuwerden.

Ein Inserat in den «Freiburger Nachrichten», in dem sich Piller als Verfechter der Werte von Gottlieb Duttweiler inszeniert.

Das Inserat in den «Freiburger Nachrichten», in dem sich Piller als Verfechter der Werte von Gottlieb Duttweiler inszeniert.

Quelle: ZVG
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Was unternahm der MGB dagegen? Schweigen. «Als Migros-Chef hätte sich Fabrice Zumbrunnen äussern sollen», sagt eine Person aus dem inneren Migros-Umfeld. «Auch wenn es eine Angelegenheit auf Ebene des Verwaltungsrats war.» Zumal Zumbrunnen zwischen 2005 und 2012 unter Damien Piller die Genossenschaft Neuenburg-Freiburg leitete und gemeinhin als sein Ziehsohn gilt.

Ohrfeige gegen die Zentrale

Dass Piller die Abstimmung mit 64,5 Prozent derart deutlich gewann, ist für ihn eine Genugtuung. Und eine Ohrfeige gegen die Zentrale. Laut Kommunikations­experte Sacha Wigdorovits hätte Migros besser auf die Urabstimmung verzichtet: «Es ist schwierig, als ‹Goliath› einen ­solchen Kampf gegen eine in ihrem Umfeld Freiburg so bekannte Einzelperson zu ­gewinnen.» Zudem sei Migros als Institution viel weniger frei in ihrer Kommunikation als Piller, der nur sich selbst gegenüber verantwortlich ist.

Für Migros war die Urabstimmung ein teurer Spass: Laut Piller hat sie seine Genossenschaft eine halbe Million Franken gekostet. Ob beim Urnengang jedoch alles korrekt zuging, untersucht derzeit die Staatsanwaltschaft Neuenburg. Es sind 400 womöglich gefälschte Wahlzettel aufgetaucht, die zugunsten Pillers ausfielen.

Auch in Freiburg ist noch unklar, ob der Staatsanwalt eine Strafklage erheben wird. Stellt er das Verfahren ein, wäre das ein Super-GAU für Migros. Derzeit laufen noch immer die polizeilichen Voruntersuchungen. Im MGB ist man jedoch überzeugt, dass es zum Prozess kommt und man ­diesen gewinnt. Piller würde auch dann einen Weg finden, sich elegant aus der ­Affäre zu ziehen. Als Migros-Regionalfürst ist er zwar gefallen. König von Freiburg wird er bleiben. Dafür ist er zu wichtig für die Region.

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