1. Home
  2. Unternehmen
  3. Deutsche Lieferadressen als Geschäftsmodell

Internet-Shopping
Deutsche Lieferadressen als Geschäftsmodell

Online-Shopping: Pakete werden sortiert, der Zoll ist oft teuer. (Bild: ZVG)

Schweizer sparen beim Online-Kauf viel Geld, wenn sie sich ein Paket an die Grenze liefern lassen. Für die Anbieter ein gutes Geschäft.

Von Stefan Mair
am 15.05.2013

Wer bei Amazon oder anderen Online-Anbietern bestellt, kennt das Problem. Überhöhte Euro-Wechselkurse können den Einkauf vermiesen. Oft wird die Ware gar nicht erst in die Schweiz geliefert. Eine Lieferadresse in Deutschland hilft in diesen Fällen und wird bereits von Tausenden Schweizerinnen und Schweizern genutzt. Entlang den Landesgrenzen tummeln sich inzwischen Dutzende Anbieter.

Diese Dienstleistung ist legal, und ­solange der Warenwert 300 Franken nicht übersteigt, muss die Ware am Grenzübergang auch nicht verzollt werden. Das bringt eine grosse Ersparnis. Auf dem Postweg fallen zusätzlich zu Zoll und Mehrwertsteuer noch Gebühren für die Zollabwicklung an. Summiert man diese Kosten, ist der Warenwert bei grösseren Bestellungen schnell überstiegen. Der einzige Nachteil bei Inanspruchnahme der boomenden Dienstleistung ist die Fahrt zur deutschen Lieferadresse.

Volle Lager

Eine erfolgreiche Anbieterin von deutschen Lieferadressen ist Mandy Klein. Sie führt den Dienst Lieferadresse Konstanz. Auf die Idee für den Service kamen sie und ihr Mann durch Schweizer Freunde, die Weinflaschen und andere Sendungen zu ihnen liefern liessen und dann abholten. «Ab diesem Zeitpunkt habe ich fest­gestellt, dass ein Bedarf vorhanden ist», sagt Klein. «Wir verzeichnen täglichen ­Zuwachs bei unseren Kunden.

Wir lagern so viel, dass es sogar manchmal Platzprobleme gibt, wenn Sachen nicht sofort abgeholt werden.» Auch Weil am Rhein ist eine beliebte Adresse für Waren, die im ­Internet bestellt und von Schweizern in Deutschland abgeholt werden. Hier betreibt Roland Burg einen Lieferadressenservice. Er spricht von einer enormen Nachfrage: «Momentan nutzen mehr als 20000 Schweizer Kunden unseren Lieferadressenservice. Pro Woche beantragen 150 bis 200 Schweizer Kunden eine Adresse neu.»

Die Nachfrage ist verständlich. So schrieb die Zeitschrift «Beobachter» von einem Beispiel, in dem ein Pullover aus Angora-Kaschmir bei Esprit Deutschland 69 Euro, im Schweizer Online-Shop aber 135 Franken kostet. Wer direkt beim deutschen Online-Shop mit einer Schweizer Adresse bestellen will, erhält eine Fehlermeldung und den Hinweis, es beim Schweizer Online-Shop zu versuchen.

«Markt mit starkem Wachstumspotenzial»

Zahlreiche Lieferadressenanbieter in Deutschland bieten gleich an mehreren Standorten ihre Dienstleistung an. In fast allen grenznahen Orten finden sich Anbieter. Und das Geschäft wächst genauso schnell wie das Online-Shopping selbst. Thomas Leuenberger etwa von Versanddepot in Konstanz hat vor zwei Jahren ­bemerkt, wie stark die Nachfrage nach Lieferadressen ist. Inzwischen hat auch er 3500 registrierte Kunden, mit stark steigender Tendenz.

«Ich gehe davon aus, dass das ein Markt mit starkem Wachstumspotenzial bleibt. Insbesondere wenn die Preisdifferenz für vergleichbare Produkte zwischen der Schweiz und dem EU-Raum weiterhin so gross bleibt», so Leuenberger. Die Registrierung einer Lieferadresse ist unkompliziert, beim Bestellen in einem deutschen Online-Shop wird die erhaltene Lieferadresse angegeben. Wenn die Ware eintrifft, meldet der Anbieter der Lieferadresse die Ankunft des Pakets, das dann abgeholt werden muss.

Aber lohnt sich die Lieferadresse auch für Kunden ausserhalb der Grenzregionen, etwa in der Zen­tralschweiz? Auch für Kunden, die länger bis zur deutschen Grenze fahren müssen, haben sich Anbieter etabliert. So etwa Paketdiscount.ch: Die Fahrer der Firma nehmen das ­Paket in Deutschland entgegen, bringen es über die Grenze und schicken es per Schweizer Post an den Kunden des Online-Shopping-Portals weiter. Die Kosten hängen von der Grösse des Pakets ab und betragen 14 bis 40 Franken. Zollgebühren und Mehrwertsteuer kommen dazu.

Verspätungen sind teuer

Wer Waren nicht aus Deutschland bestellt, sondern gleich aus den USA, für den sind Anbieter wie Bongous.com oder Shipito.com eine gute Lösung. Sie bieten den gleichen Service wie Paketdiscount, nur eben auf Lieferungen aus den USA.

Die Aussichten für das Geschäft mit den Lieferadressen sind weiter gut. Das glaubt auch Michael Aust von Grenzpaket. Auch er kam auf diese Geschäftsidee, ­nachdem er beobachtet hatte, wie sich bei ­einem Freund, der in Grenznähe wohnt, Pakete stapelten. Inzwischen hat seine Dienstleistung einige Tausend Kunden, jeden Tag gibt es neue Anfragen. Auch glaubt er, dass bei den Anbietern noch Luft nach oben ist. «Natürlich ist die Zahl der Lieferadressen angesichts der Bevölkerungszahl in der Schweiz irgendwann begrenzt, noch sehe ich aber sehr viel Potenzial», so Aust.

Vor einigen Jahren waren es noch kleinere Geschäfte, die die Lieferadresse als Nebengeschäft betrieben. So etwa auch das Lottogeschäft Burg in Weil am Rhein, wo jeden Tag über 150 Sendungen eintreffen. Inzwischen setzen viele Anbieter von Lieferadressen aber auf die reine Dienstleistung Lieferadresse. Einige haben schon Lagerhallen für die Pakete eingerichtet. In Konstanz, Laufenburg, Waldshut, Friedrichshafen und vielen ­anderen Ortschaften entdecken Anbieter, dass sie mit den Online-Shopping-begeisterten Schweizern Geld machen können. Nur zu spät abholen sollte man das Paket nicht. Denn dann drohen bei manchen Anbietern saftige Gebühren, schliesslich quellen die Lager schon jetzt über.

Anzeige