Noch sind 2020 erst wenige ­Wochen vergangen, und schon vermeldet der Versicherungskonzern Helvetia die Übernahme von 70 Prozent der Aktien des spanischen Versicherers Caser. Mit diesem Deal stärke die Gruppe ihre Stellung auf der iberischen Halb­insel und erhöhe ihre europäischen Aktivitäten substanziell, heisst es bei der Helvetia. Substanziell ist auch der Kaufpreis, den das Unternehmen für den spanischen Versicherer aufwirft: 780 Millionen Euro. Im Vorjahr wäre der Deal damit die siebtgrösste ­Akquisition einer ausländischen Firma durch ein hiesiges Unternehmen gewesen (siehe Tabellen zum Download unten).

Auch wenn 2019 die Übernahme- und Fusionsaktivitäten (Mergers & Acquisitions, M&A) mit Schweizer Beteiligung markant zurückgegangen sind, scheint der Hunger nach Leckerbissen in Form von attraktiven Gesellschaften aus dem Ausland noch lange nicht gestillt. Für den Einbruch der M&A-Transaktionen im vergangenen Jahr gibt es mehrere Erklärungen.

Gefrässige US-Unternehmen

Eine davon ist das global angespanntere Wirtschaftsklima. «2019 haben wir eine deutlichere Zurückhaltung seitens der Unternehmen festgestellt – nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa», analysiert Marc Möckli, M&A-Experte und Partner bei der auf Unternehmenstransaktionen spezialisierten The Corporate Finance Group. Hierzulande sei es zu gut einem Drittel weniger Deals mit Beteiligung von Schweizer Unternehmen gekommen. Zudem hätten die grossen Abschlüsse gefehlt. «2019 war kein Boom-Jahr», fasst Möckli zusammen.

Dies gilt auch auf globaler Ebene. Gemäss den Zahlen des Research-Unternehmens Dealogic erfolgten im vergangenen Jahr Transaktionen in der Höhe von insgesamt 3,8 Billionen Dollar. Gegenüber 2018 entspricht dies einem Rückgang um 1 Prozent. Besonders gefrässig waren 2019 die Unternehmen in den USA, wo das M&A-Volumen um 13 Prozent auf 1,8 Billionen Dollar gestiegen ist, während in Europa ein Rückgang um 30 Prozent auf 760,2 Milliarden Dollar festgestellt wurde.

An acht der zehn grössten Transaktionen 2019 waren amerikanische Gesellschaften beteiligt, angeführt von der Fusion der Luftfahrtsparten von United Technologies und Raytheon für schuldenbereinigt 86,2 Milliarden Dollar und vom Kauf des Krebsspezialisten Celgene durch den US-Pharmagiganten Bristol-Myers Squibb für 84 Milliarden Dollar. Am meisten Unternehmen wurden in den Sektoren Technologie und Gesundheitswesen einverleibt.

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«Angesichts der positiven Wirtschaftsentwicklung und des anhaltenden Aufwärtstrends an den Börsen überrascht der Rückgang im M&A-Markt, wobei 2018 ein Rekordjahr war», sagt Möckli. Nach wie vor sei sehr viel Liquidität im Markt vorhanden. Aufgrund der sehr tiefen Finanzierungskosten seien auch die durchschnittlichen Übernahmepreise weiter angestiegen. «Die Zurückhaltung hat sich vor allem dort manifestiert, wo über Unternehmen verhandelt wurde, die gewisse Defizite aufwiesen», erklärt der M&A-Experte.

Übernahmen und Fusionen bei fünf der grössten Schweizer Konzern im Überblick:

Wenn also nur das Filet einen Hochgenuss versprach, die Beilagen aber nicht zu überzeugen wussten, kam es in vielen Fällen nicht zu einem Abschluss. Hier machte sich die erhöhte Risikoaversion bemerkbar, die aufgrund der zunehmenden Unsicherheiten infolge des Handelskonflikts zwischen den USA und China oder de Brexit in Europa aufgekommen waren.

Megadeals fehlten

Die Kauf- und Fusionsaktivitäten der Schweizer Big Shots allerdings haben die veränderten Rahmenbedingungen nur wenig beeinträchtigt. Ein Blick in die Statistik der vergangenen Jahre zeigt, dass der Übernahmehunger von Firmen wie Novartis oder Nestlé insgesamt konstant geblieben ist. Im Gegensatz zu den Vorjahren fehlten diesmal ­jedoch die sogenannten Megadeals mit Volumina von über 10 Milliarden Franken. Die Ausnahme: der Verkauf des Skin-Health-Geschäfts von Nestlé an ein Konsortium unter der Führung von EQT Partners aus Schweden für 10,2 Milliarden Franken. «Vielfach handelte es sich bei den Deals im Jahr 2019 um Fokussierungs- und Ergänzungstransaktionen», erklärt Möckli.

Entgegen der verbreiteten und auch gefürchteten Annahme, dass hiesige Unternehmen reihenweise in die Hände von ausländischen Investoren fallen, waren die Schweizer Käufer auch im vergangenen Jahr wieder in der Überzahl – im Vergleich zu 2018 sogar noch deutlicher. So traten in den 489 Deals, an denen inländische Gesellschaften beteiligt waren, in 47 Prozent die hiesigen Unternehmen als Käufer auf, während nur 33 Prozent zur Zielscheibe von ausländischen Firmen wurden.

Im Vorjahr lag der Wert noch bei 42 respektive 31 Prozent. Besonders in Westeuropa verschaffen sich die hiesigen Firmen gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens KPMG auf diesem Weg ­vermehrt einen Marktzugang. Gemessen an der Zahl der Transaktionen kam es 2019 hierzulande in den Sektoren IT, Medien und Telekom mit 128 vor ­Chemie, Bau und Rohstoffe mit 115 sowie ­Finanzdienstleistungen mit 102 zu den meisten Ab­schlüssen. Volumenmässig war dagegen im Health­care-Bereich mit 30,357 Milliarden Franken am meisten los.

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Vor allem KMU lohnen sich

Die Befürchtung, dass die Schweizer Unternehmen in den vergangenen Jahren an Attraktivität eingebüsst haben und deshalb nicht mehr ins ­Visier von hungrigen Konzernen geraten, teilt M&A-Experte Möckli nicht. «Es gibt nach wie vor viele spannende Schweizer Unternehmen, für die ein Angebot zu lancieren sich lohnt», ist er überzeugt. Zu denken sei hier vor allem an KMU, bei denen in den kommenden Jahren immer wieder Nachfolgelösungen anstehen.

Für 2020 scheinen die Aussichten jedenfalls gut – es sei denn, der M&A-Markt habe eine Entwicklung vorweggenommen, die an der Börse noch folgen könnte. «Bisher zeigten die beiden Bereiche eine parallele Entwicklung: Wenn es an der Börse aufwärts ging, boomte auch der M&A-Markt», sagt Möckli. Sollten die ­Finanzmärkte aber korrigieren, hätte dies auch ­negative Auswirkungen auf das M&A-Geschäft.