Was ist schlimmer für die Weltwirtschaft: Sars oder Corona?
Rudolf Minsch: Die Auswirkungen des Coronavirus sind viel einschneidender. Weil China in den letzten 17 Jahren viel wichtiger wurde und mittlerweile knapp 20 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung beiträgt. Das ist der erste Grund.

Und der zweite?
Chinas Wirtschaft ist heute viel tiefer in die Lieferketten eingebunden und liefert hochstehende, wichtige Komponenten. Zudem macht der Dienstleistungssektor heute bereits die Hälfte der Wirtschaftsleistung des Landes aus. 2002/03, zur Zeit von Sars, war der Anteil von China an der Weltwirtschaft halb so gross, man war bloss die verlängerte Werkbank und der Dienstleistungssektor – vorab der Tourismus war viel kleiner.

Wie wirkt sich das aus?
Eine Trendwende und eine Kompensation von verlorenem Terrain sind viel weniger möglich. Ein Industrieunternehmen kann allenfalls den verlorenen Umsatz später kompensieren, aber bei Dienstleistungen ist das schwieriger. Wenn jemand eine Reise, drei Kino- oder Restaurantbesuche streicht oder den ­Besuch eines Einkaufszentrums meidet, werden diese kaum nachgeholt. Was bleibt, ist ein Umsatzrückgang.

Economiesuisse hat diese Woche bei ­tausend Schweizer Firmen eine Umfrage zu Corona gemacht. Wie schätzen ­Unternehmer die Lage ein?
Die Befragung lief über jene hundert Branchenverbände, die bei uns angeschlossen sind. Wir erhalten Rückmeldungen, wonach diverse Firmen bei vielen Komponenten, die aus China in die Schweiz geliefert werden, Lieferengpässe spüren. Es betrifft zwar nicht die Mehrheit der Firmen, aber ihr Anteil steigt.

Weil es keine Alternativen gibt?
Diese Firmen haben – zumindest auf die Schnelle – keine Alternativen. Das gilt insbesondere für Abnehmer von Elek­tronikteilen oder von Hardware, Bereiche, in denen die Chinesen sehr stark sind. Rückmeldungen erhalten wir auch, dass es bei Seltenen Erden Liefereng­pässe gibt.

Betroffen ist immer noch eine ­Minderheit?
Richtig. Das Gros hat noch Zwischen­produkte oder Komponenten aus China an Lager, sodass sie noch gut ein paar Wochen weiterproduzieren können. Aber diese Bestände schwinden mit dem Anhalten der Epidemie. Dauert sie an, leidet die Produktion bei uns.

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Wen betrifft das am stärksten?
Den Warenexport-Sektor, der von China abhängig ist. Da gehört die Maschinenindustrie dazu, auch Medtech-Firmen.

Pharma?
Ebenfalls, weil ein Teil der Rohstoffe aus China stammt.

Weitere Nöte der Unternehmer?
Diverse Firmen melden, dass sie Probleme bei Transporten in oder aus China haben. Es gibt Verzögerungen und fehlende Kapazitäten. Aus den Feedbacks sehen wir auch, dass diverse Firmen ihre Wertschöpfungskette überdenken, und zwar lautet der Trend: Weg von Festlandchina. Diese Entwicklung begann schon früher, mit dem Handelsstreit USA–­China. Jetzt wird sie weiter verstärkt. Weil man gemerkt hat, dass man in ­China verwundbar ist.

SCHWEIZ ECONOMIESUISSE KONJUNKTURPROGNOSE

Rudolf Minsch, Chefökonom Economiesuisse: «Was bleibt, ist ein Umsatzrückgang.»

Quelle: WALTER BIERI

Die Eier werden auf neue Körbe verteilt?
Vor allem auf mehrere. Die Unternehmen suchen vermehrt Alternativen zu China, etwa in Vietnam oder Pakistan. Dieser Trend verschärft sich jetzt eindeutig, weil man das Klumpenrisiko China verkleinern will. Es werden Alternativen gesucht und Redundanzen aufgebaut.

