Der Schweiz geht der Sprit aus. Aufgrund von technischen Problemen hat die einzige verbliebene Schweizer Raffinerie in Cressier Mitte vergangener Woche ihre Produktion gestoppt. Weil der Rhein derzeit einen Niedrigwasserstand aufweist, können diese Ausfälle jedoch nicht durch Schiffstransporte kompensiert werden. «Uns fehlt gegenwärtig der Anteil, mit dem die Raffinierie in Cressier den Schweizer Markt sonst beliefert», sagt Heinz Gerber, Direktor von Carbura, der Pflichtlagerorganisation für Treib- und Brennstoffe. «Das führt bei Erdöl-Produkten zu einem Engpass.»
 
Aufgrund des akuten Erdölmangels hat das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) eine aussergewöhnliche Krisensitzung einberufen. Die Behörde hat nach eingehender Analyse der Situation am Montagnachmittag entschieden, die Notvorräte aus dem Pflichtlager anzuzapfen, namentlich für Autobenzin und Diesel. Damit soll das Schlimmste abgewendet werden. «Wir verhindern damit, dass es an Tankstellen zu Engpässen kommen könnte», erklärt Lucio Gastaldi, Chef Sektion Pflichtlager beim BWL auf Anfrage der «Handelszeitung». Departementschef Johann Schneider-Ammann sei informiert.

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Rückgriff auf Pflichtlager höchst ungewöhnlich

Der Rückgriff auf die Pflichtlager ist höchst ungewöhnlich. Seit dem Zweiten Weltkrieg mussten die Vorräte praktisch nie angezapft werden. 2010 gelangte nach einem Streik in den Hafenanlagen in Marseille kein Öl mehr via Pipeline aus dem Süden in die Schweiz. Um ein Austrocknen der Treibstoffreserven des Flughafens Genf sowie ein Grounding zu verhindern, erlaubte der Bund den Rückgriff auf die Pflichtlager. Dies allerdings betraf bloss das Kerosin. «Der gegenwärtige Engpass ist umfassender», sagt Gerber.

Insgesamt belaufen sich die Pflichtlagerbestände von Autobenzin, Kerosin, Diesel- und Heizöl auf gut fünf Milliarden Liter. Damit kann der Bund den Bedarf an Treib- und Brennstoffen über einen Zeitraum von 4.5 Monaten aufrecht erhalten. Die Massnahmen des Bundes sehen laut Gastaldi vor, dass die Importeure unverzüglich Diesel und Autobenzin aus den Pflichtlagern beziehen dürfen. «Es handelt sich um eine vorübergehende Reduktion der Lagerbestände. Danach müssen diese wieder aufgefüllt werden.»

Keine Preisaufschläge erwartet

Der Bund geht davon aus, dass sich die Situation entschärft, sobald die Raffinierie in Cressier wieder in Betrieb geht. Gerechnet werde laut Angaben der Betreiberin damit, dass die Raffinerie in zehn Tagen wieder produziere. Laut Roland Bilang, Geschäftsführer der Erdölvereinigung zeigt der Rückgriff auf die Pflichtlager, dass das Versorgungssystem beim Erdöl auch im Notfall funktioniert. «Unsere Mitglieder werden davon Gebrauch machen.»
 
Laut Gerber führt die Notfallmassnahme nicht zu Preisaufschlägen bei Benzin und Heizöl. «Für den Konsumenten hat der Rückgriff auf die Pflichtlager keinen spürbaren Effekt.» Die Lagerfreigabe erfolge zu Marktpreisen.