Seit Herbst 2013 steht Ulrich Spiesshofer an der Spitze von ABB. Der Konzernlenker musste fast jedes Jahr einen Umsatzrückgang verkünden – 2016 schrumpfte ABB um 5 Prozent.

Doch eigentlich hat sich Spiesshofer zum Ziel gesetzt, mit ABB bis 2020 um jährlich 3 bis 6 Prozent zu wachsen. Die Wende soll bald gelingen, Spiesshofer rief 2017 zum «Übergangsjahr» aus.

Der grösste Zukauf unter Spiesshofer

Einen ersten Schritt hin zum mehr Wachstum machte ABB gestern Mittwoch: Der Elektrotechnikkonzern kaufte den österreichischen Steuerungshersteller Bernecker & Rainer (B&R) für geschätzte 1,5 bis 2 Milliarden Dollar. Es ist die damit die erste grosse Übernahme seit fünf Jahren.

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Spiesshofer nannte den Kauf die «strategisch wichtigste Akquisition» in der Geschichte von ABB – mit B&R erhalte der Elektrotechnikkonzern eine «wahre Perle». Auch die meisten Analysten lobten den Zukauf. An der Börse hielt sich die Begeisterung dennoch in Grenzen. Kurzzeitig dreht der ABB-Kurs am Mittwochnachmittag sogar ins Minus.

Ein «Start-up» aus Oberösterreich

Die neue Konzerntochter unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von ABB: Das Unternehmen wächst, und zwar rasant. In den letzten zwanzig Jahren hat der Hersteller für Maschinen- und Fabrikautomation seinen Umsatz im Schnitt um 11 Prozent gesteigert – das ist ein mehr als doppelt so starkes Wachstum wie der Markt. Eine solches Tempo können sonst nur Jungunternehmen vorweisen.

Auch die Gründungsgeschichte erinnert an ein Start-up: Die beiden Unternehmer Erwin Bernecker und Josef Rainer gründeten die Firma 1979 im Keller einer Bank. Fast 40 Jahre später verkaufen die beiden Eigentümer einen Konzern mit mehr als 3000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 600 Millionen Dollar. B&R beliefert mehr als 4000 Maschinenbauer mit programmierbaren Steuerungsgeräten und Industrie-Computern.

Das Ziel ist die Marktführerschaft

ABB wird dank B&R zur klaren Nummer zwei im Markt für Industrieautomation hinter dem deutschen Konkurrenten Siemens. Emerson und General Electric aus den USA sind abgeschlagen auf Platz drei und vier. «Unser Ziel ist es, einen Weltmarktführer in der Industrieautomation zu bilden», sagte Spiesshofer. Er sieht im 20-Milliarden-Dollar-Markt für Maschinen und Industrieautomation nur Platz für zwei grosse Anbieter.

Neu hat die ABB-Division Industrieautomation einen Umsatz von 15 Milliarden Dollar – und verfügt dank den Österreichern über das Know-how, welches ABB bisher gefehlt hat, die sogenannte speicherprogrammierbare Steuerung für Maschinen (SPS). Als Teil von ABB soll der B&R-Umsatz innert fünf Jahren auf 1 Milliarde Dollar steigen. 

Eine Kleinstadt wird ABB-Zentrum

Nicht nur Spiesshofer lobt den Deal in höchsten Tönen. Für den B&R-Mitgründer Josef Rainer ist die Übernahme durch ABB laut der «Presse» eine «fantastische Chance für die österreichische Industrie und Oberösterreich». Die Kleinstadt Eggelsberg nahe der deutschen Grenze wird zu ABBs globalem Zentrum für Maschinen- und Fabrikautomation.

Mit dem Deal wird die schweizerische-schwedische ABB ein bisschen österreichisch. Jetzt hat der Elektrotechnikkonzern auf einen Schlag hunderte von neuen Mitarbeitern im Nachbarland – heute beschäftigt ABB Österreich lediglich rund 370 Personen.

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