Es erscheint ja wirklich unplausibel, dass eine Kommission – gar eine Kommission, die von Kommissaren der Kommunistischen Partei im grauen Anzug geleitet wird – etwas so Seltsames entwerfen würde wie den Forschungscampus von Huawei.

Die neue Anlage des Telekommunikations-Giganten besteht aus 12 europäischen «Städten», die sich bei der südchinesischen Metropole Dongguan über üppige subtropische Hügel erstrecken. Sie beherbergt 18’000 Wissenschaftler, Designer und andere Intellektuelle in deutschen Schlössern, spanischen Herrenhäusern oder italienischen Palazzi. Diese sind durch einen altertümlichen roten Zug miteinander verbunden. Als Kantinen dienen Illy-Espresso-Bars und französische Bistros. Eine Herde bronzener Nashörner weidet an einem Fluss, der ein falsches Verona von einem Ersatz-Heidelberg trennt.

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Es ist leicht verständlich, weshalb dieser Forschungscampus einen regelmässigen Zwischenhalt bildet auf den Touren, die Huawei ausländischen Journalisten anzubieten begonnen hat. Beeindruckend, verrückt und ein bisschen kitschig, wirkt die Anlage wie ein Beweisstück. Zumindest in seiner Architektur erscheint Huawei hier als exakt das, was es zu sein behauptet: ein privat geführtes Unternehmen, das von den Ambitionen und Spleens seines Gründers Ren Zhengfei geprägt wird – einem ehemaligen Militäringenieur und Freund der europäischen Geschichte.

Gesprächiger High-Tech-Konzern

Nach 30 Jahren, in denen es die Öffentlichkeit mied, hat sich Huawei zu einem der gesprächigsten High-Tech-Konzerne gewandelt, der Journalisten in zuvor geheime Forschungslabors und an seine Handy-Montage-Linien einlädt.

Die Gründe für die gesteuerte Offenheit liegen auf der Hand. Huawei, dessen Umsatz letztes Jahr 720 Milliarden Yuan (gut 100 Milliarden Franken) überstieg, wird von Vertretern der Trump-Regierung und Mitgliedern des US-Kongresses beschuldigt, vom chinesischen Staat wahlweise besessen, subventioniert oder zumindest kontrolliert zu werden. Auch soll es enge Beziehungen zu Armee und Geheimdiensten unterhalten.

US-Beamte werfen Huawei vor, Technologie von amerikanischen und anderen ausländischen Rivalen zu stehlen. Sie spotten über Huaweis Darstellung, wonach die Firma weitgehend im Besitz ihrer Angestellten sei und wonach das hauseigene Komitee der KP von China nichts Düstereres vorhat als etwas Ausbildung und soziale Unterstützung der Mitarbeiter.

Mehr Produkte verlangen lebenslanges Vertrauen

Aussenminister Mike Pompeo reiste monatelang um den Globus und forderte die Verbündeten auf, Huawei nicht beim Aufbau ihrer 5G-Mobilfunknetze mitwirken zu lassen – mit gemischten Erfolgen. Im Mai landete Huawei auf der Liste des US-Handelsministeriums jener Firmen, welche die nationale Sicherheit gefährden könnten.

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Dieser Beitrag wird im Rahmen der Partnerschaft der HZ mit dem «Economist» veröffentlicht. Übernahme und Übersetzung mit Genehmigung.

Quelle: © The Economist

Mit etwas Abstand sehen wir: Die Probleme des Unternehmens verweisen auf ein Rätsel, für das es keine einfache Lösung gibt. Der technologische Fortschritt vergrössert die Liste jener Produkte und Dienstleistungen, die eine lebenslange Vertrauensbasis zwischen Kunden und Lieferanten erfordern. Diese Liste reicht von Chips, die Flugzeuge in der Luft halten, bis zu Geräten, die Stromnetze steuern. Zugleich hat die Globalisierung Lieferketten geschaffen, die Staaten verbinden, welche einander nicht unbedingt mögen.

Akut wird das Problem, wenn diese Stränge Amerika mit China verbinden: hier ein Land, das es sich gewohnt ist, eigene Standards für Technik und Sicherheit festzulegen; da ein schwummriger Mix aus Handelspartner, Konkurrent und ideologischem Rivalen. 

«Die Globalisierung schuf Lieferketten, die Staaten verbinden, welche einander nicht unbedingt mögen.»

