Endlich weiss ich, warum ich vor 25 Jahren auf den Everest gestiegen bin und mich am Endpunkt als nach Luft japsendes Michelin-Männchen so unendlich freute. Vor wenigen Wochen, nämlich am 29. Mai, erhielt ich, zusammen mit 400 anderen «summiters», in Katmandu einen freundlichen Händedruck seiner Majestät, des Königs von Nepal, einen schlaffen des Premierministers – er wurde bereits am nächsten Tag abgesetzt – sowie eine silbern glänzende Medaille. Ich war also einer unter vielen, mehr als dreizehnhundert Individuen sind bis jetzt auf dem Dach der Welt gestanden, manche mehrfach, der Rekordhalter Appa Sherpa dreizehnmal.

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Zu viele und zu viele Unwürdige, meint Sir Edmund Hillary, der Held der Fünfzig-Jahr-Feier, und fordert ein Expeditionsmoratorium: Einige Jahre solle der geplagte und entehrte Berg gesperrt werden und sich erholen können. Reinhold Messner muss da nachdoppeln und fordert nur mehr eine Expedition pro Route. Die am Boom wesentlich Mitschuldigen wollen die Öffentlichkeit ausschliessen oder zumindest reduzieren. Sir Ed, obwohl eigentlich neuseeländischer Imker, ist eben doch vom elitären Geist der Cambridge-Boys durchdrungen, die ihm den grössten Sieg ermöglichten, und vergisst für einmal seine Sherpas, die vor langen Zeiten den Herren als Kulis dienten. Dabei hat Ed mit Schulen, Hygiene, Brücken und Spitälern im Sherpa-Land über Jahrzehnte weiss Gott viel Gutes für diese Leute getan. Dadurch stieg die Bevölkerungszahl, und die von «Everest-manie» getriebenen Bergsteiger sowie Touristen brachten den Bergbauern am Fusse des grössten Felsbrockens bescheidenen Wohlstand.

Nun also zurück zu Würde und einfachem Leben. Die Sherpas sollen nicht mehr Touristen und Komplexler auf den Everest führen, stossen und ziehen, sondern wieder Kartoffeln pflanzen und Yaks züchten – kein Stoff mehr für Soaps. Schluss mit der krachend banalen Alltagsgesellschaft, die uns unser nationales Fernsehen in einer Einfallslosigkeit, die schon wieder genial ist, sonntagabends in die sommerliche Stube spült. Keine Folkloregruppe mehr mit übergewichtigem Walliser samt Weih- und Tränenwasser, der sich um sich selbst drehenden künstlichen Herzklappe, dem bedauernswerten Arzt mit Kopfweh. Kein Kindergarten mehr mit zu langen Handschuhbändern, keine Vertrauen schaffende übergewichtige Bergführergemütlichkeit mehr. Schluss damit! Danke, Ed!

Aber eben, elitäre Oasen, die verloren gingen, sind kaum zurückzuerobern. Der Ruf nach Moratorien ist Ausdruck von Altersstarrsinn, dem wir alle früher oder später anheim fallen. Schleichend zerstört das Banale das Elitäre: Tennis, einst ein Spiel der Vornehmen, ist zum Volkssport verkommen, Golf ist auch nur noch in ganz wenigen Klubs wirklich exklusiv, und selbst auf dem Cresta-Run sollen schon Proleten gesichtet worden sein, von den Gästen der vornehmsten Hotels in St. Moritz wollen wir erst gar nicht reden. Auch im Schöngeistigen hat sich das gemeine Volk breit gemacht, schliesslich hofieren selbst Opernchefs heute Toskana-Sozis, und Ikonen der Schweizer Malkunst werden von Neureichen gehortet.

Die Schweizer Familie mit ihrem Rheintaler Vater musste am Second Step umkehren, ist «gescheitert»: zu viel Wind, zu lange Wartezeiten an der einzigen dort 1975 von den Chinesen aufgestellten Metallleiter. Ende der Seife. Das Elitäre ist gleich um die Ecke. Als nämlich schon fast alle resigniert hatten und zu Hause von ihren Nichterlebnissen berichteten, krochen am 26. Mai Thomas Zwahlen, Christian Rossel, Eike Mrosek und Sherpa Temba, allesamt erfahrene Bergsteiger, die letzten 100 Meter zum Gipfel – bei aufrechtem Gang hätte sie der Sturm weggeweht. Und völlig unbeachtet kletterten im Osten Erhard Loretan und Ueli Steck ganz einsam in der schwierigsten zurzeit versuchten Himalaja-Wand am Jannu. Im wirklich elitären Grenzbereich gibt es keine Moratorien.