1. Home
  2. Unternehmen
  3. Die 1950er-Jahre: Wunder Waschmaschine

Die 1950er-Jahre: Wunder Waschmaschine

Schulthess lanciert 1951 den ersten Wasch-Vollautomaten und Kameramann Roger Bovard kurz vor dem Start des Schweizer Fernsehens

Die 1950er-Jahre Die Schweiz bereinigt ihr Verhältnis mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, führt die AHV ein und freut sich am rasch steigenden Lebensstandard.

Veröffentlicht am 11.05.2011

Das Gerät kommt aus der Schweiz, genauer: aus Wolfhausen im Kanton Zürich. «Endlich mehr Freiheit! », wirbt der Hersteller. Wenn je ein Slogan der reinen Wahrheit entsprochen hat, dann dieser. Der erste Waschautomat Europas von Schulthess beendet 1951 die Mühsal vor allem der Mütter, die bis dahin jeweils Tage für die grosse Wäsche aufwendeten: Feuer unter dem Bottich machen, Wäsche kochen, über dem Waschbrett schrubben, spülen, auswringen, aufhängen. Was sind dagegen 6000 Franken für einen Waschautomaten?

Er ist nur eine der grossen Errungenschaften der 50er-Jahre. 1953 sendet das Schweizer Fernsehen an fünf Abenden pro Woche während etwa einer Stunde ein Programm aus dem Studio Bellerive in Zürich. Das TV-Gerät in der guten Stube wird das Familienleben in den 1950er-Jahren so gründlich verändern wie die Waschmaschine die Arbeit der Hausfrauen und das Auto die Sonntagnachmittage. Seit nämlich der Opel oder der VW Käfer vor dem Haus steht, sind wöchentliche Ausfahrten attraktiver als die berüchtigen Sonntagsspaziergänge, häufig verbunden mit einem Besuch bei hochbetagten Verwandten.

Wieder mehr und bessere Nahrung

Immer mehr Familien können Waschmaschine, Fernseher oder Auto anschaffen. Seit die Rationierung 1948 aufgehoben wurde, gibt es auch wieder reichlich zu essen. Schluss mit den zwei fleischlosen Tagen pro Woche. Schluss mit Ersatzkaffee und Chicorée-Zusatz von Franck Aroma, Schluss mit Brot, das mit Kartoffelmehl gestreckt wurde.

Die Löhne steigen in diesen Jahren auf breiter Front. 1945 liegt der Reallohnindex noch auf dem Niveau, den er vor dem Krieg erreicht hatte. 1950 liegt er 20 Prozent höher, zehn Jahre später schon 40 Prozent.

23 Jahre nach der ersten Initiative und nachdem der Gegenvorschlag des Parlaments in die Verfassung aufgenommen worden ist, wird 1948 endlich auch die Altersund Hinterbliebenen-Versicherung (AHV) eingeführt. Im Jahr zuvor ist das entsprechende Gesetz mit 862 036 zu 215 496 Stimmen – 80 Prozent sagten Ja – angenommen worden.

Ursprünglich leistet die AHV nur bescheidene Beiträge an eine minimale finanzielle Sicherung von Alten, Witwen und Waisen: Die Mindestrente von 40 Franken pro Monat würde im Jahr 2010 unter Berücksichtigung der Teuerung einem Betrag von rund 180 Franken entsprechen, die Maximalrente von 125 Franken einem Betrag von 570 Franken. Gut 60 Jahre nach Einführung dieses wichtigsten Sozialwerks werden die kleinsten Renten viermal, die höchsten sechsmal höher sein als 1948.

Der Lebensstandard steigt von Jahr zu Jahr, die Wirtschaft wächst stetig weiter. Eine Grundlage dafür ist das Abkommen von Washington im Jahr 1946. Wegen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland und den anderen Achsenmächten steht die Schweiz nach dem Krieg in den Augen der Sieger und der befreiten Länder schlecht da. Schweizer Banken schicken zwar Angestellte an die deutsche Grenze, um für die Alliierten Geld in allen möglichen Währungen zu wechseln. Lastwagen der Siegermächte karren die in ihren Besatzungszonen zusammengetragenen Noten an die Grenze, wo sie von den Bankmitarbeitern stunden- und tagelang sortiert und gebündelt werden.

