Eine Verjüngung und zugleich Kontinuität: Die Swatch Group besetzt ihr Führungsteam umfassend neu und wird doch darüber hinaus nichts sagen. Die Umstellung ist beispiellos: Ein Drittel der 18 Marken des Konglomerats wird ab Juli einen neuen Direktor haben. Longines, Tissot, Rado, Certina, Hamilton und Union sind betroffen. Auch in der Generaldirektion der Gruppe und ihrer erweiterten Leitung wird es Neuzugänge geben.

Alle neuen Führungspositionen wurden intern vergeben: Omega-Chef Raynald Aeschlimann wechselt von der erweiterten Konzernleitung in die Konzernleitung der Swatch Group. Walter von Känel geht in den Ruhestand und übergibt die Leitung von Longines an Rado-CEO Matthias Breschan. Letzterer wird zu Adrian Bosshard zurückkehren, der für Certina und Union verantwortlich war. Aeschlimann wird von Marc Aellen und Breschan von Franz Linder zusätzlich zu Mido übernommen. Eine weitere wichtige Änderung besteht darin, dass François Thiébaud Verwaltungsratspräsident von Tissot wird, während Sylvain Dolla die Leitung der Marke übernimmt und Teil des erweiterten Managementteams wird. Dolla wird bei Hamilton durch Vivian Stauffer ersetzt.

Die Corona-Pandemie hat diesen Entscheidungsprozess zweifellos beschleunigt. «Die derzeitige Ausfallzeit bietet Gelegenheit, nachzudenken und die richtigen Fragen zu stellen. Ohne diese Krise wären die Veränderungen wahrscheinlich nicht auf einen Schlag angekündigt worden», analysiert Olivier Müller, Uhren-Experte bei Luxe-Consult. Seiner Meinung nach bedürfe es grosser Anstrengungen, um die Maschinerie am Ende der Krise wieder in Gang zu bringen.

Aufholen im Online-Handel

Für Jon Cox von der Finanzgesellschaft Kepler Cheuvreux zeigt der gewählte Zeitplan, dass Nick Hayek, Präsident der Konzernleitung, neue Impulse braucht, um sein Unternehmen zu modernisieren: «Die Swatch Group hinkt im Online-Handel hinter ihren Konkurrenten her und ist in Bezug auf die Boutiquen zu abhängig von Einzelhändlern. Sein Geschäftsmodell muss gründlich überprüft werden.»

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«Diese Umstrukturierung markiert den Abgang von zwei Personen, denen die Schweizer Uhrenbranche viel verdankt: Walter von Känel und François Thiébaud», bemerkt Manuel Emch, Berater und ehemaliger Mitarbeiter der Swatch Group. Von Känel stand seit 1988 an der Spitze von Longines und trug wesentlich zum Erfolg der Marke bei, die heute einen Jahresumsatz von mehr als 1,65 Milliarden Franken erzielt.

«Gute Position auf Luxusmarkt»

Einige Leute dachten, dass von Känel bis zu seinem Tod das Sagen haben würde. Letztlich wird dies nicht der Fall sein, auch wenn er die Titel Ehrenpräsident der Marke und Präsident der Longines-Stiftung behalten wird. Laut Olivier Müller «hat das Unternehmen derzeit eine gute Position auf dem zugänglichen Luxusmarkt, und Matthias Breschan sollte den bisher eingeschlagenen Weg weitergehen».

Raynald Aeschlimann, CEO Omega, speaks during a golf event on the Aletsch glacier, 3'454 meters above sea level on the Jungfraujoch, Switzerland, on Thursday, October 4, 2018. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Omega-Chef Raynald Aeschlimann wechselt von der Erweiterten Konzernleitung in die Konzernleitung der Swatch Group.