Und wie leiden die Töchter von ­Schweizer Firmen in China?
In den letzten Jahren haben Schweizer Unternehmen im Schnitt 2 Milliarden Franken in China investiert. Sie haben also einen hohen Kapitalbestand in China aufgebaut und beschäftigen gegen 200'000 Mitarbeitende vor Ort. Diese Leute sind eingebunden in die Produktion der Schweizer Konzerne.

Mit welchen Folgen?
Die Produktionsdrosselung wird sich niederschlagen im Jahresergebnis. Schweizer Unternehmern ist klar: Je ­länger die Unsicherheit andauert, desto tiefer werden die Spuren. Aber: Die ­Unternehmer sind sehr rational am Werk und analysieren die Lage genau. Man will tunlichst jede Panikmache vermeiden, um einer allfälligen Massenhysterie entgegenzuwirken.

«Sollte es länger dauern, was ich nicht hoffe, dann wird es wehtun.»

Wann ist die Corona-Pandemie ­ausgestanden?
Viele gehen davon aus, dass es ab April zu einer Entspannung kommt. Bis dahin lassen sich, so lautet der Tenor, die Pro­bleme bewältigen. Trifft dieses Szenario zu, könnte im Frühling ein relativ schnelles Hochfahren möglich sein. Entsprechend wäre der Einbruch beim BIP zwar real, aber nicht gewaltig.

Und wenn die Bewältigung der ­Pandemie länger dauert?

Aktuell steigen die Fallzahlen weltweit noch stark an, deshalb könnte es durchaus länger dauern. Betroffen ist ja nicht nur China, sondern auch Südkorea, das ebenfalls enorm wichtig ist als Tech-­Zulieferant. Sollte es länger dauern, was ich nicht hoffe, werden wir nicht mit ­einem kleinen blauen Auge davonkommen, dann wird es wehtun.

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Erste Spuren werden im ersten Quartal sichtbar sein?
Ich würde sagen, im ersten und im zweiten Quartal. Dann hoffen wir, dass die Epidemie vorbei ist.

Das Weltwirtschaftswachstum wird sich abschwächen, davon geht auch der ­Internationale Währungsfonds aus, der die Prognosen um 0,1 Prozent senkte.
An einen Rückgang von 0,1 Prozent glaube ich nicht, er wird grösser sein. Man wird die Auswirkungen in Europa spüren, auch in der Schweiz. Und wenn auch die Produktion in den USA und in Europa tangiert wird, werden die Spuren tiefer.

Sie gehen für die Schweiz für 2020 von ­einem Wachstum von 1,2 Prozent aus. Das ist pessimistisch.
Andere gehen in der Tat von leicht hö­heren Werten aus. Wir werden noch zwei, drei Wochen abwarten und dann vermutlich leicht nach unten korrigieren. Wir gehen von einer nicht mehr so dynamischen Konjunktur wie 2019 aus; diese dürfte sich mit der Corona-Epidemie weiter abschwächen.

In Zahlen?
Derzeit gehe ich aus von einem Rückgang von 0,2 Prozent. Aber wie gesagt, es hängt viel von der Länge der Epidemie ab. Entscheidend wird auch sein, ob sich das Virus in Europa und vor allem in den USA ausbreitet. Dann könnte es zu Überreaktionen kommen, die massive Auswirkungen auf die Realwirtschaft hätten. Wir sehen Ansätze davon bereits in Ita­lien. Nachdem um Mailand erste Corona-Fälle auftauchten, strichen Touristen nicht nur ihre Reisen nach Italien, sondern es haben auch Tausende Deutsche ihre Ferien in der Schweiz annulliert. Solange die Unsicherheit anhält oder gar steigt, bleibt man lieber zu Hause. Das ist eine Überreaktion, die gefährlich ist. Eine Hysterie mit Reiseverzicht würde den Tourismus in Bedrängnis bringen, weil man hier schnell reagieren kann.

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