Aber nun machen die Alliierten ihren Rechtsanspruch auf die deutschen Werte in der Schweiz geltend. Am 25. Mai 1946 wird zwischen einer schweizerischen Delegation und den alliierten Delegationen der USA, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs in der Form eines Briefwechsels ein Abkommen geschlossen. In einem Brief der schweizerischen Delegation steht über die Forderungen der Alliierten geschrieben:

«Im Verlaufe der heute zu Ende gegangenen Verhandlungen haben die Alliierten Regierungen, unter voller Anerkennung der schweizerischen Souveränität, ihren Rechtsanspruch auf die deutschen Werte in der Schweiz geltend gemacht. Sie stützen sich auf die Kapitulation Deutschlands und die von ihnen ausgeübte oberste Staatsgewalt in diesem Lande. Ausserdem haben sie die Rückerstattung des Goldes verlangt, das nach ihren Angaben durch Deutschland den besetzten Ländern während des Krieges gegen alles Recht weggenommen und nach der Schweiz geschafft worden sein soll.»

Diplomatisch formuliert heisst es in dem Brief weiter: «Die Schweizerische Regierung erklärte, sie könne zwar eine Rechtsgrundlage für diese Forderungen nicht anerkennen, sie sei dagegen willens, auch ihrerseits an die Befriedung und den Wiederaufbau Europas sowie die Versorgung zerstörter Gebiete beizutragen.»

Wie dieser Beitrag der Schweiz aussieht, ist im Washingtoner Abkommen von 1946 detailliert festgehalten: «Der Erlös aus der Liquidation der in der Schweiz liegenden, Deutschen in Deutschland zustehenden Werte wird zu 50 Prozent der Schweiz zukommen. Ein gleicher Anteil wird den Alliierten zum Zwecke des Wiederaufbaus zerstörter oder durch den Krieg verarmter, alliierter Länder sowie zur Ernährung von Hungersnot betroffener Bevölkerungen zur Verfügung gestellt werden.»

Darüber hinaus verpflichtet sich die Schweiz, «den drei Alliierten Regierungen einen Betrag von 250 Millionen Schweizer Franken, zahlbar auf Sicht in Gold in New York, zur Verfügung zu stellen». Damit hat sich die Schweiz, wie man annimmt, von ihren Sünden während des Kriegs losgekauft. «Die Alliierten Regierungen erklären ihrerseits, dass sie mit der Annahme dieses Betrages für sich und ihre Notenbanken auf alle Ansprüche gegenüber der Schweizerischen Regierung oder der Schweizerischen Nationalbank verzichten, die sich auf das von der Schweiz während des Krieges von Deutschland erworbene Gold beziehen. Damit finden alle auf dieses Gold bezüglichen Fragen ihre Erledigung.»

Ein Erbe aus der Nazi-Zeit

Ein strittiger Punkt ist damit aber noch nicht geklärt: Die sogenannte Interhandel- Affäre um die frühere Finanzholding IG Chemie in Basel. Diese war 1928 vom deutschen Konzern IG Farben für internationale Tochtergesellschaften gegründet worden, darunter dessen chemische Fabriken in den USA. 1942 wurden diese beschlagnahmt, weil sie als Tarnung deutscher Interessen galten. Schweizer Banken beharrten aber darauf, die Verbindung zur tief in den Nationalsozialismus vertrickten IG Farben sei schon während des Kriegs abgebrochen worden, die IG Chemie sei ein Schweizer Unternehmen.

1957 schalteten sich die Grossbanken ein, indem sie den Verwaltungsrat der Holding übernahmen. Zugleich begann die Schweizerische Bankgesellschaft, Interhandel- Aktien anzukaufen, ab 1961 kontrollierte sie die Holding allein. Erst Jahre später wird die Bank in einen Kompromiss einwilligen: 40 Prozent des Erlöses der 1965 versteigerten Chemiewerke  in den USA fallen an die Eigentümer der Interhandel, 60 Prozent an den amerikanischen Staat, immerhin 122 Millionen Dollar.

Die Rehabilitation des Landes durch derartige Abkommen ist eine Voraussetzung internationaler Zusammenarbeit. Dazu kommt ein Zusammenrücken der westlichen Staaten gegen den gemeinsamen Feind im Osten. Der Kalte Krieg lässt Vorwürfe an die Schweiz wegen Nazi- Freundlichkeit, der Flüchtlingspolitik oder der egoistischen Neutralität vorübergehend verstummen. Erst mit den Unruhen von 1968 und dann mit der Debatte um die Holocaust- Gelder der 90er-Jahre werden sie wieder erhoben.

