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Daniel Zuberbühler
«Die UBS hatte noch Liquidität für sieben bis zehn Tage»

Der frühere Bankenaufseher Daniel Zuberbühler
Daniel Zuberbühler: «Die Credit Suisse wollte mit der UBS fusionieren. Wir erhoben Einspruch.»Quelle: Keystone

Der frühere Bankenaufseher Daniel Zuberbühler sagt, weshalb die Rettung der UBS absolut ­notwendig war.

Von Stefan Barmettler
am 21.09.2018

Am 16. Oktober 2008 musste die UBS durch Nationalbank und Bund gerettet werden. Ab wann war Alarmstufe Rot?
Daniel Zuberbühler: Die Eidgenössische Bankenkommission EBK und die SNB bildeten bereits 1997 eine kleine, geheime Arbeitsgruppe unter der Leitung ­ihrer beiden Präsidenten Kurt Hauri und Hans Meyer – das Petit Comité für das Problem «Too-big-to-fail».

Ihr Auftrag?
Im Zentrum stand die Frage: Was machen wir bei Eigenmittelmangel oder gar Konkurs einer Grossbank? Nach dem Swissair-Grounding zogen wir auch den Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung bei. Daraus entstand ein Konzept mit möglichen Varianten, das wir dem jeweiligen Finanzminister unterbreiteten. Es gab aber keine pfannenfertigen Pläne oder gar vorbehaltenen Beschlüsse des Bundesrates.

Dann wurde die Theorie zur Realität?
Wir hatten Krisenleitlinien und kurz vor Ausbruch der Finanzkrise eine Krisenorganisation definiert. Im September 2007 aktivierten wir diesen Krisenstab. Als die UBS immer grössere Verluste schrieb und weiter an Wert verlor, verfeinerten wir die Krisenpläne. Im Mai 2008 gab SNB-Direktionsmitglied Phi­lipp Hildebrand SNB-intern die Order, das Problem-Portfolio der UBS genauer unter die Lupe zu nehmen und zu überlegen, wie man dieses in eine neue Einheit übertragen könnte, quasi in eine Bad Bank.

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Wie stand es um die Geheimhaltung?
Weder die UBS noch die CS bekamen ­etwas von dieser Hintergrundarbeit mit. Ausgelöst wurde der Rettungsplan als Folge des Lehman-Konkurses am 21. September 2008, also vor genau zehn Jahren.

In der Wohnung Hildebrands?
Richtig, SNB und EBK hatten an diesem Sonntagmorgen UBS-Präsident Peter Kurer und CEO Marcel Rohner in Hildebrands Privatwohnung nach Zürich eingeladen. Dort wurde ihnen mitgeteilt, sie müssten sich auf eine Rettung vorbereiten, wobei die SNB der Bank ihre illiquiden Wertpapiere aus verbrieften US-Schrotthypotheken abkaufen könne. Auftrag der UBS war es, sich neues ­Eigenkapital zu beschaffen, was man zuerst noch als machbar erachtete.

Man traf sich an geheimen Orten?
Stets an Orten und zu Zeiten, wo uns niemand erwartete, also möglichst nicht an den Hauptsitzen der Behörden oder der Grossbanken und nicht zu Bürozeiten. Mal kamen wir in einer unscheinbaren Dependance der SNB in Zürich zusammen, mal um 22 Uhr in Bern, mehrmals an Sonntagen oder via Telefonkonferenzen. Die Geheimhaltung hat bis zur öffentlichen Bekanntgabe der Rettungsaktion am 16. Oktober 2008 perfekt funktioniert, auch als gegen Ende mehr Personen aus Regierung und Parlament einbezogen wurden.

Marcel Rohner und Peter Kurer
Der damalige UBS-Chef Marcel Rohner und Verwaltungsratpräsident Peter Kurer: Treffen in der Wohnung von Philipp Hildebrand.
Quelle: Keystone

Die UBS hatte bereits im Vorfeld zweimal Kapital aufgenommen.
Richtig. Zuerst im Dezember 2007/Februar 2008 total 13 Milliarden bei Staatsfonds aus Singapur und Saudi-Arabien. Die zweite Kapitalerhöhung von 16 Milliarden holte sich die UBS Ende März 2008 durch die Festübernahme eines ­internationalen Bankenkonsortiums. Nun stand die dritte an, zur Stärkung der Eigenkapitalbasis.

