Davos war noch nie so teuer wie 2015. War die abrupte Preissteigerung wegen der Frankenstärke bei den Gästen ein Thema?
Olivier Schwab*: Nein, hingegen waren die Unsicherheiten auf den Finanzmärkten Themen in diversen der 500 Sessions. Durch die aktuellen Währungsverschiebungen hat die Brisanz zugenommen.

Für dieses Jahr haben Sie die WEF-­Mitgliedschaft für strategische Partner von 500'000 auf 600'000 Franken ­erhöht. Auch das wurde hingenommen?
Wir haben die Preise in den letzten zehn Jahren nicht erhöht, nun haben wir diesen Schritt gemacht, allerdings in Kombination mit einem Angebotsausbau. So sind in diesem Preis nun Teilnahmegebühren für die regionalen Treffen im Ausland – etwa in Afrika oder China – integriert. Die ­Anzahl unserer strategischen Partner ist mittlerweile auf 120 gestiegen.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Davos: Sie sind ein lokales Produkt?
Sehr konkret, ja. Ich bin in Davos geboren, und zwar anlässlich des dritten Weltwirtschaftsgipfels 1973. Ich kehre dieses Jahr sozusagen an meine Wiege zurück. 2010 habe ich angefangen als Mitarbeiter beim Forum, seit drei Jahren bin ich verantwortlich für China.

Ein Vorteil, dass Sie Schwab heissen?
Der Name hilft, ja. Es unterstreicht auch unsere Wertschätzung und die Bedeutung, die China für das WEF hat. Zudem ist mein Vater regelmässig vor Ort, insbesondere ist er im September stets an unserem Treffen in Dalian oder in Tianjin.

Chinas Ministerpräsident Li Keqiang trat als Eröffnungsredner auf – Ihr Verdienst?
Nein, das wäre definitiv übertrieben. 2009 war bereits Premierminister Wen Jiabao in Davos, Li Keqiang war 2010 hier, damals in seiner Funktion als Vizepremier. Jetzt ist er zurück als Premierminister. Mit ihm sind rund 100 Unternehmer aus China nach Davos angereist, darunter Jack Ma, Gründer von Alibaba, und Ren Zhengfei, Gründer von Huawei.

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Li trat beim Sommer-Davos in China als Redner auf – eine spezielle Beziehung?
Er hielt in Tianjin die Eröffnungsrede. Ich interpretiere seine Auftritte am Jahrestreffen als ein Zeichen, dass China in der Welt eine wichtigere Rolle spielen will. Wir sind natürlich stolz, dass wir unseren Gästen diese Plattform bieten können. Da hilft es, dass wir aus der Schweiz stammen und dass das World Economic Forum bereits seit den frühen 1980er-Jahren in China ­aktiv ist. Damals haben wir Treffen zwischen europäischen Wirtschaftsführern und den Verantwortlichen von chine­sischen Staatsbetrieben organisiert. Die Chinesen wollten wissen, wie man Staatsbetriebe effizienter organisiert. Das heisst, das Forum hat seit über 30 Jahren gute Beziehungen zur Zentralregierung in Peking, aber auch zu Regionen, zu Universitäten.

Im Risk Report 2015 des Forum wird beschrieben, dass die soziale Ungleichheit in China stark zugenommen hat. Nun ist sie im kommunistischen China grösser als im kapitalistischen Grossbritannien.
In China gibts immer noch grosse regionale Differenzen, und zwar von der Ostküste mit Peking, Schanghai, Guangzhou und den Regionen im Westen. Das sieht man klar am Bruttosozialprodukt pro Person. Am letzten Parteitag wurde nun beschlossen und auch verkündet, dass der Westen des Landes mit Hochdruck entwickelt wird, zum Beispiel mit Investitionen in die Infrastruktur. So soll das Hochgeschwindigkeitszugnetz weit in den Westen ge­zogen werden. Dann gibts das Seiden­strasse-Projekt, mit dem der Handel aus dem Westen Chinas in die zentralasiatischen Länder verstärkt werden soll.

