Nun ist es offiziell: Die Grossverteiler Migros und Coop haben ihre Preise für Milchprodukte am vergangenen Montag erhöht (siehe Artikel rechts). Was die Schweizer Konsumenten erst noch verdauen müssen, gehört für unsere Nachbarn Deutschland bereits zum Alltag: Dort kosten Milchprodukte bereits seit zwei Monaten deutlich mehr. Kräftig aufgeschlagen haben auch die Preise für Strom und Kraftstoffe. Der September 2007 ist der teuerste Monat Deutschlands seit zwei Jahren.

Gefühlte wird zu echter Inflation

Seit der Einführung des Euro haben viele deutsche Konsumenten das Gefühl, deutlich mehr Geld für die gleiche Ware auszugeben als zu Zeiten der D-Mark. Fachleute sprechen von gefühlter Inflation. Dabei gewichten die Käufer die Ausgaben für häufig benötigte Dinge stärker als Ausgaben, die sie nicht oder seltener direkt im Portemonnaie spüren. Jetzt belegen Zahlen des deutschen Bundesamts für Statistik, dass solche direkt fühlbaren Preissteigerungen die allgemeine Inflationsrate tatsächlich deutlich nach oben drücken: Die Jahresteuerung in Deutschland hat im September 2007 den höchsten Stand seit zwei Jahren erreicht.
Die Verbraucherpreise lagen im Schnitt um 2,4% über dem Niveau vor einem Jahr, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Im Juli und August 2007 hatte die Teuerungsrate noch 1,9% betragen. Ausschlaggebend für den Preisauftrieb ist den Statistikern zufolge die Verteuerung von Kraftstoffen um knapp 9% und Heiz-öl um gut 3%. Aber auch einige Lebensmittel wurden deutlich teurer.
Ein Ende des Preisauftriebs ist nicht in Sicht: Der Ölpreis klettert der Rekordmarke von 100 Dollar je Barrel entgegen. Auch bei den Lebensmitteln müssen sich die Konsumenten auf weiter steigende Preise einstellen, hiess es an der Nahrungsmittelmesse Anuga in Köln, dem wichtigsten Branchentreffen des Jahres.
Ohne Mineralölprodukte hätte die Teuerung im September bei 2,2% gelegen. Überdurchschnittlich erhöhte sich auch der Strompreis mit 7,4%. Die Nahrungsmittelpreise steigen mit einem Plus von 2,7% zwar nicht dramatisch – einzelne wichtige Lebensmittel sind jedoch deutlich teuerer als vor einem Jahr. So kostete Butter 43,1% mehr, Speisefett 24,2% mehr und Milch 13,5%.
Nach Einschätzung der Lebensmittelbranche werden die Lebensmittelpreise in den kommenden Monaten weiter anziehen. «Eine weitere Anpassung der Preise ist erforderlich», sagte Jürgen Abraham, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, am Rande der Anuga. Grund für die Verteuerung seien die gestiegenen Rohstoffpreise wie auch die Kostenexplosion bei Energie und Verpackungsmaterialien. Industrie und Handel gehen nun davon aus, dass sich der Preisanstieg in diesem Jahr bei insgesamt rund 2% einpendeln wird – obwohl der Jahresdurchschnitt in den ersten neun Monaten schon 2,4% erreicht. Für 2008 wollen sich Industrie und Handel noch nicht auf eine Prognose festlegen. «Aber sicher ist, dass die Zeiten ständig rückläufiger Nahrungsmittelpreise vorbei sind», glaubt Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes.

Anstieg setzt sich auch 2008 fort

Einen «sanften Anstieg der Preise» für 2008 prognostiziert Josef Sanktjohanser, Präsident des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels. Der scharfe Wettbewerb werde aber weiterhin dafür sorgen, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland deutlich niedriger seien als in den meisten anderen europäischen Ländern. Doch die Zeiten, in denen Lebensmittelpreise regelmässig stabil blieben, seien vorbei, heisst es in der Ernährungsbranche.
Ein Ende der Preissteigerung ist auch beim Rohöl nicht zu erwarten. «Es ist keine Entspan-nung in Sicht», sagt Klaus Matthies, Ölexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI. Vor allem bei der politischen Lage im Irak und im Iran zeichneten sich keine beruhigenden Nachrichten ab. Nach Einschätzung von Ölhändlern kaufen ausserdem kapitalstarke Fonds spekulativ Öl.
Seit vergangenem Montag kosten Milchprodukte beim Grossverteiler Coop mehr. «Nachdem Coop in den letzten Jahren einige 100 Mio Fr. in Preissenkungen investiert, tiefere Rohstoffpreise und eigene Effizienzsteigerungen an die Konsumenten weitergegeben hat, sind nun Preiserhöhungen unumgänglich», schreibt Coop offiziell in einer Mitteilung, was die «Handelszeitung» jüngst ankündigte (siehe auch Handelszeitung Nr. 44 vom 31. Oktober 2007). So kostet 1 l Vollmilch Past neu 1.45 Fr., gleich viel wie Anfang 2006. «Die Schweizer Bauern erhalten von den Milchverarbeitern 6 Rp. mehr pro l Milch, zudem steigen die Kosten von Verpackungsmaterial und Transport um weitere 2 Rp. pro l», rechnet Coop vor. Gesamthaft bezahle Coop den Milchlieferanten somit 8 Rp. pro l mehr. Die Verkaufspreiserhöhung auf 1 l Vollmilch Past betrage bei Coop 5 Rp. Somit liege der Verkaufspreis bei 1.45 Fr.

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Die gestiegenen Rohstoffprei-se und Betriebskosten haben
auch Auswirkungen auf andere Teilsortimente. So sind importierte Milchprodukte wie der Parmigiano-Käse betroffen. 5 Rp. teurer werden auch gewisse Joghurte, der Preis für 250 g Coop-Butter schlägt um 20 Rp. auf. «Wir wollen nicht daran verdienen», verteidigt Coop-Sprecher Karl Weisskopf die Preisanpassungen. Insgesamt würden nur die Preiserhöhungen der Lieferanten weitergegeben.
Tiefer ins Portemonnaie greifen müssen auch die Kunden von Migros. «Wir haben Teilsortimente von Drittlieferanten im Schnitt um 10 Rp. erhöht», sagt Migros-Sprecherin Monika Weibel auf Anfrage des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID. Die Preiserhöhungen würden vorab die Heidi-Linie und Biomilchprodukte betreffen, aber auch die Floralp-Butter. Die Käsepreise seien zum Teil schon erhöht worden, weitere Sortimente würden später folgen. Weil die Milchpreiserhöhung bei den Bauern 6 Rp. pro kg ausmacht, führt eine Preiserhöhung von 10 Rp. beispielsweise bei Trinkmilch zu einer Spanne von 4 Rp. Weibel erklärt dies damit, dass auch die Rohstoffe für Verpackungen teurer geworden seien.