Das britische Kreditkarten-Startup ­Revolut hat in der Schweiz bereits 250'000 Kunden, wie vergangene Woche bekannt wurde. Hat Sie die Zahl überrascht?
Andreas Dietrich: Mich hat weniger die Zahl überrascht als das Tempo, mit dem Revolut gewachsen ist. Noch zum Jahresanfang waren es 70'000 Kunden. Zumal Revolut ja durchaus auch schlechte Presse hatte, wie bei dem Fall, als ein Kunde 30'000 Franken verloren hatte. Die Medien­aufmerksamkeit scheint Revolut insgesamt trotzdem geholfen zu haben.

Lieber Bad News als gar keine News?
Normalerweise schaden schlechte Nachrichten den Startups. Offenbar hat dieser Fall Revolut aber nicht geschadet, im Gegenteil: Konsumenten wurden auf das Angebot aufmerksam und fanden das offenbar toll.

Im Prinzip bietet Revolut einfach eine ­billige Kreditkarte mit einer App. Was unterscheidet es von traditionellen Banken?
Das sind sicher mal die Kosten. Revolut wäre nicht gleich erfolgreich, wenn die Kreditkarte gleich teuer wäre. Es kommt aber noch etwas dazu: Die Leute finden Revolut cool. Ich habe Kollegen, die ­wollen unbedingt, dass ich ihnen Geld via Revolut überweise – und nicht mit Twint.

Andreas Dietrich

Andreas Dietrich, 43, ist Professor und Dozent an der Hochschule Luzern, Institut für Finanzdienstleistungen Zug. Er ist zudem Verwaltungsrat der Luzerner Kantonalbank.

Dietrich zählt zu den der wenigen Experten für die technologische Entwicklung des Schweizer Bankenplatzes. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen, erhielt eine Ausbildung zum Handelslehrer an der Uni Zürich und forschte an der DePaul University in Chicago.

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Das Gleiche, nur anders verpackt. Müssen sich etablierte Banken Sorgen machen?
Wenn es nur die Kreditkarte wäre, wohl nicht. Aber in Grossbritannien bietet ­Revolut mittlerweile auch Börsenhandel ohne Courtagen und Angebote für Firmenkunden an. Die Kreditkarte ist bloss das Einstiegsprodukt, um in den Markt zu kommen. Das sieht man auch bei Apple, das eine eigene Kreditkarte lanciert hat. Es würde mich nicht wundern, wenn später noch mehr käme.

Die etablierten Banken haben sich aus dem Zahlungsverkehr zurückgezogen, weil damit kein Geld zu verdienen ist. ­Unterschätzen sie dessen Bedeutung?
Der Präsident einer grossen Bank sagte mir einmal, der Zahlungsverkehr sei strategisch nicht bedeutend. Ich halte das für eine grobe Fehleinschätzung. Natürlich sind Zahlungen nicht sexy und man verdient damit kein Geld. Aber sie bilden den täglichen Kontakt zum Kunden und generieren gleichzeitig viele Daten.

Das Geld verdienen die Banken mit der Vermögensverwaltung reicher Kunden.
Unterschätzen Sie nicht das Retail-Geschäft, das auch den beiden Grossbanken regelmässige Einnahmen liefert. Die Credit Suisse hat eine Digitaloffensive angekündigt, auf die ich sehr gespannt bin. Doch eines fasst bisher niemand an: den Preis. Man ist noch nicht bereit, Konzes­sionen zu machen. Doch so haben die ­Herausforderer überhaupt erst eine Chance, in den Markt zu kommen.

Revolut

Das britische Startup hat mit seiner kostenlosen Kreditkarte bereits sieben Millionen Kunden gewonnen und baut sein allein über eine Handy-App vertriebenes Produkt nun weiter in Richtung Anlegen aus. Vergangene Woche gab Revolut gegenüber der «Handelszeitung» bekannt, «gegen 250 000 Kunden» in der Schweiz zu haben.

