Not macht erfinderisch: Weil die Bankkredite deutlich teurer geworden sind, wenden sich die Unternehmen verstärkt dem Kapitalmarkt zu. Hier können sie zu günstigeren Konditionen Geld beschaffen, etwa über die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Und: Sind die Anleihen, auch Bonds genannt, von den Investoren am Kapitalmarkt erst einmal gezeichnet, kann das Unternehmen bis zur Fälligkeit in Ruhe arbeiten. Anders bei Bankkrediten: Hier werden die Firmen in regelmässigen Abständen von den Banken auf ihre wirtschaftliche Entwicklung hin geprüft. Das kostet Zeit, Nerven und kann zu Problemen führen; etwa wenn die Firmen die Auflagen der Banken, sogenannte Covenants, verletzen (siehe unten und Artikel rechts).

Zwar sind die Schweizer Gesellschaften laut Arndt Fauser, Corporate-Finance-Spezialist bei KPMG Schweiz, eher konservativ finanziert. «Doch wegen der ungewöhnlich schweren Krise werden wir in den kommenden zwölf Monaten vermehrt Fälle von verletzten Financial Covenants sehen.» Jüngstes Beispiel: Der Tropenholzbewirtschafter Precious Woods.

Damit es nicht so weit kommt, nutzen viele Firmen die gute Stimmung an der Börse und beschaffen sich präventiv zusätzliches Kapital - denn sind die Covenants erst einmal geplatzt, ist eine Geldaufnahme am Markt fast unmöglich.

«Viele Gesellschaften emittieren Anleihen, um sich Liquiditätspolster zu verschaffen», bestätigt Tilo Kraus, Finanzierungsexperte der UBS Investmentbank in London. Ins gleiche Horn stösst Roger Thomet, Leiter Kapitalmarkt bei der Zürcher Kantonalbank. Die Firmen blickten zwar wieder zuversichtlicher in die Zukunft, würden aber der Liquidität noch immer sehr hohe Beachtung schenken.

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Der Anleihenmarkt boomt

Die Firmen bunkern so viel Bargeld wie möglich, weil sie von zwei Szenarien ausgehen: Entweder dauert die Krise an, und dann sind Finanzpolster überlebenswichtig, oder der Aufschwung setzt ein. Dann müssen viele Firmen, insbesondere die Investitionsgüterhersteller, rasch auf liquide Mittel zugreifen können. Keine Selbstverständlichkeit: Gerade die Indust-rieunternehmen mit hohen Materialkosten haben ihre Umlaufvermögen in den vergangenen Monaten massiv reduziert, um ihre Bilanzen zu stärken. Zieht die Nachfrage nach ihren Gütern wieder an, brauchen sie sofort flüssige Mittel, um sich mit Rohmaterialien für die Produktion eindecken zu können.

Bei den Anlegern an der Börse rennen die Firmen zurzeit offene Türen ein. Der Investitionshunger der Anleger ist so gross, dass sie sogar den Unternehmen mit tieferer Bonität die Anleihen aus den Händen reissen. Beispiel Georg Fischer: Der Bond des Industriezulieferers war bei der Ausgabe deutlich überzeichnet.

Das hat laut Thomet zwei Gründe: «Die Firmen haben rasch auf den Abschwung reagiert und Massnahmen eingeleitet. Das beurteilen die Anleger mit Blick auf zukünftige Potenziale positiv.» Zudem würden die Emittenten einen interessanten Coupon offerieren, mit dem sich eine ansprechende Rendite erzielen lasse.

Tatsächlich: Am Geldmarkt bekommen Investoren noch einen Zins zwischen 0,5 und 1%. Und selbst Staatsanleihen werfen, abhängig von der Laufzeit, nur zwischen 1,5 und 2,4% ab. Da erscheinen die von den Firmen gebotenen Coupons deutlich attraktiver (siehe Tabelle).Bis Mitte März waren die Anleger noch kaum für Unternehmensanleihen zu begeistern. «Und wenn, dann höchstens für Schuldner mit sehr hoher Qualität», sagt Thomet. «Denn der Markt ging damals von einem Weltuntergangsszenario aus.» Ab Mitte März aber habe sich die Situation spürbar entspannt. «Wir haben hohe Volumen pro Transaktion gesehen, die bis dahin im Schweizer Kapitalmarkt selten waren», so Thomet. «Man spürt, dass seit Mitte März die Anleger wieder bereit sind, gewisse Risiken einzugehen.» Dass das Investorenklima positiv bleibt, ist Thomet zufolge aber nicht sicher. «Die Konjunktur ist noch sehr fragil und es braucht weitere Impulse, damit die positive Stimmung anhält.» Die Resultate der Firmen im 1. Halbjahr habe der Markt erwartet - der nächste Gradmesser seien die Jahresresultate. «Dann werden die Firmen auch Einschätzungen für 2010 geben.»

Kapitalerhöhungen sind rar

Ein zweiter Weg für Unternehmen, Mittel am Markt zu beschaffen, ist die Kapitalerhöhung. Die Aktivitäten der Firmen sind hier aber derzeit begrenzt. «Wir erwarten in den nächsten Monaten nur vereinzelte Kapitalerhöhungen», sagt Andreas Neumann, Leiter Equity Capital Markets bei der ZKB.

Das 1. Semester 2009 verlief noch vergleichsweise stark. Im gesamten Vorjahr belief sich das Volumen der Kapitalerhöhungen von Schweizer Börsenfirmen auf nur 180 Mio Fr. Hinzu kommt die UBS, die allein Aktien für 16 Mrd Fr. im Publikum platzierte. «Im laufenden Jahr haben bereits rund ein Dutzend Kapitalerhöhungen von Schweizer Unternehmen stattgefunden, was einem Volumen von etwa 7,5 Mrd Fr. entspricht», sagt Neumann. UBS nahm 3,8 Mrd Fr. auf, die übrigen Firmen total 3,7 Mrd Fr. - darunter der Zementriese Holcim, der Aroma- und Riechstoffhersteller Givaudan und der Versicherer Zurich FS.