Als wir letzte Woche das Hauptquartier von Huawei besuchten, präsentierten hochrangige Mitarbeiter zwei verschiedene Lösungen für das Problem der Hightech-Globalisierung in Zeiten von geringem Vertrauen. Nur eine dieser Lösungen ist wirklich überzeugend.

Diese überzeugende Idee besteht darin, in globalen Lieferketten das Misstrauen eher als technische denn als politische Herausforderung zu betrachten. In diesem Modell kann Misstrauen niemals beseitigt werden, aber man kann es dämpfen. Ein Huawei-Manager mit Erfahrung in afrikanischen und europäischen Märkten – wo die Produkte des Unternehmens als robust und billig gelten – zieht eine Analogie zum «ABC»-Ansatz für Cybersicherheit: «Assume nothing. Believe nobody. Check everything.» Vermute nichts, glaube keinem, überprüfe alles.

Glauben Sie Versprechen der KP China?

Die Spitzenleute von Huawei loben Grossbritannien und andere europäische Länder für einen Risikomanagement-Ansatz mit durchgängigen Sicherheits- und Transparenz-Anforderungen: Alle Unternehmen, die bei einer Infrastruktur wie drahtlosen Netzwerken mitwirken wollen, müssen sich daran halten. Das Prinzip dahinter lautet, dass keinem Produkt alleine aufgrund seines Herkunftslandes bedingungslos vertraut oder misstraut werden sollte.

Die zweite, nicht überzeugende Lösung von Huawei besteht darin, Aussenstehende zu überzeugen: Es gebe mündliche und schriftliche Zusicherungen des Staates, dass Unternehmen aus China nicht Spionen dabei helfen, Geheimnisse zu entwenden. Huawei-Chefs betonen zum Beispiel, dass es kein Gesetz gibt, das chinesische Firmen dazu zwingen könnte, für ihre Spione Hintertüren in digitale Geräte einzubauen. Erinnert man dann an nationale Gesetze, wonach Chinas Unternehmen die Geheimdienste unterstützen müssen, so erwidern die Huawei-Manager, dass solche Gesetze nicht im Ausland gelten.

«Das Prinzip: Keinem Produkt sollte alleine aufgrund seines Herkunftslandes bedingungslos vertraut oder misstraut werden.»

Ein Geschäftsführer des Konzerns beklagt, dass westliche Skeptiker anscheinend Chinas Rechtsstaatlichkeit bezweifeln. Zuweilen ist ein kultureller Graben spürbar. Huawei-Veteranen erinnern an die frühen Jahre ihrer Firma, als staatliche Unternehmen das private Unternehmen schikanierten und Beamte manchmal darauf drängten, Huaweis Auslandsexpansion zu behindern.

China ist jetzt viel offener, sagen diese Veteranen und beklagen, dass Aussenstehende dies nicht sehen. Oder dass sie es vorziehen, sich auf die verbleibenden Differenzen mit dem Westen zu konzentrieren.

Sicherheitsbehörden sind wie Eisberge

Doch leider lässt sich nicht glaubwürdig behaupten, dass Versprechen oder Gesetze die Kommunistische Partei und ihren Sicherheitsapparat bändigen. Die Partei behauptet ausdrücklich, die «absolute Führung» über die Gerichte zu haben, und sie nennt die Unabhängigkeit der Justiz einen westlichen Irrtum. Hinzu kommt das aussergewöhnliche Ausmass der sichtbaren Unterdrückungs- und Überwachungs-Maschinerie. Da Sicherheitsbehörden überall in der Regel wie Eisberge sind – mit noch grösseren verborgenen Teilen –, ist es vernünftig, im Falle von China ausserordentlich vorsichtig zu sein.

Ein überzeugenderer Ansatz wäre, wenn Huawei eingestehen würde, dass China anders ist – und dass einigen Parteibefehlen nicht getrotzt werden darf. Hätte man sich mal darauf geeinigt, könnte Huawei sich auf High-Tech-Produkte und Systeme für Bereiche konzentrieren, die wenig oder kein Vertrauen bedingen. Doch die Huawei-Bosse können so nicht argumentieren. Denn dies würde die Parteiführer erzürnen.

Die Schlösser mit den Türmchen sind beeindruckend. Aber um die gepflegten Anlagen herum liegt China.

  • Dieser Artikel erschien am 8. August 2019 in der Printausgabe des «Economist» unter dem Titel: «Distrust and verify»