Aber vorerst können die Schweizer zufrieden sein. Die Wirtschaft erholt sich vom Einbruch während des Krieges, es geht steil aufwärts: Die Zahl der Stellensuchenden sinkt zwischen 1945 und 1960 um fast 80 Prozent; für den Wohnungsbau werden 1960 rund 2,5 Milliarden Franken aufgewendet, fast sechsmal mehr als 1945; die Kleinhandelsumsätze wachsen in derselben Zeit um 150 Prozent; der Reallohnindex steigt um 50 Prozent; die Spar- und Hypothekaranlagen nehmen um 8,5 auf 15,1 Milliarden Franken zu, und die Importe in die Schweiz belaufen sich 1960 auf 9,7 Milliarden Franken, 1945 waren es 1,2 Milliarden.

Während des Booms sind Arbeitskräfte rar. «Von den Kantonen wurde im ersten Semester die Bewilligung für rund 5 Millionen Überstunden erteilt», schreibt denn die «Handelszeitung» am 27. September 1951. Das sind 3 Millionen mehr als in den ersten drei Monaten 1950. «In der Hälfte aller Industriebetriebe herrscht Mangel an gelernten Arbeitskräften.» Dagegen gebe es ein Mittel, meint der Autor: «Die geringe Anzahl noch verfügbarer inländischer Arbeitskräfte hat einen vermehrten Zuzug ausländischer Arbeiter notwendig gemacht.» 73 600 sind im ersten Halbjahr 1951 gekommen, das sind 32000 mehr als in der gleichen Zeit des Jahres zuvor.

Das Heer der Gastarbeiter deckt den Bedarf der Industrie an Arbeitskräften. Die Immigranten ermöglichen den Bau der vielen neuen Wohnungen. Allein die Zahl der Wohnbaugenossenschaften steigt von 261 im Jahr 1942 auf weit über 1000 Mitte der 60er- Jahre. Die Zuzüger werden aber auch beim dringend notwendigen, während des Krieges verschobenen Ausbau der Infrastruktur eingesetzt: Sie bauen vor allem Strassen, neu auch Autobahnen, dazu Spitäler und Schulen.

In der Landwirtschaft und in der Gastronomie arbeiten Saisonniers. Sie dürfen jedes Jahr nur so lange in der Schweiz bleiben, wie sie gebraucht werden. «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen»,sagt Max Frisch, der in diesen Jahren zusammen mit Friedrich Dürrenmatt zum Inbegriff der Schweizer Nachkriegsliteratur wird. Die Diskussion um die Immigranten und deren Rechte ist von nun an Teil der Schweizer Politik.

Mit dem wirtschaftlichen Aufbruch kann die Politik nicht Schritt halten. Protektionismus und staatlich verordnete Preise überdauern den Krieg um Jahre. Um zum Beispiel die Versorgung mit Brotgetreide sicherzustellen, will der Bundesrat das während des Kriegs verfügte Monopol immer wieder verlängern. Dagegen wehrt sich die «Handelszeitung» wie gegen jeden staatlichen Eingriff in die Wirtschaft. So auch am 9. August 1951: «Der vorgeschlagenen Lösung geht jedes Bemühen ab, die privatwirtschaftlichen Gesichtspunkte auch nur im geringsten zu achten.» Und vor den Wahlen im selben Jahr heisst es: «Die wichtigsten Entscheide liegen heute auf der wirtschaftlichen Ebene. Wir stehen mitten in einer Ausmarchung zwischen freier und staatlich gebundener Wirtschaft und damit zwischen liberalem und dirigistischem Staat.»

Erste Schritte aus der Isolation

Wenn sich die Schweiz aus der selbstgewählten Isolation befreit und sich gegenüber der internationalen Gemeinschaft öffnet, dann bevorzugt aus wirtschaftlichen Interessen. «Unsere Mitarbeit ist dort am grössten, wo unsere Handelsbeziehungen betroffen sind», wird Staatssekretär Paul Jolles 1963 rückblickend sagen. Also beteiligt sich die Schweiz nach dem Krieg zuerst an der Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC), der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) in Basel, 1960 auch an der OEEC-Nachfolgeorganisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Doch 1957 entsteht die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Von einem Beitritt der Schweiz ist nicht die Rede. Sie wird 1960 Mitglied der kleinen Freihandelszone Efta werden. Doch an den Zollsenkungen möchte sie teilhaben. Aber «für die Verständigung hat die Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft keine Worte gefunden, die als verbindlich gesehen werden könnten», klagt die «Handelszeitung» am 7. Januar 1960. «Man schlägt Schaum, um die Aussenseiter des europäischen Raumes kleinzukriegen.»

Anzeige