Die Verfassung der beiden weltgrössten Zementkonzerne könnte derzeit kaum unterschiedlicher sein: Während ein Grossreinemachen LafargeHolcim tief in die roten Zahlen riss, präsentierte der deutsche Rivale HeidelbergCement für 2015 das beste Ergebnis seit der Finanzkrise.

Den Deutschen kommt die starke Position in den USA und Nordeuropa zu Gute, die Zementmischer von Rapperswil-Jona leiden dagegen unter der Flaute in wichtigen Schwellenländern. Zudem ist LafargeHolcim – der Weltmarktführer – nach der im Sommer 2015 vollzogenen Fusion immer noch sehr mit sich selbst beschäftigt. Ähnliches kommt auf HeidelbergCement aber noch zu, wenn sie sich ab dem zweiten Halbjahr den italienischen Konkurrenten Italcementi einverleiben.

Rückkehr in die schwarzen Zahlen

«Der schwierigste Teil des Zusammenschlusses liegt nun weitgehend hinter uns», sagte LafargeHolcim-Chef Eric Olsen. «Unsere Organisation steht, und 2016 werden wir weitere Synergien ausschöpfen.»

Im laufenden Jahr werde LafargeHolcim wieder in die schwarzen Zahlen zurückkehren, nachdem im Abschluss 2015 ein Loch klaffte. Überraschende Wertberichtigungen und andere Sonderkosten schlugen mit drei Milliarden Franken zu Buche. Es ist nicht unüblich, dass neue Firmenchefs die Bücher sehr genau auf zu hohe Bewertungen von Geschäften abklopfen, reinen Tisch machen und damit das Risiko künftiger Wertberichtigungen reduzieren.

Schwache Schwellenmärkte

Aber auch das Tagesgeschäft schwächelt, denn der bisherige Wachstumsmotor der Schwellenländer ist ins Stottern geraten. In wichtigen Märkten wie China oder Brasilien rechnet LafargeHolcim auch im laufenden Jahr nicht mit einer Erholung. Insgesamt erwirtschaftet das Unternehmen fast 60 Prozent des Umsatzes in den aufstrebenden Märkten – bei HeidelCement sind es nur 40 Prozent.

Für Bernstein-Analyst Phil Roseberg ist die Milliarden-Wertberichtigung ein Hinweis, dass sich die Geschäfte in den Schwellenländern nachhaltig verschlechtert haben. Er bezweifelt, dass der Konzern die bis 2018 angepeilten Ziele noch erreichen kann. LafargeHolcim hat sich unter anderem ein operatives Ergebnis von 8 Milliarden Franken vorgenommen. Zur Zeit stehen die Schweizer bei 5,8 Milliarden Franken, 10,7 Prozent weniger als im Vorjahr.

Ärger im Management

Erklärtes Ziel der von einer Gruppe von Holcim- und Lafarge-Grossaktionären eingefädelten Deals war es, die Rendite zu steigern. Doch es war eine schwere Geburt, die Integration der unterschiedlichen Kulturen von Lafarge und Holcim läuft Insidern zufolge nicht reibungslos.

Auch die Wechsel im Management erschweren es dem Konzern, richtig Tritt zu fassen. So gibt Wolfgang Reitzle nach nicht einmal einem Jahr den Präsidenten-Posten wieder ab, um zum deutschen Linde-Konzern zurückzukehren. LafargeHolcim stecke nach der Fusion von zwei gleich starken Unternehmen in Machtkämpfen und habe deshalb wenig Zeit, das Geschäft in Schwung zu bringen, erklärte ein Branchenexperte.

Zurückhaltende Investoren

Die Ernüchterung zeigte sich auch an der Börse. Das neue Unternehmen hat seit Juli fast die Hälfte an Wert verloren, der Kurs des Dax-Konzerns HeidelbergCement ist dagegen praktisch unverändert. Ein Unterschied zur Schweizer Konkurrenz, auf den HeidelbergCement-Vorstandschef Bernd Scheifele mit Vergnügen hinweist. «Wir haben profitables Wachstum geliefert», erklärte Scheifele.

HeidelbergCement, die mit der Übernahme von Italcementi Nummer zwei der Branche bleiben wird, ist nach einem jahrelangen Fitness-Programm in guter Form. Der auf die Gruppe entfallende Nettogewinn stieg trotz stagnierenden Umsatzes 2015 um zwei Drittel auf 800 Millionen Euro. Die Dividende soll auf 1,30 Euro angehoben werden nach 75 Cent im Jahr zuvor. Die operative Rendite legte um gut einen Prozentpunkt auf 19,4 Prozent zu.

(reuters/ise)