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Probleme
Das Möbel-Imperium Steinhoff zeigt Risse

Stuhl-Skulptur (Symbolbild): Die Möbel-Firma Steinhoff hat Probleme. Keystone

Das Geschäft von Steinhoff lief glänzend. Doch nun ist Europas zweitgrösster Möbelhändler ins Strudeln geraten. Behörden untersuchen den Jahresabschluss - und Deals in der Schweiz werfen Fragen auf.

Von Marc Badertscher
am 04.10.2017

Manchmal sind es wenige Worte, die zeigen, wie sich eine Firma sieht. «Das Leder für Sieger» lautet der Slogan, den der Möbelgigant Steinhoff für eine seiner Marken schützen liess.

Ganz abwegig war der Griff nach dem «Sieger»-Bild nicht. Jahrelang war der Konzern unter der Führung von Chef Markus Jooste Synonym für Aufbruch und unbändige Expansion. Auch in der Schweiz. 19 Conforama-Geschäfte und 22 Lipo-Fi­lialen gehören inzwischen zum hinter Ikea zweitgrössten Möbelkonzern Europas. Kürzlich bündelte er in der Westschweiz den internationalen Einkauf.

Das Sieger-Bild bekommt Risse

Zuletzt allerdings bekam das Sieger-Bild Risse. An der Börse verlor die Aktie innerhalb eines Jahres rund 30 Prozent an Wert. Ehemalige Geschäftspartner begannen, Fragen zu Geschäftspraktiken aufzuwerfen. In den Niederlanden finden Anhörungen vor Gericht statt. Der Vorwurf lautet, der Jahresabschluss von Steinhoff sei nicht korrekt. Der Konzern «weist dies vehement zurück».

Mindestens so unan­genehm ist die Lage in Deutschland. Dort geht die Staatsanwaltschaft Oldenburg dem Verdacht der gesetzeswidrigen Bilanzierung nach. Laut dem «Manager Magazin» stehen Käufe von Unternehmen und Verkäufe von Geschäftsfeldern im Zentrum.

Die Schweiz ist ein Schlüsselland

Die Schweiz spielt bei den M&A-Aktivitäten des Konzerns eine beträchtliche Rolle. Steinhoff hält Verbindungen zu ­einem bisher kaum bekannten Geflecht von Firmen in der Schweiz. Das zeigen Auswertungen aus Unterlagen von Handelsregisterämtern, die der «Handelszeitung» vorliegen. Es geht um Beteiligungen und Darlehen von Hunderten von Millionen Franken. Was in der Schweiz passiert, schlägt sich in der ­Bilanz des Steinhoff-Imperiums nieder. Die Frage steht im Raum: Warum macht Steinhoff das?

Im Zentrum des Schweizer Geflechts steht die Gesellschaft Campion Capital mit Sitz in Martigny VS. Über sie weiss man wenig, im Jahresbericht von Steinhoff taucht sie nicht auf. Wenn Steinhoff geschäftlich mit Campion oder deren Tochtergesellschaften zu tun hat, dann spricht der Konzern öffentlich stets von einer «europäischen Private-Equity-Firma» und zuletzt sogar von einer «unabhängigen Drittpartei».

Deals lassen Fragen offen

Doch so ganz vom Steinhoff-Impe­rium unabhängig sind Campion Capital und deren Tochtergesellschaften möglicherweise nicht. Das legen zwei Transaktionen zwischen Steinhoff-Firmen und Campion-Capital-Töchtern nahe.

Der eine Deal hat seinen Ursprung in Südafrika, wo neben Chef Jooste auch Steinhoff-Präsident Christo Wiese wohnt. Dort besitzt der Konzern zahl­reiche Möbel- und andere Konsumgütergeschäfte. Wie in der Branche üblich, offerierte Steinhoff seinen Kunden die Möglichkeit, den Kauf seiner Möbel und ­anderer Produkte über Kredite zu finanzieren, was den Absatz fördert. In Südafrika war es die Steinhoff-Tochter JD Group, welche dieses Kreditgeschäft betrieb. Das Problem war nur, dass deren Division JD Consumer Finance (JDFS) mit der Zeit grosse Verluste schrieb. 2014 waren es rund 150 Millionen Franken. Im Jahr darauf nochmals so viel. Das sind selbst für einen Riesen wie Steinhoff sub­stanzielle Beträge.

