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Expansion
Die Mühen der Migros im Ausland

Der Schweizer Detailhandelsriese schliesst seine Filialen in Deutschland. Das Scheitern einer Auslandexpansion ist in der Geschichte der Migros nichts Neues. Ein Blick auf eine bewegte Geschichte.

Von Marcel Speiser
am 18.06.2013

Kaum ein Unternehmen wird als schweizerischer wahrgenommen als die Migros. Dabei wurde das Land schon Firmengründer Gottlieb Duttweiler bald zu klein für seine Mission, günstige und gute Lebensmittel unters Volk zu bringen. Bereits 1932, gerade mal sieben Jahre nach der Gründung, wagte «Dutti» den Schritt über den Rhein.

Mit gegen 80 Verkaufswagen bediente die Migros im Grossraum Berlin rund 2000 Haltestellen. Was wie ein Grosserfolg klingt, war ein Flop. Schon ein Jahr nach dem Start musste Duttweiler aufgeben. Händler und Markenartikler bildeten eine Allianz gegen den Schweizer. Sie wurden darin durch die ausländerfeindlichen Nationalsozialisten noch gestärkt.

Besuch in Istanbul

Durch den Misserfolg in Deutschland liess sich Duttweiler nicht entmutigen. 1954 reiste er auf Einladung der türkischen Regierung an den Bosporus. Er sollte die Behörden beraten, wie die Einwohner Istanbuls auf hygienische Art mit Lebensmitteln versorgt werden könnten. Damals war es in der Türkei Mode, Schweizer Spezialitäten zu kopieren - etwa das schweizerische Zivilgesetzbuch oder das hiesige Obligationenrecht.

«Dutti» begnügte sich aber nicht mit der Beraterrolle. Der Genossenschaftspionier gründete unter dem Namen Migros Türk eine Aktiengesellschaft - als Joint Venture mit der Stadt Istanbul. Bis heute ist die türkische Migros mit der Schweizer Migros verwandt. Wie ihr Vorbild ist sie je nach Ladengrösse in M-, MM- oder MMMMärkte eingeteilt, ihr Logo ist praktisch identisch, die Einkaufskörbe sehen gleich aus, ebenso ähneln die Uniformen der Verkäufer älteren Migros-Modellen, und Migros Türk hat auch eine praktisch identische "Séléction"-Linie für Edelprodukte im Sortiment.

Drei Versionen zum Ausstieg

Die Migros blieb in der Türkei bis 1975 engagiert. Dann verkauften die Schweizer ihre Anteile an die türkische Unternehmerfamilie Koç. Laut offizieller Lesart, weil es nicht möglich war, die Aktiengesellschaft in eine Genossenschaft umzuwandeln. Andere sagen, man habe sich in der Schweiz daran gestört, dass die Türken auch Alkohol und Tabak verkaufen. Die dritte Version lautet, Migros Türk habe 20 Jahre kaum Geld verdient. Seit 2008 gehört die türkische Migros der britischen Beteiligungsgesellschaft BC Partners und ist einer der grössten Detailhändler zwischen Istanbul und Antalya.

Zum Unternehmen gehört auch die Supermarktkette Ramstore mit Läden in Kasachstan, Aserbaidschan, Mazedonien und Kirgisien. Die russischen Ramstore-Filialen verkauften die Türken vor fünf Jahren wieder. Zudem gründete Migros Türk Discount-Läden unter dem Namen Sok und die Kleinladenkette Tansas. Das Unternehmen setzte 2011 umgerechnet rund 3 Milliarden Franken um, arbeitete aber mit Verlust.

Schritt auf die iberische Halbinsel

Kurz vor Duttweilers Tod im Jahr 1963 nahm die Migros den dritten Anlauf, sich im Ausland zu etablieren. 1960 plante sie eine Migros Iberica. Man wollte in Spanien mit freien Detaillisten zusammenarbeiten. Der Versuch scheiterte bereits ein Jahr später - an den zu strengen Kreditrestriktionen spanischer Banken.

Bis in die 1990er-Jahre liess es die Migros dann sein mit der Expansion ins Ausland. Doch im Heimmarkt wurde die Konkurrenz immer stärker, der Detailhandel entwickelte sich zu einem Verdrängungsmarkt. 1993 war der Lockruf des Auslands deshalb wieder gross. Mit 75 Prozent beteiligte sich die Migros an der Lebensmittelkette Familia, die 35 Läden westlich von Innsbruck umfasste. Das restliche Viertel gehörte dem Detailhändler Konsum. In einem Joint Venture engagierte sich die Migros ausserdem an den Konsum-Grossmärkten in den östlichen Bundesländern Österreichs.

Migros' Waterloo

Das Engagement entwickelte sich rasch zum Waterloo für die Migros. Zwischen 1993 und 1995 verbrannte sie 300 Millionen Franken in Österreich. Nachdem der strategische Partner Konsum pleiteging, hing die Migros mit. Jahre später mussten sich diverse Konsum-Manager vor Gericht wegen Konkursverschleppung rechtfertigen. In den Prozessen wurde deutlich, dass die Migros wohl nie eine Chance hatte, in Österreich auf einen grünen Zweig zu kommen. Es war, wie wenn "ein Blinder mit einem Lahmen kooperiert" hätte, kommentierte die sonst nüchterne «NZZ» lakonisch. Das Vertrauen der Migros-Manager in sich selbst wurde arg lädiert.

Heute ist die Migros für ein Unternehmen ihrer Grösse - sie setzt gegen 25 Milliarden Franken um und gehört damit zu den grössten 20 Händlern Europas - noch immer vergleichsweise wenig im Ausland engagiert. In Frankreich betreibt der Schweizer Riese zwei Hypermärkte, einen Supermarkt und einen Freizeitpark.

Nun mit Fitnessparks

Die Reisetochter Hotelplan ist zwar in diversen Ländern aktiv, erwirtschaftet aber rund die Hälfte des Umsatzes von gut 1,3 Milliarden Franken in der Schweiz. Erst kürzlich kaufte die Migros die deutsche Gries Deco, welche die Depot-Wohnläden betreibt. Daneben gibt es Einkaufsgesellschaften in Hongkong und Indien, sonst aber wenig mehr. Auch die Industriefirmen der Migros versuchen seit Jahren mit bescheidenem Erfolg, den Export zu stärken.

Die Migros Zürich will in Deutschland mit der letztes Jahr übernommenen Kette Tegut auch mit edlen Fitnesszentren namens Elements Fuss fassen. Bis zu 50 Standorte soll es einmal geben. Gestartet wird nächstes Jahr mit vorerst acht Fitnesszentren. Bislang verlor die Migros Freizeit Deutschland nur Geld.

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