Die Schweizer Wirtschaft schafft es his­torisch immer wieder, gute bis sehr gute Geschichten zu erzählen. Wenn wir zurückblenden, fallen uns spontan Uhren und Textilmaschinen ein, dann Dampf­turbinen und Kraftwerke, ebenso die ­Nahrungs- und Schokoladenindustrie und selbstverständlich die Chemischen in Basel. Manche davon haben sich im Zug des Strukturwandels zu Märchen entwickelt im Sinne von «Es war einmal …». Den meisten jedoch gelingt es, ihre Geschichten erfolgreich weiterzuspinnen.

Auch die Stories von Dienstleistern wie Versicherern und Banken haben in unserem Land bis weit zurück einen überwiegend schönen Klang, auch wenn ihn dann und wann gewisse Dissonanzen beeinträchtigt haben mögen.

In der jüngeren Zeit gelang es allerdings nur der Assekuranz, die Serie der guten Geschichten mehr oder weniger erfolgreich weiterzuerzählen. Die Banken hingegen verloren den Tritt – zumindest die grösseren und grössten von ihnen.

Bad Stories nahmen überhand

Einst konnte BILANZ den Bankenplatz mit «Macht zur Pracht» auf dem Cover verkaufen. Tempi passati! Bad Stories nahmen überhand und brannten sich in die Köpfe der Bevölkerung ein. Nur drei seien herausgepickt: die CS-Stürme nach der Jahr­tausendwende, die zweifache «Nahtoderfahrung» der UBS im Zug der Finanzkrise und des Steuerkonflikts mit den USA sowie der kläglich gescheiterte Gipfelsturm der Raiffeisen Gruppe.

Leider musste der Sektor dafür kollektiv büssen und damit viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, obwohl ein sehr ­starker, gesunder Kern über all die Zeit seriös wie eh und je gearbeitet hatte. Öffentliches Gehör kriegten sie jedoch kaum – im Gegenteil. Die schlechten Geschichten haben die Oberhand behalten. Jahr für Jahr schlechte Resultate der Gross­banken, als Spiegel die Börsenkurse dazu, die deutlich weniger als die Buchwerte anzeigten.

Nicht zu vergessen auch die ­Prozesslawinen mit Zahlungen, die jeden Nicht-Banker schwindlig machen dürften. Und gleichwohl Saläre und Boni für die Bankenchefs, die auch in diesem Zusammenhang stets aufs Neue schwindlig machen. Eine Konstellation, die nur ­brüchige Erzählungen zulässt.

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Eine zweite Chance

Doch nun erhalten wir Banker ganz unverhofft, um nicht zu sagen, unverdient, eine Chance, an die guten Geschichten an­zuknüpfen, auch wenn wir uns nur zu gerne einen gänzlich anderen Anlass gewünscht hätten. Die Finanzinstitute haben dem Bund die Hand gereicht und sich zum Service public gemeldet, um die ärgsten unmittelbaren Folgen des «Lockdown» durch eine schnelle, unbürokratische Kreditvergabe abzufedern. Eine Geste, für die es weltweit Anerkennung gibt.

Der Autor

Adriano Lucatelli ist Gründer und CEO des digitalen Finanzdienstleisters Descartes. Zuvor war er in Spitzenfunktionen bei UBS und Credit Suisse tätig.

Ein Wendepunkt in der Wahrnehmung eines Sektors, der überwiegend selbstverschuldet in Ungnade gefallen war?

«Gute Geschichten stärken die Immunabwehr» nicht nur von Menschen, sondern auch von Institutionen, antwortete der Kulturphilosoph Robert Harrison jüngst in der «NZZ». Die Frage des Journalisten hatte auf die Art eines Survival Guide für diese Zeit der Pandemie abgezielt. Wenn das kein Wink ist, sich an die Neuzeit anzupassen, die uns alle aufs Äus­serste fordern wird, und alles ein bisschen bescheidener und achtsamer anzugehen.

Druck der Finma notwendig

Gewiss, viele Banker leben das bereits vor. Nur müsste jetzt noch der starke Rest folgen. Doch dieser ziert sich in alter, arroganter Manier. Es braucht den Druck der Finma, um ein gewisses Einlenken bei der Dividendenfrage zu erreichen.

Solidarität, Demut – beides steht bereits wieder auf der Kippe. Dabei wäre die Erzählung so schön angelegt, wie die grossen Banken zurück in die «Hall of Fame» finden könnten. Doch das finden sie wohl zu kitschig. Gordon Gekko bleibt ihnen gewiss vertrauter.