Das Ungleichgewicht nimmt weiter zu?
Das müssen Sie mich in fünf Jahren fragen. Die Zielsetzungen sind ambitiös, die eingesetzten Mittel beträchtlich. China hat nach meiner Meinung zwei Prioritäten: Ausbau der Infrastruktur im Innern und Investitionen durch Staatsbetriebe und Privatunternehmen im Ausland. Ich bin überzeugt, wir werden künftig täglich chinesische Produkte benützen.

Tun wir heute schon – Spielzeuge, Textilien.
Ich rede nicht von Textilien, auch nicht von Bestandteilen in Smartphones, sondern von Markenprodukten und hochstehenden Dienstleistungen auf den Weltmärkten. Zu diesen globalen Playern zähle ich die Hotelgruppe Wanda oder die Handy-Marke Xiaomi. Es ist ein erklärtes Ziel, die Wertschöpfung in China zu verstärken. Ich zweifle nicht an der Umsetzung.

China hat Reformen im Finanzbereich ­angekündigt. Was ist davon zu halten?
China hat ein umfassendes Reformprogramm für Staatsunternehmen aufgesetzt, das bis 2020 realisiert werden soll. Dabei geht es auch um eine Modernisierung im Bankensektor. Die Chinesen schätzen die Dienstleistungskultur im Swiss Banking sehr, da werden sie sicher darauf schauen und allenfalls Kooperationen anstreben. Dass die Schweiz in China einen speziellen Status geniesst, widerspiegelt sich im Freihandelsabkommen, welches mit der Schweiz abgeschlossen wurde.

Sie arbeiteten im Silicon Valley, in Peking, in Genf. Die grössten Unterschiede?
Ich war das erste Mal mit zwölf Jahren in China. Seither ist das Land eine permanente Baustelle, entsprechend sind Dynamik und Tempo. Für mich, der ich an der ETH in Lausanne Bauingenieur studierte, und für jemand, der technologieaffin ist, ist das faszinierend. Aber auch die Innovationsfähigkeit ist enorm.

China ist nicht mehr die verlängerte Werkbank des Westens?
Die chinesischen Unternehmer sind nicht nur Weltmeister im Erreichen von Skaleneffekten. Sie haben auch enorme Fähigkeiten, sich an globale Märkte anzupassen. Heute sind viele Unternehmen längst über den Status des Kopierens ­heraus, doch diese Innovationskraft wird im Westen völlig unterschätzt. Wir werden schon bald chinesische Branchen-Champions sehen, die global tätig sind. Ich bin überzeugt: Der Westen kann heute ebenso viel von China lernen wie China vom Westen.

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Ihr Vater hat das WEF gegründet und prägt es bis heute. Wo sind Sie besser als er?
Beim Skifahren. Das gilt auch für meine Kinder, sie sind bald schneller als ich.

Wann wird Olivier Schwab Nachfolger von Klaus Schwab?
Ich will noch ein paar Jahre beim Forum bleiben, zumal ich in China viele Erfahrungen sammeln konnte. Unsere Aktivitäten in China sollen weiter ausgebaut werden, auch weil sich der wirtschaftliche Schwerpunkt nach Asien verschiebt.

Ihr Vater überlegt sich, sagt er, allenfalls 2050 zurückzutreten. Ihre Chance?
Dann wäre ich gegen 80 Jahre. Im Ernst: Das World Economic Forum ist kein Familienunternehmen, sondern eine Stiftung.

*Olivier Schwab studierte in Lausanne, Boston und San Francisco Ingenieurwissenschaften. Er ­arbeitete beim Unternehmens­berater Mercer Management und war Assistent beim Industriellen Alfred Schindler. Seit 2011 leitet er das WEF-Büro in China und ­organisiert das dortige Sommer-WEF. Er ist verheiratet mit einer Chinesin und hat zwei Kinder. Die Familie lebt wieder in der Schweiz.

 

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