Sicher: Definitiv ist die Niederlage von Jeannine Pilloud erst, wenn Ursula Nold als neue Präsidentin der Migros gewählt ist. Zur Wahl schreiten die Delegierten am Samstag. Die Versammlung findet im Migros-Hochhaus am Zürcher Limmatplatz statt.

Die frühere SBB-Managerin Pilloud war seit der Ankündigung ihrer Kandidatur am 1. Februar die Aussenseiterin, die mutige Aussenseiterin. In einem Kommentar fragte die «Handelszeitung» bereits damals: «Begibt sich Pilloud auf eine Mission Impossible?» Und beantwortete die Frage so: «Zumindest begibt sich Pilloud auf einen Weg, auf dem vor ihr noch nie jemand ans Ziel kam.» Tatsächlich haben die Migros-Delegierten noch nie eine Externe oder einen Externen ins Präsidium gewählt.

Ein Argument für Aussenseiterin Pilloud, vier gegen sie

Rund anderthalb Monate später sei deshalb die Frage erlaubt: Ist es Pilloud in der Zwischenzeit gelungen, ihr schlechtes Blatt neu zu mischen? Die wohlwollende Antwort lautet: Nein. Die kritische Antwort: Im Gegenteil!

Es gibt eigentlich nur einen Grund, der für Pilloud spricht: Sie geniesst die Rückendeckung des Evaluationsgremiums. Sie ist die offizielle Kandidatin. Rivalin Ursula Nold ist die Kampfkandidatin.

Aber: Dem einen Grund für Pilloud stehen mittlerweile drei Gründe entgegen, die gegen sie sprechen.

Erstens: Ihr fehlt der Stallgeruch – und damit das Wissen, wie das komplexe Gebilde Migros in der Realität, nicht auf dem Papier, funktioniert. Fünf Jahre etwa brauche man, um die Migros-Struktur zu verstehen, soll Ex-Chef Herbert Bolliger einmal gesagt haben. Will heissen: Die ersten Jahre der Ära Pilloud wären verlorene Jahre. Noch-Präsident Andrea Broggini ist das beste Beispiel dafür, dass selbst ein langjähriges Mitglied der Migros-Verwaltung nahezu wirkungslos bleiben kann. Bei einem Greenhorn wie Pilloud wäre die Wahrscheinlichkeit noch grösser.

Zweitens: Pilloud muss von Delegierten gewählt werden, die bereits seit Jahren von Rivalin Nold als Präsidentin der Delegiertenversammlung geführt werden. Nold ist eine der ihren, Pilloud nicht. Und wählt nicht jede Versammlung lieber jemanden aus den eigenen Reihen als eine, die ihr als bessere Alternative aufs Auge gedrückt wird?

Pilloud verstiess gegen das Gesetz des Schweigens – zum eigenen Nachteil 

Drittens: Pilloud hat in den letzten Wochen wiederholt gegen das Gesetz verstossen, wonach bei der Migros nur gewählt wird, wer vor der Wahl eisern schweigt. Von Nold war kein Piep zu vernehmen. Im Vergleich dazu hechelte Pilloud förmlich von Statement zu Statement. Und nicht alles, was sie äusserte, gereichte ihr zum Vorteil.

Ein Beispiel aus der «NZZ am Sonntag»: «Ich werde nun alles lesen, was mir zur Detailhandelsbranche in die ­Finger kommt.» Im Klartext: In den kommenden Monaten ist Pilloud damit beschäftigt, sich das nötige Rüstzeug für den Job anzueignen.

Zweites Beispiel, aus dem «Sonntagsblick»: «Vielleicht geht es nicht immer nur darum, gegeneinander zu arbeiten. Manchmal muss man auch zusammenspannen», sagte Pilloud mit Blick auf Erzfeind Coop. «Gerade wenn man in der Schweiz mehrere Local Champions hat und Angriffen aus dem Ausland ausgesetzt ist.» Mit Verlaub: Nur weil Amazon eine Konkurrenz für Coop und Migros ist, wird das Schweizer Wettbewerbsrecht noch lange nicht abgeschafft.

«Dutti» mischt immer noch mit

Viertens: Gewichtige Stimmen aus dem Migros-Umfeld haben sich in den letzten Tagen für Ursula Nold – und damit gegen Jeannine Pilloud – ausgesprochen. Zuletzt Jules Kyburz, der Grand Old Man der Genossenschaft. «Dutti würde Nold wählen», schrieb er in einem Leserbrief im «Migros-Magazin». Es ist in der Migros so etwas wie ein Totschlag-Argument: Wenn Übervater Gottlieb Duttweiler selig, «Dutti» eben, jemanden nicht mag, wird es schwierig. Man mag den Leserbrief des 87-Jährigen als Intervention eines Ewiggestrigen abtun. Doch auch aktuelle Manager der Migros – unter anderem Handelschef Beat Zahnd – lassen in sozialen Medien durch die Blume erkennen, dass sie Nold favorisieren.

Kurz: Das Rennen um das Migros-Präsidium ist so gut wie gelaufen.

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