Die Kampfansage erfolgte vor laufenden Fernsehkameras. «Wir sehen Opportunitäten, unser Vermögensverwaltungsgeschäft in Europa erheblich auszubauen», sagte Stephen Scherr, Finanzchef von Goldman Sachs, im Sommer auf Bloomberg TV. Man habe in einem grossen und vielfältigen Markt derzeit einen tiefen, einstelligen Anteil. Im gleichen Atemzug wirft der Goldman-CFO die verbale Angelrute für Zukäufe aus. «Wenn es ein Asset gäbe, das unser europäisches Wealth-Management-Geschäft beschleunigen könnte, würden wir uns das sicher anschauen.» 

Mit der Digitalisierung diversifizieren

Goldman Sachs, das war gemeinhin eine klassische Investmentbank: weltweit führend bei Fusionen, Übernahmen und Börsengängen. Nicht minder erfolgreich bei Handelsfinanzierungen, institutionellem Anlage- und Privatmarktgeschäft. Doch die «Goldies» diversifizieren massiv, spätestens seit David Solomon im Herbst das Amt des CEO übernommen hat.

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Solomon, der in seiner Freizeit als DJ auflegt, nutzt den Schwung der Digita­lisierung, um sich neue Geschäftsfelder zu er­schliessen, sei es bei der Vergabe von Retail-­Hypotheken oder mit Online-­Kleinsparern. Aber auch in der klassischen Vermögensverwaltung versucht die US-Grossbank, ihre Einkünfte zu verbreitern. Denn Wealth Management verspricht relativ stabile Gebührenerträge bei geringem Kapitaleinsatz.

Auch für Allerwelts-Multimillionäre

Im Heimmarkt hat Goldman deswegen vor wenigen Monaten für 750 Millionen Dollar den Finanzberater United Capital geschluckt. Nebst den Schwervermögenden sollen über den Investmentmanager künftig auch «gewöhnliche» Multimillionäre von Goldman bedient werden.

Ganz anders schaut die Strategie auf dem alten Kontinent aus: Dort will Goldman Sachs verstärkt mit den Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI) ins Geschäft kommen, jenen Superreichen also, die mindestens 30 Millionen Dollar an investierbaren Vermögen haben. 

Dabei gibt es im europäischen Wealth-­Management-Markt viel Luft nach oben. Von den 7 Billionen Dollar an investier­baren Vermögen, welche Schwerreiche in  Europa, dem Mittleren Osten und Afrika (EMEA) auf sich vereinen, verwaltete Gold­man Sachs gerade mal etwa 70 Mil­liarden Dollar. Dies entspricht einem Marktanteil von etwa 1 Prozent. Zum Vergleich: Branchenprimus UBS verwaltete im Global Wealth Management per Ende 2018 rund 500 Milliarden Dollar in der EMEA-Region und 200 Milliarden in der Schweiz.

Diese Grössenverhältnisse zugunsten von Goldman Sachs zu verschieben – das ist die neue Aufgabe von Stefan Bollinger, der seit Frühjahr das Private-Wealth-­Management für die EMEA-Region leitet. Bollinger, der im Londoner Trendquartier Notting Hill lebt, stammt ursprünglich aus Winterthur. Er startete seine Karriere als Derivate-Händler bei der ZKB und arbeitet seit 15 Jahren für Goldman Sachs. 2010 wurde er zum Partner ernannt. 

«Substantieller Ausbau»

Bollingers Devise: «Wir wollen unser Schweizer Vermögensgeschäft auf das nächste Level bringen.» Man habe die Ambition, hierzulande «über dem Markt» zu wachsen. Schliesslich ist die Schweiz der wichtigste globale Offshore-Vermögenshub und damit auch für Goldman Sachs in Europa zentral.

Finanzmanager Bollinger will denn auch an beiden Standorten, Zürich und Genf, zulegen. In der Romandie soll die Zahl der «Goldie»-Banker in den nächsten drei Jahren von heute 5 auf bis zu 25 anwachsen. In Zürich, wo die US-Bank seit 1974 einen Ableger unterhält, arbeiten derzeit um die hundert Finanzleute. Auch hier ist hinter vorgehaltener Hand von ­einem «substanziellen Ausbau» die Rede, wobei die Vermögensverwaltung das personalintensivste Geschäft darstellt. 

Gemeinsam investieren mit Goldman Sachs

Zu verantworten hat dieses Dominique Wohnlich, der ab nächstem Monat das 
Wealth-Management für Goldman Sachs in der Schweiz leitet. Wohnlich, der bestens vernetzt ist in der UHNWI-Klientel, war zuvor Zürich-Chef bei Lombard Odier und brachte die Genfer in der Limmatstadt zurück auf die Landkarte.

«Unser Vermögensverwaltungsgeschäft in Europa erheblich ausbauen»: Stephen Scherr, Finanzchef von Goldman Sachs, auf Bloomberg TV.

Nun gelten die Schwerreichen weder in Genf noch in ­Zürich als «underbanked». Doch Gold­man-­Partner Bollinger hat klare Vorstellungen, wie er sich von der lokalen Konkurrenz unterscheiden möchte: Zu den Dienstleistungen, die vermögende Kunden nachfragen würden, gehöre neben klassischer Vermögensverwaltung eben auch Investment-Banking. «Wir geben unseren Kun­den beispielsweise Zugang zu Pri­vate-Markets-Anlagen, wo sie zusammen mit Goldman Sachs investieren können.» Genau da unterscheidet man sich oft gegenüber anderen Privatbanken.

Der erfahrene Banker weiss auch, dass über organisches Wachstum in gesättigten Märkten die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Man setze sich keinem Akquise-­Druck aus, sondern wolle mit Bedacht wachsen, betont Bollinger.

Aber: «Natürlich schauen wir uns in Europa und auch in der Schweiz Übernahmeziele an – das gehört zu jeder seriösen Wachstumsstrategie. Das können Assets, Teams oder Banken sein.» Da seien auch Opportunitäten darunter, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Man darf also gespannt sein, wen sich Goldman Sachs einverleibt.

Kleinkunden und Hypotheken: Die Pläne von Goldman Sachs

Goldman Sachs drängt über digitale Kanäle ins Geschäft mit Retail- und Kleinkunden: mit der Online-Plattform Marcus – benannt nach dem Firmengründer –, die seit 2016 in den USA ­relativ hoch verzinste Sparkonten und Kleinkredite anbietet. Das digitale ­Angebot gibt es mittlerweile auch in Grossbritannien, wo innert acht Monaten über 250'000 Kunden rund 8 Mil­liarden Pfund an Sparguthaben einlegten.

Weitere Länder sollen folgen, darunter Deutschland, wo der Start kürzlich verschoben wurde. Seit 2015 bietet Goldman Sachs in den Niederlanden Retail-­Hypo­theken an. Damit tritt die US-Bank in Konkurrenz zu den lokalen Mitbe­wer­bern. Die Hypothekendar­lehen würden an zahlungskräftige Kunden vergeben, betont die Bank.

Dementsprechend zahlen nach vier Jahren über 99,9 Prozent der gut 3'000 Kreditnehmer ihre Raten pünktlich. Es sei nicht ausgeschlossen, dass man künftig in anderen europäischen Ländern vergleichbare Programme auflege, so eine Goldman-­Sachs-Sprecherin. Die Schweiz war auch schon im Gespräch.

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