Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Bis vor etwa zwei Wochen war die Stimmungslage an den Börsen so, als ob es nur noch eine Frage von Wochen sei, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Entsprechend «positiv» waren denn auch die Marktakteure.

Heute werden dagegen Szenarien diskutiert, in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern einen zwar kurzfristigen, aber kompletten «Lock-down» zu verordnen. Das Thema hat selbst die US-Wahlen als dominierendes Börsenthema abgelöst.

Ein Lock-down-Szenario, ausgeweitet auf Gesamteuropa, würde die zuletzt besseren Konjunkturprognosen zur Makulatur werden lassen. In Deutschland haben sich die Erwartungen der Finanzexperten über den zukünftigen Konjunkturverlauf bereits wieder eingetrübt.

Sollten weitergehende Einschränkungen notwendig werden, ist aufgrund des flachen Wachstumspfads nicht auszuschliessen, dass die Wirtschaftsleistung in einigen Euroländern zumindest vorübergehend gar noch einmal schrumpft.

ChristianZogg_LLB_Boerseninterview

Christian Zogg ist Stv. Geschäftsführer der LLB Asset Management AG in Vaduz und verantwortlich für den Bereich Equity & Fixed Income der LLB-Gruppe, die in Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und im Nahen Osten vertreten ist.

 

Quelle: ZVG
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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Seit Juni bewegt sich der Schweizer Aktienmarkt, gemessen am SMI, in einer Seitwärtsbewegung von 10'000 bis 10'500 Punkten. Aktuell sind wir wieder am unteren Ende dieser Bandbreite.

Das oben beschriebene Szenario dürfte den Schweizer Aktienmarkt relativ zu anderen Märkten stützen, allerdings ist daraus kein wesentlicher Kursgewinn zu erwarten. Wir rechnen vorläufig nicht mit einem Ausbruch aus dieser Kursbewegung.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Performance des Schweizer Aktienmarktes wird stark durch die beiden Pharma-Schwergewichte Roche und Novartis beeinflusst. Man wird nach den US-Wahlen sehen, ob der Gewinner wieder einmal einen Versuch unternimmt, die Medikamentenpreise auf dem bedeutendsten Pharmamarkt in den Griff zu bekommen.

Wir denken, dass der Markt ein solches Szenario bereits zu einem guten Teil einpreist. In einem Jahr sehen wir den SMI zwischen 10'750 und 11'250 Punkten.

Die Luftfahrt steckt in einer schweren Krise – entsprechend tief werden die Aktien von Airlines gehandelt. Bieten sich hier Chancen für Anlegerinnen, die an eine Erholung in der Branche glauben?
Die pandemiebedingten Ungleichheiten für die verschiedenen Wirtschaftszweige sind enorm. Obwohl Neuigkeiten zur Zulassung eines Impfstoffes zurückgebliebenen Branchen wie Airlines und ihren Zulieferern zwar zu kurzfristig spektakulären Kurssprüngen verhelfen könnten, bleiben wir hier weiterhin vorsichtig, da vorderhand enorm viel Cash «verbrannt» wird.

Wir sehen das Risiko, dass Airlines oder deren systemrelevante Zulieferer von Staaten gerettet werden müssen und private Aktionäre durch Kapitalerhöhungen massiv verwässert werden. Wir gehen nicht mehr davon aus, dass bei einer zweiten Runde von Rettungsaktionen primär Kredite zur Anwendung kommen.

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Seit längerem schwächelt der Dollar gegenüber dem Franken. Was sind die Gründe für die tiefe Notierung des Greenbacks – und wie dürfte sich die US-Währung entwickeln?
Die US-Notenbank hat Ende August 2020 Anpassungen an der geldpolitischen Strategie verkündet. Sie wird neu versuchen, eine durchschnittliche Inflationsrate von 2 Prozent über die Zeit zu erreichen (average inflation targeting).

Gemäss der Neuausrichtung soll bei einer Unterschreitung des Ziels eine höhere Inflation in den darauffolgenden Perioden zugelassen werden. Die Währungshüter werden künftig der Vollbeschäftigung eine höhere Priorität einräumen als der Preisstabilität.

Sie geben sich damit einen immer grösseren Ermessensspielraum und die US-Geldpolitik wird auf Jahre hin expansiv bleiben. Der Preisauftrieb könnte sich über das gewünschte Ziel hinaus beschleunigen. Die Unsicherheiten spiegeln sich in der momentanen Schwäche des US-Dollars wider. Wir sehen eine Bandbreite von CHF 0.88 bis 0.96 gegen den US-Dollar. 

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Grossbritannien steuert auf einen harten Brexit zu. Was würde ein harter Bruch mit der Europäischen Union für die britische Wirtschaft bedeuten – und welche Folgen hätte er für Märkte und Volkswirtschaften in der EU?
Grossbritanniens Volkswirtschaft wurde durch COVID-19 bereits überdurchschnittlich hart getroffen und ein ungeordneter EU-Austritt Grossbritanniens würde dessen Volkswirtschaft noch einmal massiv belasten.

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Premierminister Johnson vermittelt gar den Eindruck, als ob er die ökonomischen Folgen des «harten Brexit» in Kauf nehmen möchte. Er kann aber keine «Freihandelspartner» aus dem Hut zaubern, die nur annähernd das Gewicht der EU hätten. Die EU würde auch verlieren.

Insbesondere für Deutschland und seine Autoindustrie wäre das noch einmal eine erhebliche Belastung. Das Pfund könnte gegenüber den Hauptwährungen bis zu 10 Prozent an Wert einbüssen.

Unserer Ansicht nach wären eine Abschwächung des Pfund über GBP 0.94 je Euro hinaus oder eine Annäherung des Pfund an die Marke von CHF 1.10 wieder eine Einstiegsgelegenheit. Etwas anders sieht es beim britischen Aktienmarkt aus. Der Index ist stark geprägt durch globale und weniger durch nationale Unternehmen. Nach der bereits erlittenen «Underperformance» zum europäischen Gesamtmarkt sehen wir eine geringere Einbruchsgefahr.

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Diese Woche hat die UBS ihre Quartalszahlen veröffentlicht, nächste Woche wird die Credit Suisse ihre Ergebnisse vorlegen. In welchem Zustand präsentieren sich die Schweizer Grossbanken – und wie stark im Hintertreffen sind sie gegenüber der US-Konkurrenz?
Die beiden Schweizer Grossbanken zeigten sich in den letzten Quartalen operativ sehr solide. Gerade das von der UBS zuletzt ausgewiesene Ergebnis für das dritte Quartal mit einem Gewinn von rund CHF 2 Milliarden zeigt eine starke Leistung.

Ganz generell kann man sagen, dass die US-Banken in den letzten Jahren durch Konsolidierungen über die Skalierung des Geschäfts, durch einen grossen homogenen Rechtsraum und eine bis zuletzt positive Zinskurve ein höheres Ertragspotenzial ausschöpfen konnten als europäische und eben auch Schweizer Banken. Wir sehen die beiden Schweizer Vertreter im internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft aber als führend an.

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Das Interview wurde schriftlich geführt.