Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Nachrichten von Erfolgen in der Impfstoffentwicklung trieben die Aktien in den letzten Tagen nach oben. Die steigenden Fallzahlen in Nord- und Südamerika beeindrucken die Märkte indes wenig.

Interessant dürften auch die in den nächsten Wochen publizierten Unternehmenszahlen für das zweite Quartal sein. Diese werden Klarheit über die Folgen des Lockdowns auf Unternehmensebene schaffen.

Philipp Grüebler

Philipp Grüebler ist Portfolio Manager und Geschäftsführer der Grüebler Vermögensverwaltung AG. Bevor er im Jahr 2000 zur Grüebler Vermögensverwaltung AG stiess, arbeitete er bei UBS und Credit Suisse. 1995 schloss er das Betriebswirtschaftsstudium mit dem Lizenziat ab und 2000 den Chartered Finanicial Analyst (CFA).

Quelle: ZVG

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nach der rasanten Erholung fehlt der Börse kurzfristig der Impuls für grosse Avancen. Ich nehme daher an, dass die Börse auf hohem Niveau seitwärts verläuft. Die hohe Bewertung kann bei Enttäuschungen jedoch zu herben Rückschlägen führen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die enormen Rettungspakete dürften in den kommenden Monaten auch die konjunktursensitiven Werte des SMI beflügeln, während die Schwergewichte Nestlé, Novartis und Roche nur leicht zulegen werden. Ich rechne daher mit einem Indexstand über 11’000 Punkten.

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Der Kurs von Tesla erreicht seit Tagen neue Rekordstände. Ergibt der Höhenflug des E-Auto-Konzerns an der Börse Sinn?
Obwohl Tesla den traditionellen Autobauern technisch voraus ist, wurde die Aktie in den vergangenen Tagen zu stark hochgetrieben.

Die Käufer richten sich nicht nach Fundamentaldaten, sondern nach einer Vision eines global dominierenden Automobilherstellers. Diese Entwicklung ist zwar nicht unmöglich, aber wenig plausibel. Persönlich würde ich die Aktie nicht auf diesem hohen Niveau kaufen, da eine technische Korrektur der überkauften Aktie wahrscheinlich ist.

Auch Gold wertet sich laufend auf. Ist das Edelmetall derzeit zu teuer?
Es gibt Prognosen, dass in zwei bis drei Jahren die Inflation aufgrund der massiven Hilfsprogramme ansteigen könnte. In einem solchen Umfeld würde der Goldpreis zulegen.

Heute dürfte Gold fair bewertet sein und ich empfehle den Anlegern zwecks Diversifikation, eine Position von circa 5 Prozent im Portefeuille zu halten. Grössere Kurssteigerungen erwarte ich in den kommenden Monaten jedoch nicht.

Welche Börsenplätze ausserhalb von Europa und den USA finden Sie interessant – und was sollten Anleger bei solchen Investments beachten?
Die asiatischen Börsen sind zurzeit interessant, da dort die Regierungen einerseits die Pandemie besser im Griff haben und anderseits konjunktursensitive Werte ein grosses Gewicht haben.

Neben bekannten Einzeltiteln (z. B. aus Korea) kaufe ich auch Anlagefonds oder ETF. Dabei muss auf die Sektorgewichtung und auf die Gebühren geachtet werden.

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Nächste Woche wird die UBS ihre Quartalszahlen präsentieren, Ende Monat folgt die Credit Suisse. Was für Zahlen erwarten Sie von den Grossbanken?
Im Investment Banking dürften die Banken höhere Erträge im Wertschriftenhandel verbucht haben. Jedoch könnten im Kreditgeschäft Rückstellungen für vermehrte Ausfälle vorgenommen werden, obgleich Regierungshilfen bisher Konkurse verhindert haben.

Wie stark die beiden Effekte den Gewinn beeinflussen werden, ist noch unklar, die Ergebnisse dürften aber durchzogen ausfallen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.