Mit ihm kommt auch eine frühe Bauhaus-Liaison ans Tageslicht. Dr. Christoph Stölzl, den ehemaligen Berliner Kultursenator. Er ist Nachkomme einer der Gestalter. Marcel Breuer, dessen 100-jähriger Geburtstag 2002 gefeiert wurde, ist heute als Schöpfer der Stahlrohrmöbel des Bauhauses in Dessau weltbekannt. Viele seiner revolutionären Möbelstücke wie der Kufensessel von 1925 und seine Freischwingerstühle gelten weltweit als Meilensteine der Designgeschichte. Sie werden heute in Originalform wie als Plagiat massenhaft hergestellt und haben nach 80 Jahren endlich den breiten Erfolg, den man damals vergeblich anstrebte.

Begonnen hat die Entwicklung dieser Jahrhundertmöbel ganz anders: 1920 kommt der Ungar Breuer als Student der ersten Bauhaus-Generation nach Weimar. Die 1919 gegründete Schule hatte sich vorgenommen, durch die Verbindung von Kunst und Handwerk der Gestaltung innovative Impulse zu geben. Alles sollte revolutionär sein, so auch die Möglichkeit des Studiums für Frauen. Geplant war die neue Schule «für 50 Damen und 100 Herren». Mangels anderer Möglichkeiten bewarben sich viel mehr junge Frauen. Das schien suspekt, und man setzte auf «scharfe Aussonderung gleich bei der Aufnahme» und schuf getrennte «Frauenklassen». Die weiblichen Wesen, die sich nicht abwimmeln liessen, steckte man in die Weberei und die Buchbinderei. Zu ihnen gehörte auch Gunta Stölzl, die in München schon die Kunstgewerbeschule besucht hatte: Sie begann, wie alle anderen Studienzweige am Bauhaus, mit einer neuartigen «Grundlehre» beim Maler Johannes Itten, dem 1921 Paul Klee folgte.

Kreative Zweisamkeit

Hier kamen sich offenbar die beiden Studenten näher, der 19-jährige Ungar und die 24-jährige Münchnerin. In gemeinsamer Arbeit entstand 1921 ein skurriler Lehnstuhl, der jetzt wieder aufgetaucht ist. Guntas Neffe, Christoph Stölzl, war sehr überrascht, als er, gebeten um einen Eröffnungsvortrag zur jetzigen Ausstellung des «Afrikanischen Stuhles», von der damaligen Liaison seiner Tante erfuhr. Wo er sie doch, die bis zu ihrem Tod 1983 in der Schweiz als angesehene Webkünstlerin und Schriftstellergattin gelebt hatte, immer nur äusserst korrekt und streng erlebt hatte É Manchmal kommt eben mit historischen Werken auch eine private «Histoire» ans Tageslicht. Breuer und Stölzl hatten darüber zeitlebens geschwiegen.

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Der ungewöhnliche «Afrikanische Stuhl» ist designgeschichtlich von grosser Bedeutung. Er zeigt exemplarisch die vielschichtigen Einflussquellen auf, aus denen sich damals die kommende gestalterische Revolution nährte. Das waren einerseits die neue abstrakte Kunst und der Konstruktivismus mit ihrer Zergliederung in Einzelteile und einem klaren Farben- und Formenkanon. Andererseits beeindruckte die damalige Avantgarde das Urwüchsige, Zeichenhafte und Kraftvolle in der afrikanischen Kunst und Folklore. Handwerkliche Qualität und künstlerische Inspiration sollten am Bauhaus Hand in Hand zu neuen Ufern führen.

