Die Arbeitslosenquote ist im Februar auf 3,2 Prozent gestiegen. Das wirkt fast paradox. Jahrelang wurde vor allem über eines gesprochen: den Fachkräftemangel. Unternehmen würden händeringend Mitarbeitende suchen, während die Babyboomer langsam in Pension gehen würden. Gleichzeitig wuchs eine Generation von Arbeitnehmenden heran, die sich ihre Arbeitgeber zunehmend aussuchen kann. Der demografische Wandel bleibt real – und wird den Arbeitsmarkt langfristig prägen. Kurzfristig aber zeigt sich ein anderes Bild, besonders auf dem Finanzplatz.
Die finalen Integrationsschritte der Grossbankenfusion führen zu einer neuen Welle von Stellenabbau. Doppelspurigkeit verschwindet, Prozesse werden effizienter, Kostenstrukturen angepasst. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das nachvollziehbar. Doch hinter jedem Effizienzgewinn stehen Menschen, deren berufliche Zukunft plötzlich unsicher wird. Für viele hoch qualifizierte Fachkräfte beginnt eine Phase der Neuorientierung.
Jamie Vrijhof ist Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Referentin und Autorin. Sie ist Managing Partner von WHVP, einem Vermögensverwalter mit Fokus auf US-Kundinnen und -Kunden.
Gleichzeitig beschleunigt sich der technologische Wandel. KI übernimmt zunehmend Aufgaben, die bislang von gut ausgebildeten Angestellten erledigt wurden – vom Programmieren über die Recherche bis zur Textproduktion. In Berufen mit solchen Tätigkeiten ist die Arbeitslosigkeit seit der Einführung dieser Technologien stärker gestiegen als in weniger exponierten Branchen.
Für manche ist das bereits der Beginn einer neuen Arbeitswelt. Doch solche Prognosen gab es schon oft. Die Angst vor technologischer Arbeitslosigkeit begleitet praktisch jede grosse Innovation. Und doch hat allein die US-Wirtschaft in den letzten achtzig Jahren rund 120 Millionen zusätzliche Jobs geschaffen – trotz oder gerade wegen des technologischen Fortschritts. Ein zentraler Punkt wird oft übersehen: Technologie wirkt langfristig deflationär. Sie senkt Kosten und Preise, erhöht damit die Kaufkraft der Konsumenten und schafft Nachfrage nach neuen Gütern, Dienstleistungen und damit auch nach neuen Arbeitsplätzen. Natürlich entstehen dabei auch Verlierer. Strukturwandel bedeutet immer, dass bestimmte Branchen Arbeitsplätze verlieren. Doch gleichzeitig entstehen anderswo neue. Das Problem: Jobverluste sind sichtbar und konzentriert – neue Jobs entstehen verteilt und schleichend.
Auch bei der künstlichen Intelligenz deutet vieles darauf hin, dass sie eher ein Werkzeug als ein Ersatz für menschliche Arbeit ist. Sie automatisiert Routineaufgaben, nicht aber das Denken selbst. Und selbst als Automatisierungstechnologie ist sie nicht kostenlos: Sie bedingt erhebliche Investitionen in Kapital, Infrastruktur und Energie.
Gerade im Finanzsektor zeigt sich, dass vieles weniger revolutionär ist, als es klingt. Quantitative Modelle, Risikoalgorithmen und automatisierte Preisberechnungen gehören dort seit Jahrzehnten zum Alltag. Die aktuelle KI-Welle bedeutet vor allem eine breitere Anwendung solcher Werkzeuge. Der Nobelpreisträger Robert Solow schrieb einst: «Man sieht das Computerzeitalter überall – ausser in den Produktivitätsstatistiken.» Fast vierzig Jahre später bleibt diese Beobachtung aktuell. Eine internationale Studie von Ökonomen der Stanford University zeigt: Über 90 Prozent der Unternehmen berichten bislang von keinem Einfluss von KI auf ihre Beschäftigung. Auch bei der Produktivität sind die Effekte minimal.
Der Arbeitsmarkt wird sich verändern – wie immer. Die Herausforderung besteht darin, Menschen bei diesen Übergängen zu begleiten. Denn wirtschaftlicher Fortschritt entsteht nicht nur durch Technologie, sondern auch durch Menschen, die lernen, sich anzupassen, und neue Chancen ergreifen.

