Lidl zieht in die Fraumünsterpost. Kein Mensch hätte für möglich gehalten, dass der Harddiscounter ins gehobene Viertel beim Paradeplatz ziehen könnte. «Der Smart-Discounter ist an bester Lage fündig geworden», frohlockte Lidl per Medienmitteilung. Ladenbesitzer und Quartierverein reagierten entrüstet.

Dabei zeigten Online-Umfragen auf Newsportalen, dass ein Discounter in der Innenstadt durchaus willkommen ist. Lidl ist da nicht alleine unterwegs. In den letzten Monaten haben Denner beim Central und Aldi an der Zollstrasse beim Hauptbahnhof zugeschlagen. Experten schätzen, dass Denner für seine 250 Quadratmeter zwischen 300'000 und 400'000 Franken Jahresmiete zahlt. Die Flächen von Aldi und Lidl sind viermal so gross. Allerdings dürfte Aldi für die deutlich schlechter frequentierte Lage unwesentlich mehr Miete zahlen als Denner, während man bei der Fraumünsterpost mit einer Jahresmiete von 800'000 bis 900'000 Franken rechnet.

Keine andere Wahl

So viel zahlen an gleicher Lage in etwa auch Mieter von Büroflächen. Doch weil es davon mehr gibt, als der Markt verlangt, und weil ein Hotel zu teuer geworden wäre, blieb Vermieter Swiss Prime Site (SPS) nur noch die Suche nach einem Retailer. Experten zufolge fand SPS aber keinen ausser Lidl.

Für Schweiz-Chef Georg Kröll ist das ein Gewinn, obwohl er dreimal so viel Miete zahlen muss wie an anderen Standorten. Heerscharen von Pendlern werden morgens bei Lidl Gipfeli und abends den Znacht kaufen. Im Gegensatz zu Denner und Aldi, die bei ihren Zentrumslagen auf Convenience-Food setzen, will Lidl das «vollständige Sortiment» anbieten – ohne Parkplätze. Das mag riskant klingen, könnte sich aber dank der guten Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Verkehr auszahlen.

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2000 Franken pro Stunde erforderlich

«Bilanz»-Schätzungen zufolge müsste Lidl rund 2000 Franken pro Stunde einnehmen, um die Filiale rentabel zu betreiben. Das ist angesichts der guten Lage möglich und widerspricht den Kommentaren einiger Beobachter, die im Innenstadt-Vorstoss von Lidl eine reine Prestige-Aufwertung sehen.

Die Expansion geht weiter. Gegenüber «Bilanz» kündigt Aldi für 2017 die Eröffnung einer weiteren Filiale im Kreis 9 an. Es wird die siebte auf Stadtzürcher Boden sein. Weitere Städte werden folgen – Migros und Coop können sich warm anziehen.