Das Bild vom Kampf der Giganten wurde schon immer gerne bemüht, wenn es um Roche und Novartis ging. Allerdings kamen sich die beiden Konzerne beim Geschäft gar nicht so oft in die Quere. Denn dazu waren sie zu verschieden.

Doch nun verschärft sich die innerstädtische Rivalität. Nach dem Ausstieg aus den nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten und dem Verkauf von Alcon konzentriert sich auch Novartis darauf, in einigen wenigen Therapiegebieten neue Behandlungsstandards zu setzen.

Die beiden Konzerne sind sich ähnlicher geworden und kommen sich deshalb immer häufiger direkt ins Gehege. Roche oder Novartis – das ist heute ein Kopf-an-Kopf-Rennen darum, wer auf matchentscheidenden Therapiefeldern wie Nervenkrankheiten oder Krebs die Nase vorn hat. 

Das Basler Derby wird neu aufgelegt – eine Analyse in drei Punkten:

Fall 1: Multiple Sklerose

Ein erstes Showdown zeichnet sich bei der Behandlung von multipler Sklerose (MS) ab, einer Indikation, deren Markt-potenzial auf mehr als 20 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Die erste Runde ging an Roche. Dem Unternehmen ist es im vergangenen Jahr gelungen, in dieser heiss umkämpften Indikation einen neuen Therapiestandard zu setzen. Ocrevus, eine neue Formulierung des Brustkrebsmittels Herceptin, ist der neue Star im Portfolio von Konzernchef Severin Schwan und kam angesichts der Patentabläufe der drei Blockbuster Mabthera/Rituxan, Avastin und Herceptin und der dadurch bedrohten Milliardenumsätze wie gerufen.

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Der Start war fulminant

Der Start war fulminant: Blockbusterstatus nach einem Jahr, 15 Prozent Marktanteil in den USA nach 20 Monaten, Zulassung in 74 Ländern, 80 000 behandelte Patienten und einen Umsatz von 2,4 Milliarden Franken per Ende 2018. Bis 2025 soll Ocrevus mehr als 5 Milliarden Franken Umsatz machen.

Doch nun bekommt das neue Vorzeigeprodukt von Roche Konkurrenz von der anderen Seite des Rheins. Im März hat Novartis von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA grünes Licht für das MS-Medikament Mayzent bekommen – und zwar nicht nur für die übliche schubförmige MS, sondern auch für eine schwerere, chronische und fortschreitende Form, wie sie 80 Prozent der MS-Patienten entwickeln. 

Mehr noch: Der Herausforderer vom Campus wartet auch noch mit einem Algorithmus-basierten Test auf, mit dem sich die beiden Formen der Krankheit zuverlässig und präzis unterscheiden lassen. «Der Test dürfte die Verschreibung von Mayzent verbessern, was sich in einer guten Umsatzdynamik auch gegen den grossen Konkurrenten Ocrevus niederschlagen dürfte», schreibt die ZKB. Zudem will Novartis-Chef Vas Narasimhan im zweiten Halbjahr 2020 mit einem zweiten MS-Medikament auf den Markt kommen. Es heisst Ofatumumab und soll das -Roche-Medikament Ocrevus bei der primären Form von multipler Sklerose direkt konkurrenzieren. Der Kampf um Marktanteile kann beginnen.

Fall 2: Spinale Muskelatrophie

Etwas anders als bei multipler Sklerose liegen die Dinge bei der spinalen Muskelatrophie SMA. Hier geht es darum, überhaupt erst eine wirklich wirksame Therapie zu finden. SMA ist eine seltene, verheerende Krankheit, für die es bis jetzt kaum Medikamente gibt. In ihrer schwersten Form führt die genetisch bedingte Nervenkrankheit dazu, dass die meisten der betroffenen Kinder innerhalb der ersten zwei Lebensjahre sterben. Patienten mit einer weniger gravierenden Form können zwar frei sitzen, werden aber nie selbstständig gehen können. 

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Doch auch bei SMA wird es zu einem Gegenüber von Roche und Novartis kommen, wenn auch mit umgekehrter Rollenverteilung: Novartis legt vor, Roche zieht nach. Mehr noch: SMA gilt auch als erster grosser Testfall dafür, ob Novartis-Chef Narasimhan mit seiner Wette auf die Gentherapien richtig lag. 

Zolgensma, die SMA-Gentherapie von Novartis, kommt aus der 8,7 Milliarden teuren Avexis-Übernahme. Die Studienresultate sind verblüffend. Die Überlebenschancen der betroffenen Kinder konnten massiv verbessert werden. Nach elf Monaten lebten 95 Prozent der mit Zolgensma behandelten Kinder, nach 14 Monaten waren noch 87 Prozent der Kinder am Leben. Ohne Behandlung lägen die Überlebenschancen bei 50, beziehungsweise 25 Prozent. Mehr noch: Auch bei der weniger schweren Form von SMA waren die Resultate sehr gut. 

Doch auch Roche wird bei SMA ein Wort mitzureden haben. Die ersten Studienresultate für Risdiplam waren sehr gut, die Zulassung soll noch in diesem Jahr beantragt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass Novartis rund 40 Prozent des SMA-Marktes besetzen wird, Roche
20 Prozent. Die Wette läuft. 

Fall 3: Krebs

Nummer eins und zwei aller Pharmakonzerne: Das war jahrelang die Rollenverteilung zwischen Roche und Novartis bei Krebs, der wichtigsten Indikation überhaupt. Doch nun werden die Karten neu gemischt. Vorläufig sieht der Zwischenstand so aus: Bei der Immunonkologie hat Roche mit Tecentriq die Nase vorn, dafür kann Novartis für sich in Anspruch nehmen, mit Kymriah die erste Zelltherapie auf den Markt gebracht zu haben. Zudem hat Novartis eine führende radiopharmazeutische Plattform. Bei Krebs wird es deshalb auch darum gehen, welche Technologie sich durchsetzt. 

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Fazit: Die Rede vom Basler Duell zwischen Roche und Novartis wird Wirklichkeit. Innovationsstärke bringt es mit sich, dass man sich in die Quere kommt. 

Beiden Basler Konzernen gemeinsam ist, dass sie sich immer mehr anstrengen müssen, um nicht zurückzufallen. Denn die Hürden für neue Medikamente werden für die ganze Pharmaindustrie immer höher. 

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