Kurer behauptet heute, er sei zur Hilfe durch den Staat genötigt worden.
Das ist eine nachträgliche Beschönigung, welche die dramatische Fakten­lage völlig verdrängt. Damals sass die UBS auf einem riesigen Berg entwerteter Papiere, der Aktienkurs stürzte ein, Vermögen flossen ab, die Bank hatte noch Liquidität für etwa sieben bis zehn Tage.

Man suchte Investoren.
Kein Investor wollte ihr neues Kapital geben. Rundherum begannen andere Staaten, ihre Banken zu retten, sodass die UBS noch mehr abgefallen wäre. ­Zudem hätten die Gastländer UBS-Niederlassungen gegen Zahlungsflüsse Richtung Hauptsitz in der Schweiz abgeschottet, falls sie sich nicht auf die Rettung durch das Herkunftsland hätten verlassen können. Das wäre umso ­verheerender gewesen, als die Verpflichtungen mehrheitlich in der Schweiz verbucht waren, die Aktiven jedoch im Ausland lagen, vor allem in den USA. Richtig ist nur, dass wir die UBS am Ende, als die Pläne und Verträge für die Rettung standen, aufforderten, in ­einem kurzen Brief noch einen formellen Rettungsantrag an SNB und Bund zu stellen.

Es wird auch die These vertreten, hätte man lange genug zugewartet, hätten die illiquiden Papiere ihren Wert wieder ­zurückgewonnen.
Anders als die SNB kann eine private Bank die Marktkrise nicht aussitzen und ihre Gläubiger auf eine spätere Rückzahlung vertrösten. Zudem ging die Abwärtsbewegung an den Märkten auch nach der Rettung unvermindert weiter. Bis Ende 2009 wies die UBS jedes Quartal noch Reinverluste und Abflüsse von Kundenvermögen aus. Dann kam noch die Drohung des US-Justizdepartments mit einer Strafanklage wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung von US-Kunden als Belastung dazu. Am 18. Februar 2009 musste die UBS gleich nochmals gerettet werden, diesmal von der Finma durch Herausgabe der Daten von 250 US-Kunden zur Ermöglichung eines Vergleichs mit den US-Behörden.

Zur Person

Name: Daniel Zuberbühler

Funktion: Verwaltungsrat EFG Bank und Banca Popolare di Sondrio (Suisse)

Ausbildung: Rechts- und Wirtschaftsstudium Bern

Karriere: Direktor Eidgenössische Bankenkommission, Mitglied Basler Ausschuss für Bankenaufsicht

Und wie reagierte die Credit Suisse auf den Rettungsplan mit der UBS?
Eine Woche vor Bekanntgabe der Rettungsaktion haben wir die CS-Führung vertraulich informiert. Wir boten auch der CS ein entsprechendes Rettungs­paket an, im Wissen darum, dass sie es nicht nötig hatte. Sie haben dann sehr schnell 10 Milliarden neues Kapital vornehmlich beim katarischen Staatsfonds aufgenommen und dies gleichzeitig mit der Ankündigung des UBS-Rettungspakets publik gemacht.

Die Katarer haben gut daran verdient.
Viele Banken dieser Welt haben damals versucht, irgendwo Kapital aufzutreiben. Entsprechend konnten die Geldgeber die Bedingungen diktieren. Weil die Nachbesserung beim Eigenkapital schnell gehen musste und die Katarer nicht gerade ein paar Milliarden auf dem Konto hatten, musste ihn­en die CS unorthodoxerweise kurzfristig einen Kredit gewähren, damit sie das Geld für die CS-Kapitalerhöhung zusammenbrachten. Bis Jahresende hatten sie den Kredit zurückbezahlt, ansonsten hätte die EBK das neu gezeichnete Aktien­kapital aberkennen müssen.
 

Die CS war mit dieser Kapitalspritze in der Schweiz in der Poleposition.
Absolut, primär weil sie ohne Staatshilfe durch die Krise kam sowie ihr Kapital am Markt beschaffen konnte. Die stärkere CS hatte noch vor ihrer Kapitalerhöhung den Plan, mit der schwächeren UBS zu fusionieren. Man bildete gemeinsame Arbeitsgruppen und wollte Varianten prüfen. Als wir davon erfuhren, erhoben wir sofort Einspruch.