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Schaden sich die Banken mit dieser Verteidigungshaltung?
Das ist wie bei Paypal. Als die damals mit ihrem alternativen Zahlungssystem starteten, hätten die Banken das locker abwürgen können, wenn sie ihre Konditionen angepasst hätten. Das taten sie aber nicht, und so konnte sich Paypal etablieren. Auch jetzt warten wieder alle ab, doch irgendwann wird es zu spät sein. Böte eine etablierte Bank ein Produkt an wie diese Neobanken, hätten es Letztere schwer.

Die CS hat das Kapital, um selbst neue Apps zu entwickeln. Aber was macht eine Regional- oder Kantonalbank?
Auch wenn Sie das Stichwort nicht mehr hören können: Es geht um Ökosysteme. Eine Bank muss sich öffnen und sich mit Angeboten von Drittanbietern verknüpfen. Hier haben wir aber das Problem, dass die heutigen IT-Systeme der Banken da­rauf gar nicht vorbereitet sind.

Die EU zwingt ihre Banken über Gesetze, Schnittstellen für Fintechs zu öffnen. In der Schweiz hingegen gibt es keine solchen Vorschriften. Ist es gut, dass sie ihren ­Banken diesen Schutz gewährt, oder könnte sich das irgendwann einmal rächen?
Ich hoffe nicht, dass man das über Gesetze regulieren muss. Und wenn man sieht, in welche Richtung sich die Welt bewegt, wäre es falsch, diesen Heimatschutz in Anspruch zu nehmen und nichts zu tun.

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Die Banken ruhen sich aus?
Ja, das ist so. Viele sind froh, dass sie sich nicht öffnen müssen, und bleiben defensiv. Zudem sind viele derart in ihren Systemen gefangen, dass sie sich nur langsam bewegen können. Da ist es schwierig, so cool und innovativ zu sein wie die Neobanken.

Welche Schlüsse für die Banken kann man aus Branchen ziehen, welche die digitale Revolution hinter sich haben?
In der Reisebranche wurde zunächst viel digitalisiert. Flüge buchen wir heute online. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Reisebüros, denn viele Leute haben wenig Lust, mühsam Arrangements zusammenzustellen und stundenlang nach guten ­Angeboten zu suchen. Die sagen, was sie wollen, und bezahlen dann die 50 Franken für die Buchung. Auf Banken übersetzt hiesse das: Wir brauchen keine analogen Dienstleistungen für Alltagstransaktionen. Aber der Kunde will nicht selber Research betreiben. Bietet mir die Bank eine gute Beratung für meine aktuelle Lebenssituation, dann hat sie eine Legitimation.

Wenn es ums Bezahlen geht, fallen die Schweizer im internationalen Vergleich noch immer als Bargeldfans auf. Woher kommt diese Kartenaversion?
Wir haben die Schweiz mal mit Schweden verglichen, und da war der grosse Unterschied, dass die Schweizer vor allem für kleine Beträge Bargeld benutzen, die Schweden hingegen nicht. Bei grossen ­Beträgen gab es keine Unterschiede.

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Woher kommt das? Gerade bei Alltags­zahlungen ist es doch praktisch, auf das Hantieren mit Münz zu verzichten.
Wir haben Leute gefragt, warum sie bar, mit Karte oder gar mit dem Handy bezahlen. Egal, welche Methode sie bevorzugten – alle sagten: Weil es schneller geht.

Sind die Schweizer verliebt ins Bargeld?
Das ist schon eine kulturelle Sache. Inte­ressanterweise ist es in Deutschland und Österreich ja ganz ähnlich. Aber ver­glichen mit Schweden gibts noch einen ganz praktischen Grund: In der Schweiz kommen Sie schlicht schneller an Bargeld. Ich wette: Von Ihrem Büro aus brauchen Sie nicht länger als drei Minuten bis zum nächsten Bankomaten. Das ist in Schweden anders. Wenn Sie nur alle drei Tage an einem Geldautomaten vorbeikommen, bezahlen Sie auch eher mit der Karte.