Über 200 Jahre brauchte die «NZZ» keinen CEO. Ist die wirtschaftliche Lage so schlimm, dass die NZZ-Gruppe jetzt doch noch einen Steuermann nötig hat?

Albert P. Stäheli: Mit der gegenwärtigen Wirtschaftslage hat das nichts zu tun. Das Unternehmen hat sich breit entwickelt. Die «Neue Zürcher Zeitung» ist zwar das Flaggschiff der Firma. Aber daneben gibt die NZZ-Gruppe heute auch Regionalzeitungen in St. Gallen und Luzern und rund um Zürich heraus, produziert Fernsehen und Radio und betreibt verschiedene Druckereien.

Sie sind ein Medienmanager, der ebenso gut auch die Tamedia führen könnte. Was verbindet Sie mit der NZZ-Gruppe?

Stäheli: Die «Neue Zürcher Zeitung» lese ich seit mehr als 30 Jahren, sie ist Bestandteil meiner geistigen Nahrung und gehört zu meiner Lebensqualität. Dass ich jetzt zum Schluss meiner beruflichen Laufbahn dieses Unternehmen führen darf, erfüllt mich mit Stolz und Respekt.

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Früher war die «NZZ» etwas ganz Besonderes. Heute gleicht sie immer mehr dem «Tages-Anzeiger» und verliert an Profil.

Stäheli: Das stimmt nun wirklich überhaupt nicht. Jede Umfrage beweist: Die «NZZ» besitzt eine unangefochtene Alleinstellung im obersten Marktsegment, ihre journalistische Leistung und Glaubwürdigkeit sind unerreicht.

Die Frontpage gleicht doch immer mehr anderen Zeitungen. Zudem arbeiten Journalisten, die früher beim «Tages-Anzeiger» angestellt waren, heute bei der «NZZ». Das war früher nicht möglich.

Stäheli: Das sind keine Kriterien der Angleichung. Die Frontseite wurde vor einigen Jahren mehr zu einer Übersichtsseite umgestaltet. Das hat mit den Lesegewohnheiten des Publikums zu tun. Die «NZZ» wird dieses Jahr mit der Erneuerung der Zeitung im Herbst nochmals einen grossen Schritt machen und damit die Distanz zu Regionalzeitungen und zum «Tages-Anzeiger» noch weiter vergrössern.

Wie wird die Zeitung aussehen?

Stäheli: Es ist noch zu früh, dies mitzuteilen. Die Arbeiten sind in vollem Gange. Aber erwarten sie keine Revolution.

Wie wollen Sie die Qualität halten oder gar vergrössern, wenn Sie gleichzeitig Stellen in den Ressorts Ausland, Inland und Wirtschaft abbauen?

Stäheli: Wir sparen in erster Linie im Supportbereich, im Verlag und in der Produktion. Wenn wir auch in der Redaktion gewisse Kosten einsparen, basiert dies auf vergleichsweise sehr hohem Niveau. In den Ressorts Inland und Wirtschaft haben wir keine Stellen abgebaut, aber es findet ein gewisser Generationenwandel statt. Im Ausland hatten wir an einzelnen Standorten mehrere Korrespondenten engagiert. Dass man da ohne Qualitätsabbau sparen kann, scheint mir offensichtlich.

Wie viele Stellen haben Sie gestrichen?

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Stäheli: Im letzten November bauten wir 24 Stellen ab. Dazu kommen dieses Jahr noch einige Pensionierungen, bei denen wir die Stellen nicht neu besetzen. Bei der «NZZ» werden es also rund 30 Stellen sein.

Werden Sie weitere Stellen streichen?

Stäheli: In den Redaktionen voraussichtlich nicht, aber wir haben ein Integrationsprojekt über die ganze Gruppe, wo wir die Supportbereiche zusammenführen. Dabei wird es in den nächsten 18 Monaten zum Abbau von weiteren 20 bis 25 Stellen kommen.

Die «NZZ» leidet stark unter der Krise. Wie gross ist der Einbruch?

Stäheli: Die «NZZ» leidet bei den Werbeeinnahmen so wie die Branche. Weil sie eine so starke Marktstellung in der Finanzwirtschaft hat, leidet sie etwas stärker als die Regionalzeitungen. Der Rückgang im Werbemarkt beträgt für die «NZZ» im Vergleich zum Vorjahr gut 30%. Dagegen legt sie im Lesermarkt erfreulicherweise leicht zu.

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Wie hoch ist der Zuwachs im Lesermarkt?

Stäheli: Er liegt zwar nur im Ein-Prozent-Bereich. Das ist aber deutlich besser als der Negativtrend bei den Bezahl-Zeitungen.

Schreiben Sie rote Zahlen?

Stäheli: Der Einbruch im Werbemarkt hat historisch ein einmaliges Ausmass. Darum schreiben wir im 1. Quartal trotz aller Sparmassnahmen Verluste.

Was unternehmen Sie dagegen?