Die Abspaltung ist geplatzt

Steinhoff versuchte daraufhin, JDFS zu verkaufen. Man kam ins Gespräch mit einer Tochter der franzö­sischen Bank BNP Paribas, und eine Zeit lang schien es, als gelinge die Abspaltung. Aus einem Urteil der südafrikanischen Wettbewerbsbehörde geht hervor, dass der Deal letztlich scheiterte. Aus dem Umfeld des Konzern heisst es, BNP Paribas habe sich zurückgezogen.

2016 schrieb JD Consumer Finance einige weitere Millionen Verlust, aber schliesslich konnte der Konzern den Verkauf doch noch bekannt geben. Der Geschäftsbereich sei an «ein europäisches Private-Equity-Konsortium» gegangen.

Das Bild hat sich gebessert

Nach dem Abstossen der Division sieht das Bild für die Steinhoff-Gruppe besser aus. Allfällige künftige Verluste aus der Kreditfinanzierung – sollten solche weiterhin folgen – würden nun die Bilanz der börsenkotierten Steinhoff nicht mehr belasten, sondern bei der neuen Eigentümerin – der südafrika­nischen Wands Investments – anfallen.

Hier beginnt die Spur in die Schweiz. Wands Investments ist eine 100-prozentige Tochter von Fulcrum Financial Services aus Martigny, welche letztlich eine 100-prozentige Tochter von Campion Capital ist. Kurz: Das «europäische Private-Equity-Konsortium» ist ein Schweizer Firmengeflecht (siehe Diagramm rechts).

Der Ex-Finanzchef ist mit an Bord

Doch das wirklich Erstaunliche sind die Personen, die dahinterstehen: Das beginnt schon beim Aktionariat von Campion Capital. Die Gesellschaft wurde 2014 mit je 50 000 Franken von Siegmar Theodor Schmidt, Jean-Noël Pasquier und George Alan Evans gegründet. Alle drei haben enge Banden zum Steinhoff-Imperium. Schmidt war Finanzchef von Steinhoff Europe. Die beiden anderen bekleideten Mandate innerhalb der Steinhoff-Gruppe oder haben personelle Beziehungen.

Es gibt noch mehr Verflechtungen. Cédric Schem galt als «erste Ansprechperson» von Campion Capital. Inzwischen ist er zum Direktor und Übernahme-Manager bei Steinhoff International aufgestiegen. Und bei der Campion-Tochter Fulcrum Financial Services firmiert Jan van der Merwe, der frühere Finanzchef der JD-Gruppe.

Verschwundene Risiken

Ist dieses Firmengeflecht tatsächlich von Steinhoff unabhängig? Vor zwei Wochen pochte Steinhoff öffentlich darauf und versandte im Zusammenhang mit der juristischen Auseinandersetzung in den Niederlanden ein Mediencommuniqué. «Steinhoff weist darauf hin, dass JDFS während des Finanzjahrs 2016 an eine unabhängige Drittpartei verkauft wurde», steht darin. Dem Unternehmen nahestehende Kreise erklären, die drei Campion-Capital-Gründer agierten als unabhängige private Investoren.

Doch Pasquier und Evans von Campion Capital sind auch Direktoren von zwei Gesellschaften, die zusammen mit der Steinhoff-Führung einen Aktionärs- und Stimmenpool bilden. So steht es im Prospekt zum Börsengang von Steinhoff in Frankfurt.

Konzern betont Unabhängigkeit

Aus welchen Gründen auch immer ist es dem Konzern wichtig zu signalisieren, dass keine Verbindungen mehr bestehen zu JDFS. «Das Unternehmen ist den Kreditbüchern von JDFS nicht weiter ausgesetzt», fügte Steinhoff in jener Medienmitteilung hinzu. Gegenüber der «Handelszeitung» wiederholt eine Sprecherin von Steinhoff diese Aussage.

Die Risiken der ausstehenden Kredite dürfte nun die neue Eigentümerin tragen, also das Firmengeflecht um Cam­pion Capital. Allerdings ist nichts über die finanzielle Situation dieser Firmen bekannt. Ebensowenig, wer letztlich die Campion-Capital-Tochter Fulcrum Financial Services finanziert und so für ­allfällige Verluste des JD-Kreditgeschäfts aufkommen müsste. «Es gibt keine direkte ökonomische Beziehung zwischen Campion und der Steinhoff-Gruppe», sagt die Sprecherin.