Quelle: Keystone

Für Sylvain Dolla an der Spitze von Tissot wird die Aufgabe jedoch schwieriger sein. Auch der 74-jährige François Thiébaud hat die Marke seit seiner Ankunft 1996 auf einen Umsatz von über 1 Milliarde Franken gebracht. Doch im mittleren Segment, angeführt von Apple, sieht sie sich heute einem harten Wettbewerb ausgesetzt. «Tissot ist zu einer Einzelhandelsmarke mit einem fast unbegrenzten Katalog geworden, aber sie kämpft nun darum, junge Menschen zum Träumen zu bringen», sagt Manuel Emch.

Olivier Müller fügt hinzu, dass zwar jeder die Tissot T-Touch kennt, dies aber bei den anderen Modellen nicht der Fall ist: «Es fehlt ein ikonenhaftes Produkt, die Marke ist zu weit verstreut und dies ist problematisch geworden. Seine Hauptaufgabe wird es sein, die im März angekündigte T-Touch Connected Solar erfolgreich auf den Markt zu bringen, für die es an Argumenten nicht mangelt.» Diese erste Uhr mit vernetzten Funktionen von Tissot wurde von Sylvain Dolla vorgestellt und läutete damit kommende Veränderungen ein.

Erster Schritt zur Nachfolge?

Diese Veränderungen werfen auch die Frage nach einer Ära nach Nick Hayek auf, der im vergangenen Herbst seinen 65. Geburtstag feierte. Für Olivier Müller ist die Berufung von Raynald Aeschlimann in die Generaldirektion der Gruppe kein Zufall und ein strategischer Schritt: «Es wäre gut, ihn an der Spitze zu sehen. Er kennt die Gruppe sehr gut und leitet Omega seit 2016 erfolgreich.»

100 Bernerinnen: Nayla Hayek

Nick Hayeks Schwester Nayla Hayek wäre eine Kandidatin, um den derzeitigen Präsidenten zu ersetzen.

Quelle: Keystone
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Andere sind skeptischer. Manuel Emch bezweifelt, dass die Familie Hayek jemals die Leitung ihres Unternehmens abgeben wird, wenn es nicht zu einer kompletten Überarbeitung der Konzernstruktur kommt: «Raynald Aeschlimann hat Jahre gebraucht, um an die Spitze der Leitung zu gelangen. Vielmehr soll seine Ernennung die Öffentlichkeit beruhigen, auch wenn er für Omega sehr gute Arbeit geleistet hat.» Jon Cox glaubt auch nicht daran, dass es in den kommenden Jahren einen Bruch in der Familienbindung geben wird. Die Personen, die Nick Hayek ersetzen würden, wären eher seine Schwester Nayla, Präsidentin der Gruppe, oder sein Neffe Marc, derzeit Direktor von Blancpain.

Gruppen unter Druck

Es ist schwierig, keinen Zusammenhang mit der Krise herzustellen, die den Stab von Richemont in den letzten Wochen erschüttert hat. Manuel Emch merkt an, dass «die Swatch Group mit ihrer eher flachen hierarchischen Struktur die Fähigkeit zeigt, Entscheidungen schneller zu treffen als der Genfer Luxuskonzern, der scheinbar auf Druck von aussen handelt». Der Berater ist jedoch überrascht, dass keine Aussenstehenden – auch keine Frauen – Zugang zu Schlüsselfunktionen bei der Swatch Group haben.

Olivier Müller teilt dieses Gefühl: «Richemont steht mit dem Rücken zur Wand und muss sich gegen die Medien zur Wehr setzen. Es ist selten positiv, unter diesen Bedingungen Änderungen vorzunehmen.» Für ihn wird die grösste Herausforderung für die Swatch Group darin bestehen, ihre aus den 1980er Jahren ererbte Position als industrieller Akteur zu verlassen: «Das primäre Anliegen sollte nicht mehr unbedingt darin bestehen, die Maschinerie anzutreiben, sondern vielmehr darin, die Marken zu stärken, die daran arbeiten, sich als Premium-Luxuskonzern zu positionieren.»

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Dieser Text wurde zuerst bei «Le Temps» publiziert unter dem Titel «Swatch Group change de génération».