Stäheli: Wir müssen mittelfristig weniger vom Werbemarkt abhängig werden. Bisher war es so, dass der Leser für die Zeitung einen durch hohe Werbeeinnahmen subventionierten Preis bezahlte.

Sie erhöhen also den Abopreis?

Stäheli: Wir wollen die hohen Ansprüche unserer Leserschaft auch künftig voll befriedigen können. Deshalb prüfen wir eine überdurchschnittliche Preisanpassung.

Die «NZZ» wird immer dünner und soll mehr kosten. Geht diese Rechnung auf?

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Stäheli: Der Umfang der Zeitung ist nur wegen weniger Inseraten dünner. Die «NZZ» wird kein Problem haben, die Abopreiserhöhung zu begründen, weil sie eine intelligente Leserschaft bedient, die wirtschaftliche Zusammenhänge versteht und bereit ist, für herausragende Leistung einen angemessenen Preis zu bezahlen.

Planen Sie eine Gratiszeitung?

Stäheli: Nein, definitiv nein.

Aber Ihre Online-Ausgabe ist gratis. Damit verlieren Sie Geld und graben gleichzeitig dem Printprodukt das Wasser ab.

Stäheli: Wir geben derzeit rund 10 Mio Fr. dafür aus und nehmen etwa 7 Mio Fr. ein. Wir denken, es wird möglich sein, mit neuen Strategien auch das Online-Angebot in die schwarzen Zahlen zu bringen. Die Angebote werden sich entsprechend der unterschiedlichen Funktionalität dieser Medien zunehmend differenzieren. Daran arbeiten wir.

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Alle kostenpflichtigen Online-Zeitungen haben nicht funktioniert.

Stäheli: Das stimmt. Es wird Experimentieren und Erklärungsaufwand brauchen, um herauszufinden, für welche Angebote und Services die Nutzer bereit sind zu bezahlen. Es gibt eine interessante Regel im Online-Geschäft: Je weniger Leute an einem bestimmten Inhalt interessiert sind, umso mehr sind sie bereit, dafür zu bezahlen. Damit ist auch klar, dass die allgemeinen News im Internet gratis bleiben werden. Bei Finanzdienstleistungen, spezifischen Wirtschaftsthemen und Kommentaren von exzellenten Autoren ist eine Veränderung aber denkbar.

Und was planen Sie in Basel? Die Publigroupe hat signalisiert, ihr Paket an der «Basler Zeitung» verkaufen zu wollen.

Stäheli: Daran wären wir interessiert, sofern die Mehrheitsbesitzerin, die Familie Hagemann, das ebenfalls so sieht.

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Sind Sie mit den Besitzern im Gespräch?

Stäheli: Selbstverständlich.

Die «NZZ» hat ihre Anzeigenakquisition an die Publigroupe verpachtet. Möchten Sie den Vertrag rückgängig machen?

Stäheli: Mit der Publigroupe sind wir in Verhandlungen. Die Publigroupe hat bekannt gegeben, dass ihr bisheriges Pachtgeschäft ein Auslaufmodell ist. Wir sind durchaus zufrieden mit dem Anzeigenverkauf, glauben aber, es gibt für beide Seiten sinnvollere Zusammenarbeitsmodelle. Ausserdem ist die Publigroupe Partnerin in unserer Freie Presse Holding. Dort sind unsere Beteiligungen an den Tagblatt Medien St. Gallen und den LZ Medien Luzern arrondiert.

Das Anzeigengeschäft muss doch in Ihren Händen sein.

Stäheli: Ja, das gehört zum Kerngeschäft eines Verlagshauses. Deshalb streben wir mit der Publigroupe neue Lösungen an.

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Ein Verlustgeschäft ist wohl auch Ihr Fernsehen?

Stäheli: «NZZ Format» wirft als Profit-Center einen kleinen Ertrag ab.

Aber nur wegen der Subvention durch das Schweizer Fernsehen.

Stäheli: Die aktuellen Verträge sehen das nicht vor. Wir verdienen vor allem an den Sendungen dank den sehr gefragten DVD. Bei den geplanten Regionalfernsehen in St. Gallen und Luzern ermöglicht uns das Gebührensplitting hingegen einen Ausbau der Programme.

Wie steht es mit Kooperationen?

Stäheli: Ohne Kooperation wird kein Zeitungsverlag überleben können.

Wollen Sie mit den AZ Medien oder der Südostschweiz Mediengruppe kooperieren?

Stäheli: Das sind alles Möglichkeiten.

Sprechen Sie mit Peter Wanner in Baden und Hanspeter Lebrument in Chur zum Beispiel über einen Inseratepool?

Stäheli: Im Moment redet jeder mit jedem. Vor dem Hintergrund, dass die Tamedia Edipresse übernimmt, ist die NZZ-Gruppe in die Rolle eines interessanten Kooperationspartners gekommen. Und Kooperationen bieten interessantes Sparpotenzial, sei es in den Services, im redaktionellen Mantelbereich oder im Druckbereich, wo es in nächster Zeit zunehmend Überkapazitäten geben wird.

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