Das Leben kehrt langsam zurück in die 1000 Quadratmeter grossen Offices an der Zürcher Stockerstrasse. Wochenlang waren die drei Stockwerke mit den Teppichplatten im Parkettlook verwaist, die 34 Mitarbeiter arbeiteten von zu Hause aus. Zwar hatte die Pandemie keine grossen Auswirkungen auf das Start-up Dfinity, dennoch hängt das gegenwärtig wohl ehrgeizigste IT-Projekt des Landes weit hinter dem Zeitplan. «Wir wollen das Internet neu erfinden», sagt Dominic Williams (49), und er meint es ganz unbescheiden ernst.

Dfinity entwickelt einen gigantischen virtuellen Computer (Williams nennt ihn «Internetcomputer»), bestehend aus einem dezentralisierten Netz von Rechnern, die durch das Blockchain-Protokoll verbunden sind. Er soll eine neue Art von Cloud Computing ermöglichen – massiv günstiger, verlässlicher und sicherer als die bestehenden Lösungen der grossen Techkonzerne. Ein Schritt, den Williams in einer Reihe sieht mit den Technologiesprüngen vom Mainframe zum PC zum Internet zum Cloud Computing. Dfinity baut dabei nicht selber Hardware, sondern nur die Softwarearchitektur. Dafür konnte Williams, wie er es nennt, «eines der besten und am stärksten konzentrierten Technologieteams in der Welt» zusammenstellen, unter anderem mit Kryptografieexperten der ETH, von Google und IBM. Einmal gestartet, soll das Protokoll autonom auf Rechenzentren Dritter ablaufen, die dafür mit Kryptogeldern entschädigt werden.

Prominente Investoren

Ambitiöse Ziele zu haben, ist das eine, namhafte Investoren davon zu überzeugen, ist das andere. Williams ist es gelungen: Fast 200 Millionen Dollar Risikokapital hat Dfinity eingesammelt. Dies von Grössen wie Marc Andreessen, einst Netscape-Gründer und heute einer der erfolgreichsten VCs im Silicon Valley, sowie Polychain Capital, hinter der wiederum renommierte Player wie Sequoia Capital und Union Square Ventures stecken. Heute wird Dfinity mit zwei Milliarden Dollar bewertet – ein Doppel-Unicorn. Frederik Gregaard, Blockchain-Experte und Head of Digital Financial Services bei PwC Schweiz, sagt: «Nicht viele haben diese Ambitionen, diese Funds, diese Brainpower.»

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Ursprünglich wollte Dfinity Anfang 2019 eine erste Version des Internetcomputers lancieren. Doch bis jetzt ist nur ein Tool Kit veröffentlicht, mit dem Drittentwickler dafür Anwendungen programmieren können. Ende Juni wurden sie an einem virtuellen Event darauf eingeschworen. Auch bei der Rekrutierung hängt Williams dem Zeitplan hinterher: Ende 2019 wollte er insgesamt 250 bis 300 Mitarbeiter in den Offices in Zürich, Palo Alto, San Francisco und Tokio eingestellt sowie eine weitere Niederlassung eröffnet haben. Stand heute aber beläuft sich der Headcount auf nur rund 100 Mitarbeiter. «Wir haben nicht alle unsere Ziele erreicht, aber wir haben manche unserer Ziele erreicht», sagt er.

Sich mit Williams zu unterhalten, ist nicht immer ganz einfach: Der Engländer wiederholt Sätze wie Mantras, weicht Fragen aus, verliert sich in technischen Exkursen. Ein Nerd, würden manche sagen. Für die Lancierung des Internetcomputers hofft er nun auf September. «Wir sind noch nicht bereit, unser Netzwerk jetzt zu öffnen, es wäre kontraproduktiv», sagt er. Denn vorher muss das komplexe Ökosystem an Partnerorganisationen wenigstens ansatzweise stehen: Jemand muss die Rechenzentren bereitstellen, Finanzinstitute müssen die Kryptowährungen finanzieren, die es zur Bezahlung dieser Rechenzentren braucht, IT-Berater müssen für die Schulungen parat stehen, schliesslich erfordert der Internetcomputer eine völlig neue Art der Programmierung. «Deshalb ist es schwierig, ein hartes Datum anzugeben», sagt Williams.

«Dafür, dass sie seit fast fünf Jahren am Start sind, und angesichts ihrer Geldmittel hat man noch nicht viel gesehen.»