Kaskade von Besitzerwechseln

Doch im Wallis geschehen noch andere ökonomisch relevante Dinge. Während die Conforama-Filiale in Conthey ihre Kundschaft mit tiefen Preisen lockt, werden etwas weiter unten im Tal hohe Millionentransaktionen verbucht. Ort des Geschehens ist natürlich Martigny, und die relevanten Vorgänge begannen im Jahr 2014.

Damals verkaufte die Steinhoff-Gruppe für 488 Millionen Euro ihre im Markenrecht tätige Baarer Firma GT Global Trademarks, die übrigens die Rechte am Leder-für-Sieger-Slogan hält. Die Firma ging an eine «Drittpartei», und von dort an die GT Branding Holding, an der sich Steinhoff mit 45 Prozent beteiligte. Die anderen 55 Prozent hält indirekt Campion Capital.

Wozu die Übung?

Unter dem Strich heisst das: Die Trennung von der Trademark-Tochter war nur von kurzer Dauer. Wozu also die ganze Übung? Steinhoff erklärt, die neue Firma sei breiter aufgestellt als die alte, und man wollte mit dem neuerlichen Einstieg die Weiterentwicklung und Stärkung der Marken ermöglichen und am Erfolg partizipieren.

Noch erstaunlicher als die Kaskade von Besitzerwechseln ist die Bilanz von GT Branding: Obschon Steinhoff nur Minderheitsaktionär ist, finanziert der Konzern die Firma fast vollständig alleine. Das geht aus den in Martigny deponierten Statuten hervor. Konkret hatte die Steinhoff Möbel Holding Alpha GmbH der GT Branding ein Darlehen über 809,8 Millionen Franken gewährt.

2015 mit Verlust

Wie gut GT Branding finanziell dasteht, ist unklar. 2015 jedenfalls resultierte laut Handelsregisterangaben ein Verlust. Und 2016 wurde GT Branding umstrukturiert und es kam zu einer Kapitalerhöhung, bei der die Hälfte des Steinhoff-Darlehens in Partizipationsscheine ohne Stimmrecht umgewandelt wurden.

All diese Transaktionen haben Konsequenzen: Da der Konzern nur Minderheitsaktionär ist, muss er GT Branding nicht konsolidieren. Das übernimmt nun Fulcrum Investment Partners und damit letztlich Campion Capital. Aus den Bilanzen der kotierten Steinhoff sind so signifikante Summen an negativem Working Capital verschwunden. Auch müssten allfällige Verluste bei GT Global Trademarks nicht mehr direkt verbucht werden. Gleichzeitig erhält Steinhoff Zinsen für seine Darlehen.

Deutsche Justiz ermittelt

Steinhoff sagt, die Darlehen seien erst nach dem Einstieg bei GT Branding ­gemacht worden und die Umwandlung eines Teils des Darlehens in Partizipa­tionsscheine sei als eine «angemessenere Kapitalstruktur sowohl für Steinhoff wie GT Branding» erachtet worden. Warum sich diese aufdrängte, bleibt offen.

In Deutschland bemüht sich die Oldenburger Staatsanwaltschaft, Licht in das Dickicht der Steinhoff’schen Beteiligungen und deren Bilanzierungen zu bringen. Laut «Manager Magazin» haben die Fahnder auch zwei Personen im Visier, die für die «unabhängige» Cam­pion Capital oder deren Tochterfirmen zeichnen. Ob sich Oldenburg für Martigny und das Firmengeflecht interessiert, ist offen. Ein Rechtshilfegesuch ist in Bern jedenfalls nicht eingegangen und die Staatsanwaltschaft im Wallis wurde nicht angefragt.

Keine Wertverminderung

Steinhoff erklärt, man widerspreche vehement der Ansicht, der Konzern habe «Off-Balance-Sheet-Geschäfte». «Die Entscheidungen für alle Transaktionen basieren nur auf ökonomischen Gründen», sagt eine Sprecherin. Die Darlehen seien einforderbar. Es gebe keine Wertminderung, da die Risiken als tief erachtet werden. Vorderhand wird das Geflecht in der Schweiz grösser. Erst letzten Monat gründeten die Campion-Capital-Macher in Martigny eine neue Firma. Sie heisst TG Group Holding und hat den Zweck, Übernahmen zu tätigen und Beteiligungen zu verwalten.

Steinhoff hat für alle Fälle vorgesorgt. Unter den vom Imperium verwalteten Slogans für seine Marken finden sich jedenfalls nicht nur Sieger-Floskeln. Eine eignet sich bestens für harte Zeiten. Sie lautet: «Punch – die Nehmer-Qualität».

 

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