Es sind dies der «Cherner Chair», das «Ei» von Arne Jacobsen, der «Cone Chair» von Verner Panton und der «Aluminium Chair» von Charles & Ray Eames. Alle sind längst zu Designklassikern avanciert, sie gelten als unverbesserlich, formvollendet und sind allgemein als solche akzeptiert. Doch was braucht es eigentlich, damit ein Möbelstück zum Klassiker wird? Eine klare Definition gibt es nicht, aber Massstäbe – ein Erklärungsversuch anhand des wohl beliebtesten und erfolgreichsten Stuhls: Des «Alu Chair».

Aktuell und jung

Wer darauf achtet, entdeckt ihn überall: Im Konferenzzimmer, im Chefbüro, auf dem Werbeplakat, beim G8-Gipfeltreffen, im Fernsehstudio und immer mehr wieder im privaten Heim – kaum jemals wirkt er deplatziert. Die Stühle der Aluminium Group zählen zu den berühmtesten Entwürfen des amerikanischen Designerpaars Charles und Ray Eames. Es gibt sie in vielen unterschiedlichen Ausführungen: Als Konferenz- und Bürostuhl auf Rollen, als Sessel mit hoher Rückenlehne und Ottoman oder in der verwandten, rund zehn Jahre später entwickelten gepolsterten «Soft Pad Group».

Noch heute, nach über 50 Jahren, wirkt der «Alu Chair» aktuell und jung: Ihm haftet eine Zeitlosigkeit an, die über den wechselnden Trends und Modeströmungen zu stehen scheint.

«Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann», sagte einmal Antoine de Saint-Exupéry. Und der «Alu Chair» zeichnet sich tatsächlich durch einen minimalen Einsatz von Materialien aus. Aber nicht allein formaler Minimalismus macht ihn attraktiv – die offensichtliche Qualität ist seine raffinierte und innovative Funktionalität. Erstmals wurde für diesen Stuhl Aluminium verwendet. Erstmals wurde der statische, tragende Rahmen mit den für Komfort sorgenden Pols-terelementen fusioniert. Die Aluminiumwangen mit den beiden Spannriegeln sorgen erst zusammen mit dem gespannten Bezug für die notwendige Stabilität. Die Sitz- und die Lehnfläche ist um eine Leiste gewickelt, die in die Nute der beiden Aluminiumprofile eingeführt wird. Diese Verbindung erfordert weder Leim noch Nieten. Je stärker die Sitzfläche belastet wird, desto fester verkantet sich die Leiste in der Nute. Einer straffen Hängematte gleich passt sich das Leder oder das Gewebe dem Körper des «Besitzers» an. Dort, wo das Körpergewicht mit dem Stuhl in Berührung kommt, gibt es keine starren Elemente.

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Der Anstoss für die Entwicklung des «Alu Chair» kam von Alexander Girard. Mitte der 1950er Jahre plante er zusammen mit Eero Saarinen das «J. Irwin Miller House» in Columbus, Indiana. Die Eames waren mit der Inneneinrichtung beauftragt. Girard machte Charles Eames auf den Mangel an hochwertigen und witterungsresistenten Gartenmöbeln aufmerksam und wünschte sich eine entsprechende Lösung. Gartenmöbel waren in den USA bis dahin aus Holz oder Stahlrohr gefertigt – wetterfeste Lösungen gab es nicht, auch keine witterungsbeständige Polsterungen. Grundlegend neue Materialien drängten sich förmlich auf. Eine Einladung der Aluminium Corporation of America, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach neuen Einsatzmöglichkeiten ihres Werkstoffes suchte, brachte die Eames in Kontakt mit dem Material Aluminium.

Die Konzeptionierung und Entwicklung des «Alu Chair» im Eames Office dauerte mit mehr als drei Jahren länger als jede andere Konstruktion, die dort geschaffen wurde. Die neue Technologie, die fehlenden Erfahrungen aufgrund der nicht vorhandenen Vorbilder waren die Hauptgründe dafür. Am Ende der Entwicklung stand eine verzweigte Familie aus zehn Varianten.

Sinnbild der Moderne

Als die ersten Ausführungen 1958 auf den Markt kamen, wurden sie innert kurzer Zeit zu einem Sinnbild der Moderne. Omnipräsent in Wohnzeitschriften und in der Werbung, galten sie als ein Muss für progressive Interieurs und verdrängten nach und nach die opulenten Ohren- und Clubsessel. In den 1970er Jahren verlagerte sich ihr Einsatzgebiet in repräsentative Büros und Konferenzräume, während in den Wohnwelten bunte Plastikmöbel Einzug hielten, denen der eher als kühl empfundene Purismus der Moderne Platz machen musste. Erst die Postmoderne der 1980er Jahre brachte die «Alu Chair» langsam wieder in den Wohnbereich zurück. Heute scheinen sie in jeder Umgebung einsetzbar zu sein.

Die Aluminium Group wird seit ihrer Lancierung ohne Unterbrechung produziert, in den USA durch Herman Miller, in Europa durch Vitra. Der Schweizer Hersteller wirbt für diese Stuhlgruppe aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen mit einer 30-jährigen Garantie – ein ungewöhnlicher Zusatznutzen für ein Möbelstück. Unbestritten: Technische Intelligenz, ergonomische Vernunft und gestalterische Logik haben den «Alu Chair» zu seiner fortwährenden Attraktivität verholfen. Ray Eames brachte es auf den Punkt: «Was die Leute schön finden, ändert sich, aber was einmal gut funktioniert, funktioniert immer gut.»