Das Baugewerbe ist geprägt von einem inten­siven Wettbewerb. Die Baufirmen investieren viel Geld in leistungsfähigere Maschinen, neue Technologien und bessere Prozesse. Zwar steigen die Umsätze, aber die Margen stagnieren. Stattdessen fliessen die Produktivitätsgewinne in die Taschen der Bauherren und in die Lohntüten der ­Mitarbeitenden.

Benedikt Koch ist Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbandes.

Diese Fakten halten die Gewerkschaften nicht davon ab, für alle Angestellten des Bauhauptgewerbes eine ­generelle Lohnerhöhung für das Jahr 2021 zu fordern.

Mehr Umsatz, tiefe Margen

Bereits 1958 zeigte der US-Ökonom Willard Coch­rane mit seiner «Tretmühle der Landwirtschaft» auf, wie die Gewinne der Landwirtschaftsbetriebe trotz steigenden Produktionsmengen systematisch sinken. Auch die Schweizer Baubranche legt sich mächtig ins Zeug, bleibt aber gefühlt an derselben Stelle stehen – eben wie auf einer Tretmühle oder einem Laufband. Baufirmen verwenden viel Eigenmittel und Fremdkapital, um leistungsfähigere Baumaschinen zu kaufen oder zu mieten. Die produktiveren Maschinen erhöhen die Effizienz, sodass Output und Umsatz steigen.

In den letzten beiden Dekaden hat das Bauhauptgewerbe seinen Umsatz um einen Drittel von 15 auf 20 Milliarden Franken erhöht. Trotzdem dümpelt die Gewinnmarge laut Bundesamt für Statistik sowohl im Hochbau wie auch im Tiefbau seit vielen Jahren bei tiefen 2 bis 3 Prozent. Zum Vergleich: Die Gewinnmarge der Schweizer Gesamtwirtschaft liegt bei über 7 Prozent. Denn noch immer bewegen sich die Preise für Baumeisterarbeiten an einem Wohngebäude oder an einer Strasse auf ähnlichem Niveau wie vor 15 Jahren – dank der Produktivitätssteigerung der Bau­firmen. Diese konstanten Preise kommen den privaten und öffentlichen Bauherren zugute.

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Produktivität floss in Lohnerhöhungen

Eine andere Gruppe, die ihren Vorteil aus der höheren Produktivität zieht, sind die Beschäftigten des ­Bauhauptgewerbes.

An dieser Stelle ist es angebracht, die Arbeitsproduktivität von der Maschinenproduktivität zu unterscheiden. Die Arbeitsproduktivität stagniert gemäss BAK Economics seit zwei Dekaden praktisch, sie legte real nur um 0,1 Prozent pro Jahr zu. Die Löhne des Bauhaupt­gewerbes sind trotzdem real um 0,6 Prozent pro Jahr ­gestiegen – und haben damit den genau gleich starken Schub erhalten wie die Durchschnittslöhne der höhere Margen generierenden Gesamtwirtschaft. Kurzum: Auf dem Bau ist der Ertrag aus der gesteigerten Produktivität grösstenteils in Lohnerhöhungen geflossen.

«Die Arbeitsproduktivität auf dem Bau stagniert praktisch.»

Entsprechend sind generelle Lohnerhöhungen 2021 im Bauhauptgewerbe ungerechtfertigt. Neben den Löhnen gibt es andere Faktoren wie etwa strengere Bauvorschriften, welche die Kosten für die Baufirmen in die Höhe treiben. Um die Kosten unter Kontrolle zu halten, schliessen sich die Betriebe zu immer grösseren Einheiten zusammen. Sie versuchen, Skaleneffekte – etwa für Werkhofleistungen, Administration oder Marketing – zu erzielen. Building Information Modeling, kurz BIM, ist die nächste grosse Innovation im Baugewerbe. Sie wird Kapital brauchen, die Effizienz steigern und den Output erhöhen – sodass sich die Tretmühle der Bauwirtschaft von Neuem zu drehen beginnt. Vor allem zum Vorteil der Bauherren, welche weiterhin von stabilen oder sinkenden Preisen profitieren können.

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