Ein klein wenig ist das Megaflugzeug bereits geflogen. Zumindest haben die beiden Bugräder des nach der Spannweite weltgrößten Flugzeugs Stratolaunch jüngst bei Tempo 220 km/h auf der Startbahn schon abgehoben.

Dann wurde wieder abgebremst. Unmittelbar vor dem nun anstehenden Erstflug in Kalifornien kommt jedoch eine Nachricht, die das Ende eines der spektakulärsten Projekte in der Luftfahrtgeschichte bedeuten könnte.

Hinter dem Vorhaben stand als Financier der Microsoft-Mitgründer Paul Allen. Der Milliardär wollte das Mega-Flugzeug mit 117 Meter Spannweite als fliegende Raketen-Startplattform einsetzen. Zuletzt hiess es, dass speziell für den Start vom Stratolaunch-Flugzeug eigene Raketen, ein Raumgleiter sowie eigene Raketentriebwerke entwickelt werden sollten. Das Geschäftsmodell sah vor, von dem Flugzeug aus mit Raketen Satelliten in den Weltall zu schiessen.

Erben sind nicht mehr so spendabel

Die Erben des vor drei Monaten an einer Krebserkrankung im Alter von 65 Jahren verstorbenen Milliardärs Allen sind jedoch nicht mehr so spendabel und visionär. Sie legen die eigenen Raketenpläne bei dem Unternehmen Stratolaunch Systems zu den Akten. Stratolaunch entlässt 50 seiner 70 Beschäftigten. Jetzt geht es nur noch darum, das aus zwei Jumbo-Jet-Rümpfen zusammengebaute Katamaranflugzeug in die Luft zu bringen und als Startplattform für Dritte anzubieten.

Der US-Branchendienst Geekwire berichtete als erster von den Einschnitten, die im Kern von Stratolaunch bestätigt wurden. Zwar war bei Experten von jeher umstritten, ob sich das Konzept mit dem Riesenflugzeug rechnet. Aber Paul Allen galt als grosszügiger Raumfahrtenthusiast. Er konnte es sich leisten, in das Projekt zu investieren. Nach Schätzungen hat Allen bereits gut eine Milliarde Dollar in das Vorhaben gesteckt hat – ohne einen Dollar zurückerhalten zu haben.

Stratolaunch soll Pegasus-XL-Rakete ins All befördern

Nach Angaben von Stratolaunch soll nun das Megaflugzeug, das an einen Katamaran der Lüfte erinnert, dazu genutzt werden, eine Pegasus-XL-Rakete des US-Rüstungsunternehmens Northrop Grumman ins All zu befördern.

Doch diese Idee, eine Pegasus-Rakete von einem Flugzeug abzufeuern, ist keineswegs neu. Zum einen wurde das bereits mehrfach von US-Militärs mit ihren Flugzeugen praktiziert. Zum anderen ist der britische Milliardär Richard Branson in dieses Geschäft mit seinem Unternehmen Virgin Orbit eingestiegen.

Er hat dazu eine ausrangierte Boeing 747 umgebaut und auf den Namen «Cosmic Girl» getauft. Derzeit laufen bereits Flugversuche mit «Cosmic Girl» und einer zweistufigen, 16 Meter langen Rakete mit dem Namen „LauncherOne“, die unter dem Flügel des Jumbos hängt. Im ersten Quartal dieses Jahres sollen erste Raketenflugversuche erfolgen. Dahinter steht die Idee, kleine Satelliten kostengünstig ins All zu transportieren.

Schon Geschichte geschrieben

Unter Branchenexperten wird nun gerätselt, ob das Stratolaunch-Modell als fliegende Startplattform überhaupt wettbewerbsfähig oder im Branchenvergleich viel zu teuer ist. Sowohl Stratolaunch als auch Virgin Orbit hinken zudem hinter ihren ursprünglichen Zeitplänen hinterher, aber Bransons-Firma ist näher am Praxiseinsatz.

Mit dem Abschied von der Entwicklung eigener Raketen oder Triebwerke fällt nun die Sonderstellung des Megaflugzeugs Stratolaunch weg. Dem Flugzeug mit seinen sechs Triebwerken drohe womöglich sogar ein Ende im Museum, heisst es in Branchenkreisen. Der Erstflug – noch ohne Rakete – wird auf alle Fälle in die Luftfahrtgeschichte eingehen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Nur ein Wunder kann das weltgrößte Flugzeug noch retten».

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