Grossbritannien hat immer noch keine Vereinbarung mit der Europäischen Union für die Zeit nach dem Austritt. Was würde ein harter Brexit für die britische Börse und Wirtschaft bedeuten?
Es ist in diesem Umfeld extrem schwierig abzuschätzen, wie die Märkte reagieren werden auf den Ausgang des Brexits, sei es eine einvernehmliche Lösung oder ein harter Brexit. Wirtschaftlich betrachtet haben sicher beide Seiten ein Interesse an einer Lösung. Der Brexit ist ein weiteres Beispiel für das hohe disruptive Potenzial an den Märkten. Anleger sollten ihre Portfolios daher konservativ und mit einem Fokus auf Sicherheit ausrichten.

Patrick Beuret Pimco

Patrick Beuret, Schweiz-Chef bei Pimco.

Quelle: ZVG

In welchen Schwellenländern entwickeln sich Wirtschaft und Börse derzeit besonders erfreulich?
Insbesondere die asiatischen Schwellenländer sind relativ betrachtet gut durch die Pandemie gekommen. Die jüngsten Aussenhandelsdaten etwa zu China zeigen deutlich, dass auch die Konjunktur dort rascher Fahrt aufzunehmen scheint während etwa in Europa die zweite Pandemiewelle zu neuen Einschränkungen führt und damit die Wirtschaft noch einmal deutlich an Fahrt verliert. Ein grosser Teil Asiens, der von der beeindruckenden Erholung Chinas profitiert, kann seit einigen Monaten wirtschaftlich weiter wachsen.

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Die meisten grossen börsengehandelten Unternehmen orientieren sich mittlerweile an den ESG-Kriterien. Für wie nachhaltig und tauglich halten Sie das Instrument?
Die ESG-Kriterien sind ein wichtiges Instrument, um Nachhaltigkeitsaspekte mit dem Kapitalmarkt zu verbinden. Wir halten das für sehr wichtig, da die Kapitalmärkte einen grossen Beitrag leisten können für eine nachhaltigere Wirtschaft.

Wir selbst verfolgen einen integrierten Ansatz, bei dem alle Wertpapiere und Emittenten bewertet werden. Aktieninvestoren aber auch Fremdkapitalgeber haben potenziell grossen Einfluss und die ESG-Kriterien stellen quasi ein Gerüst, anhand dessen Verbesserungen beurteilt werden können.

«Ein grosser Teil Asiens kann seit einigen Monaten wirtschaftlich wachsen.»

Wenden wir uns dem allgemeinen Börsengeschehen zu: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Die weltweite Gesundheitskrise hat natürlich tiefgreifende Auswirkungen auf die Konjunktur und die Finanzmärkte und sie ist zugleich ein Katalysator für den Wandel. In vielen Bereichen wie Digitalisierung aber auch Umwelt, die eng mit staatlichen Fördergeldern verknüpft sind, wird der Wandel durch die Krise noch beschleunigt. Das hat weitreichende Auswirkungen auch auf die Aktienmärkte.

Gibt es nebst der Pandemie andere Entwicklung oder Trends, denen die Anlegerinnen und Anleger Beachtung schenken sollten?
Ja, die gibt es. Es wird zum einen ein beschwerlicher Weg sein, bis die Wirtschaftsleistung wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht. Zum anderen werden aber auch in Zukunft disruptive Faktoren fortwirken.

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Dazu zählen vor allem der wirtschaftliche Aufstieg Chinas und die daraus resultierende Rivalität mit den USA, der nach wie vor vorhandene Populismus, der Klimawandel und rapide technologische Veränderungen. Diese tragen dazu bei, dass die Konjunktur und die Märkte auf absehbare Zeit häufiger Phasen des Umbruchs durchschreiten dürften. Diese gehen meist mit einer starken Differenzierung von Gewinnern und Verlierern einher.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Während sich die Konjunktur derzeit auf Grund der Corona-bedingten Einschränkungen im vierten Quartal und um die Jahreswende noch einmal abschwächen dürfte, beflügeln die Aussichten auf eine wirksame Impfung die Finanzmärkte.

Wir sehen, dass sich auch die traditionellen Value-Segmente, die in der Krise gelitten haben, wieder besser entwickeln. Diese Entwicklung könnte vorerst weiter andauern, wenn es auch beträchtliche Risiken gibt.

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Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Wenn das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr deutlich anzieht, schafft das ein günstiges Umfeld für alle Finanzanlagen. Zugleich gibt es zahlreiche andere potenzielle Störfaktoren. Ausserdem dürfte es vielen Unternehmen auf absehbare Zeit schwerfallen, an die Ertragsentwicklung der Vergangenheit anzuknüpfen.

Die Krise wird bei den Aktienmärkten langfristige Gewinner und auch Verlierer mit sich bringen. Wir favorisieren weiterhin Werte aus den Sektoren Pharma und HealthCare sowie technologische Marktführer. Anleger sollten aber nicht mit vollem Einsatz ins Risiko gehen, da die nächsten Markterschütterungen nicht weit entfernt sein könnten.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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