Entsprechend gross ist die Enttäuschung in der Community: «Dafür, dass sie seit fast fünf Jahren am Start sind, und angesichts ihrer Geldmittel hat man noch nicht viel gesehen – auch im Vergleich mit anderen, jüngeren Blockchain-Projekten», sagt Daniel Diemers, Blockchain-Experte und Start-up-Berater. «Ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich habe erwartet, dass sie schneller Produkte im Markt lancieren», sagt auch Gregaard. «Das Unternehmen hat sich sehr viel vorgenommen und steht ordentlich unter Druck. Ob die gesteckten Ziele erreicht werden können, wird sich zeigen», sagt Fabian Schär, Professor für Blockchain und FinTech an der Uni Basel.

Als Kleinprojekt hatte Dfinity 2016 in Zug angefangen. Williams hatte nach eigenen Worten «seit 40 Jahren so ziemlich jedes vorstellbare Computersystem» programmiert, mit Kryptografie für verteilte Systeme beschäftigt er sich seit 25 Jahren. Da lag die Standortentscheidung für das Crypto Valley nahe, zumal die Stiftung Ethereum mit ähnlichen, wenn auch deutlich weniger ambitionierten Zielen dort bereits ansässig war.

«Als Europäer bin ich stolz, dass wir das hier aufbauen konnten», sagt Williams, der – wenn nicht gerade Pandemie ist – ständig zwischen Zürich und Kalifornien pendelt. Auch er entschied für eine Stiftungsstruktur, um die Unabhängigkeit dauerhaft zu wahren und den Firmenzweck unwiderruflich festzuzurren. Erster Stiftungsrat war der Schweizer VC Cédric Waldburger (32). Er baute auch den neuen Hauptsitz in Zürich auf für die bessere Erreichbarkeit, dann verabschiedete er sich, auch wegen Meinungsverschiedenheiten im Gründerteam. Schnell wurde Dfinity immer grösser: «Wir verfolgen den Silicon-Valley-Ansatz», sagt Williams: «Es gibt hier ein billionenschweres Marktpotenzial. Also setzen wir furchtlos massive Ressourcen ein, um dieses Potenzial zu heben.»

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Zehnmal günstiger als bestehende Systeme

Die Vorteile klingen in der Tat bestechend. So ist der Nutzer nicht von oligopolistischen Software- und Cloudanbietern, deren Technologie und deren Preisstruktur abhängig. Weil der Internetcomputer dank seiner Blockchain-Architektur von Grund auf nicht gehackt werden kann, entfallen jene Milliarden für Sicherheit, die heute den Grossteil der IT-Ausgaben verursachen. Insgesamt zehn Mal günstiger als bestehende Systeme soll der Betrieb sein, so Williams. «Das wird ein Schock, der die Welt erschüttert und sie zu einem besseren Ort macht», verspricht er in bestem amerikanischem Grossspur-Marketing: «Wenn die Leute das System in Betrieb sehen, werden sie sprachlos sein.»

«Dass Microsoft oder Amazon auf ein Start-up umschwenkt und mit diesem einen grossen Vertrag abschliesst, will ich erst noch sehen.»

Wenn. Denn das Projekt hat noch immer gewaltige Hürden vor sich. Zum einen wegen der ungeheuren technischen Komplexität. Aber auch wegen der regulatorischen: Dfinty («decentralised infinity», dezentralisierte Unendlichkeit) will in der ganzen Welt agieren, trifft aber in jedem Land auf andere juristische Rahmenbedingungen, etwa bezüglich Kryptowährungen. Und um die kritische Masse zu erreichen und wirklich ein neuer Standard zu werden, muss Dfinity mindestens 30 Prozent der weltweiten Web-Entwickler für ihr fundamental anderes System gewinnen. «Aber es ist ja schon schwer genug, die Blockchainwelt auf eine einheitliche Blockchain einzuschwören», sagt Diemers.

Zudem sind die Konkurrenten die grössten Technologiefirmen der Welt: die Cloudanbieter Amazon, Google und Microsoft. «Dass ein Grosskonzern wie Microsoft oder Amazon auf ein Start-up umschwenkt und mit diesem einen grossen Vertrag abschliesst, will ich erst noch sehen», sagt Diemers. Und dass die von Dfinity zur Finanzierung ausgegebenen Tokens letzten Juli einen unerklärlichen Ausschlag verzeichneten, ist zwar nicht Dfinitys Schuld, wirkt aber auch nicht vertrauensbildend.

Auch wenn Dfinity ordentlich hinter dem Zeitplan herhinkt: Dank ihrer grossen Finanzierungsrunden hat die Firma genug Mittel, um noch ein paar Jahre durchzuhalten. Und im Crypto Valley glauben viele weiterhin an die Idee des virtuellen Internetcomputers. «Das Modell sieht gut aus, das Team ebenfalls, und der Markt ist reif für so eine Lösung», sagt Gregaard.

Jetzt muss Williams nur noch liefern.

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