Weshalb?
Weil wir in einer turbulenten Zeit nicht wollten, dass eine angeschlagene mit einer schwerkranken Bank fusioniert. Die Probleme wären nicht kleiner geworden, im Gegenteil: Die «Too big to fail»-Problematik hätte sich noch verschärft. Die beiden Grossbanken haben natürlich bei ihren Sondierungsgesprächen rasch selber erkannt, dass eine Fusion die Frage der Marktbeherrschung im ­Inland aufwerfen würde. Deshalb sollte eine der beiden Grossbanken das Schweiz-Geschäft abspalten. Dank unserer Opposition war die Fusion so rasch vom Tisch, wie sie geboren wurde.

In der Folge übernahmen die Finanzmarktaufseher das Ruder und trieben die Bankenregulierung voran. Josef Ackermann, ehemaliger Chef der Deutschen Bank, meint, man habe überbissen.
Vielleicht fehlt es hier etwas an Demut. Tatsächlich sind Deutsche Bank und CS mit ihrem grossen Investment Banking relativ gut durch die Krise gekommen. Aus diesem Wettbewerbsvorteil haben sie aber nichts gemacht. Weil sie nicht in ihren Grundfesten erschüttert waren, haben sie ihr Investmentbanking erst viel später redimensioniert und mussten jahrelang grosse Altlasten abtragen. Wer vor der Krise rechtzeitig aus den Subprime-Hypotheken ausgestiegen war, wurde nach der Krise von den US-Behörden mit Milliardenbussen und Schadenersatzzahlungen zur Kasse gebeten, mit der Begründung, nichts ahnende Käufer betrogen zu haben.

Trotzdem: EBK und SNB haben einen eigentlichen Zangenangriff auf die ­Finanzbranche ausgelöst.
Nein, wir konzentrierten uns auf die Grossbanken, weil die Schweiz als kleine Volkswirtschaft mit zwei globalen ­Giganten ein «Too big to fail»-Problem im Quadrat hat. Bereits vor der UBS-Rettung präsentierten wir im Juni 2008 ­einen ­Vorschlag für massiv höhere Eigenmittelanforderungen für UBS und CS, den wir dann im November 2008 durch Verfügungen der EBK durchsetzten, gestützt auf eine Ausnahmeklausel im Bankengesetz. Der Vorschlag bestand aus einem risikogewichteten Eigenmittelpuffer von 100 Prozent über dem internationalen Standard von Basel II sowie neu einer Leverage Ratio nach US-Vorbild. Der Widerstand von Grossbanken und Politik konnte national und international erst nach dem Konkurs von Lehman Brothers gebrochen werden. Wegen der unpopulären UBS-Rettung war die Politik plötzlich froh, dass erste Massnahmen für die Lösung des «Too big to Fail»-Problems angeboten werden konnten.
 

Über Jahre wurde weiter geschraubt, nicht so in den USA.
Wir haben bei der «Too big to fail»-Problematik weitergearbeitet und die schweizerische Gesetzgebung hat als Pionierleistung auch die internationale Debatte im Basler Ausschuss für Bankenaufsicht und im Financial Stability Board beeinflusst. Zuerst die Expertengruppe Siegenthalter, dann die Expertengruppe Brunetti. Sie hat nachkorrigiert und auf inzwischen erlassene internationale Standards reagiert. Aber die schweizerischen Anforderungen liegen nicht weit über dem bescheidenen internationalen Minimum und sind nach meinem Dafürhalten bei der Leverage Ratio im laufenden Geschäftsbetrieb («going concern») immer noch zu tief. Nicht zu vergessen sind auch die vom Basler Ausschuss beschlossenen allgemeinen Reformen von Basel III für alle Banken: mehr und qualitativ besseres Eigenkapital, zwei Liquiditätsstandards, Eigenmittelzuschläge für global systemrelevante Banken sowie dazugehörige Sanierungs- und Abwicklungsvorschriften. Diese internationalen Standards sind praktisch von allen Mitgliedsländern umgesetzt worden, einschliesslich der USA, die zusammen mit UK, Schweden und Singapur in den internationalen Gremien im Lager der Hardliner zu unseren engsten Verbündeten gehörten.

Es wurden Vorschriften von Tausenden Seiten produziert.
Nicht nur in der Schweiz, wo wir immer noch massvoller sind, oder in Europa. Der Dodd-Frank Act in den USA hat 800 Seiten, dazu kommen viele Sekundärregulierungen. Da reden wir rasch von 10 000 Seiten. Auch Facta aus den USA ist ein Monster.