Schlüsselwerk des frühen Bauhauses

Marcel Breuer selbst sah diesen Stuhl als den Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung des Stuhldesigns am Bauhaus. 1926 montierte er für die erste Ausgabe der Bauhaus-Zeitschrift einen fiktiven «Film», der von diesem Stuhl schrittweise hin zu seinen Stahlrohrmöbeln führt und damit endet, dass man bald auf einer elastischen Luftsäule sitzen werde. Ansatzweise kann man diese in den kurz danach entworfenen Freischwingerstühlen wieder finden. Teilweise wurde der Breuer/Stölzl-Lehnstuhl auch als Thronsessel bezeichnet, als Liebeslaube oder Hochzeitsstuhl, heute weiss man, warum. 1922 verschwand er für über 80 Jahre in privaten Besitz. Als 1950 in den USA Marcel Breuers erste Monografie erscheint, taucht dort die Abbildung des «Afrikanischen Stuhles» als Schlüsselwerk seines Schaffens wieder auf.

Frühe Studenten ­ junge Dozenten

Aus den beiden Studenten am noch handwerklich geprägten Bauhaus in Weimar wurden bald junge Dozenten am jetzt industriell orientierten Bauhaus in Dessau. Breuer wurde 1925 als 23-Jähriger Leiter der Möbelwerkstatt und entwarf im gleichen Jahr das Stahlrohr-Mobiliar für das neue Schulgebäude sowie den Wassily-Sessel. Der erhielt den Namen, weil er im Meisterhaus von Wassily Kandinsky seinen Platz fand. Im Wintersemester 1925/26 übernahm Gunta Stölzl als eine der ersten Frauen die Leitung eines Bauhaus-Fachbereiches. Die Anzahl der Studentinnen am Bauhaus war drastisch reduziert worden. Die fortschrittliche Frauenfreundlichkeit von 1919 hatte sich in kürzester Zeit zu hämischer Männerüberheblichkeit zurückentwickelt. 1928 spöttelt der Maler und Bauhaus-Lehrer Oskar Schlemmer öffentlich: «Wo Wolle ist, ist auch /ein Weib, /das webt und wär's /zum Zeitvertreib.» Er hatte nicht einmal begriffen, dass die Weberei zu den ganz wenigen Bereichen am Bauhaus gehörte, die sich schon industriell entwickelten und vermarkteten.

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Die Zukunft: In der Schweiz und in den USA

Breuer verlässt Dessau 1928 und macht sich selbstständig. 1932 bis 1934 arbeitet er oft in Zürich. Für Siegfried Giedion, den Gründer von «wohnbedarf», gestaltet er 1933 die heute noch existenten Geschäftsräume in der Talstrasse. Zusammen mit Alfred und Emil Roth baut er für ihn zwei Wohnblocks, die berühmten «Doldertaler Häuser». Auch Stahl- und Alu-Möbel-Serien entstehen, die Embru herstellt und Wohnbedarf vermarktet. Wegen seiner jüdischen Herkunft emigriert Breuer 1935 nach London und wird 1937 vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius als Professor nach Harvard gerufen.

Gunta Stölzl kündigt 1931 beim Bauhaus und leitet bis 1967 eine eigene Weberei in Zürich. Berühmt ist sie für ihre «Bildteppiche». Ihre Bauhaus-Stoffe werden nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig re-editiert, und bis heute überlebte einer als Vorwerk-Teppichboden. Für Breuer beginnt in den USA eine neue Karriere. Als Dozent prägt er eine Generation von Studenten und den internationalen Stil der Bauhaus-Nachfolge. Breuer profiliert sich als Architekt. Er arbeitet am Entwurf des Pariser Unesco-Gebäudes (1953-­1958) mit und entwirft später das Whitney Museum in New York, wo er 1981 stirbt. Zwei Jahre später endet in Küssnacht bei Zürich das Leben von Gunta Stölzl Stadler.

In Ostdeutschland haben derweil, von 1922 an, etliche Generationen einer Familie rund um den einzigartigen Stuhl gelebt, geliebt und Indianer gespielt. Besondere Stücke kommen offensichtlich auch gut mit den Wechselfällen des Lebens klar. Jetzt schliesst sich der Kreis: Das Frühwerk von Stölzl und Breuer steht im Bauhaus-Archiv in Berlin, das vor 26 Jahren nach Plänen des Bauhaus-Gründers Gropius erbaut wurde.

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