Die Zentralbanken gleichen einer ­Python, die eine Kuh ganz verschlungen hat.

Einen Rückbau wünschen Sie sich nicht?
Sicher nicht bei «Too big to fail». Hingegen braucht es eine stärkere Differenzierung und Vereinfachung zur Entlastung kleiner und mittlerer Institute. Für grosse, komplexe Banken entwickelte internationale Standards dürfen nicht unbesehen auf alle Institute angewendet werden. Die Finma trägt der Forderung nach Verhältnismässigkeit mit ihrem neuen Kleinbankenregime Rechnung. Es geht nicht um weniger Eigenkapital, sondern um den Verzicht auf einen unnötigen Detaillierungsgrad oder auf zu häufige Berichterstattungen. Man muss sich vor Augen halten, dass die inländischen Kreditbanken – Kantonalbanken, Regionalbanken und Raiffeisen – eine durchschnittliche Leverage Ratio von 7 bis 8 Prozent haben. Damit liegen sie mindestens 50 Prozent über den beiden Grossbanken, obschon diese viel systemrelevanter sind. Schliesslich gibt es auch beim Anlegerschutz mit dem Einheitskorsett von Fidleg und Finig viel unnötige Bürokratie und teure Überregulierung, die man sich mit einer Zweiteilung der Regulierung hätte ersparen können: einer Kopie der EU-(Über-)Regulierung für den Marktzugang zu EU-Kunden und einem einfachen Regime für den Inlandgebrauch oder Drittmärkte.

Wenn Sie heute auf Europas Bankenplatz schauen: Kommt Ihnen da nicht das Grausen?
So pauschal negativ ist das Bild nicht, denn die internationalen Reformen haben die Banken grundsätzlich widerstandsfähiger gemacht. Aber in diversen südlichen Ländern schieben die Banken grosse Bestände notleidender Kredite vor sich her oder sind prallvoll mit Titeln des eigenen Staates, die trotz bescheidener Bonität nicht mit Eigenmitteln unterlegt werden müssen.

Die Hälfte von Europas Banken verdient nicht einmal ihre Kapitalkosten.
Was mir zu denken gibt, ist die gestiegene Staats- und Privatverschuldung sowie das ultratiefe Zinsniveau infolge der EZB-Liquiditätsschwemme. Aymo Brunetti redet von einem Ausnahmezustand. Dass deswegen Risiken keinen angemessenen Preis mehr haben.

Es müsste eine Konsolidierung stattfinden. Es gibt in Europa zu viele Banken.
Das ist so. Aber die Konsolidierung ist im Gang. In Italien oder auch hierzulande nimmt die Zahl ab. Die Konsolidierung sollte aber nicht zu weit gehen, sonst haben wir wieder ein «Too-big-to-Fail»-Problem oder keine Vielfalt mehr.

Wie hoch ist das Risiko, dass es im ­Finanzsystem schon bald wieder knallt?
Niemand kann ernsthafte Prognosen machen. Man darf nicht naiv sein und davon ausgehen, jetzt sei alles gesichert.

Die Nationalbanken stehen selber unter Stress und haben immer weniger Pfeile im Köcher. Die SNB hält Devisenreserven in der Höhe von 700 Milliarden.
Die Zentralbanken gleichen einer ­Python, die eine Kuh ganz verschlungen hat. Man kann sich nicht recht vorstellen, wie sie beim nächsten Crash noch eine zweite Kuh verschlingen könnten. Das ist aber nicht die Schuld unserer SNB, weil sie eine Gefangene der EZB-Politik ist.

Gleichzeitig sind die Leute kaum v­erunsichert – und verschulden sich ­weiter.
Man ist offenbar das Risiko gewohnt oder nimmt es nicht mehr wahr. Deshalb fordern Banker, dass die Zügel gelockert werden wie etwa jene der Tragbarkeit von Hypothekarschulden. Das aber halte ich für eine schlechte Idee. Vor 2007 hatte man ähnliche Phäno­mene wie heute: viel Liquidität, eine Aktien­hausse, Inflation von Vermögens­preisen generell wie jetzt an unserem Immobilienmarkt, wo die Hypothekarverschuldung bereits 1000 Milliarden beträgt.