Die Zunft der Stromableser hat einen schweren Stand: In Deutschland wird bereits die Polizei gerufen, weil dieser an der Haustür mit Trickdieben verwechselt wird. In Tschechien gehen häufig Kampfsporterprobte auf Ablesetour, da sich rabiate Hauseigentümer gegen das Inkasso wehren. Und in Italien ist das unerlaubte Anzapfen von Strom ein solcher Volkssport geworden, dass der Berufsstand sogar ganz abgeschafft wurde. Stattdessen werden die Messdaten nun von einem unbestechlichen Elektrokasten erhoben und direkt - via Funk, Strom- oder Glasfaserkabel - an die Versorgungszentrale übermittelt.

Automatisiertes Stromablesen

Die Messstationen - auch Smart Meter genannt - zeichnen den Lastgang beim Strombezüger in Echtzeit auf und erlauben so ein automatisiertes Stromablesen. Aufgrund der EU-Energieeffizienzrichtlinie 2006/32/EG wird der klassische schwarze Zähler-kasten europaweit verdrängt. Seit Jahresbeginn müssen auch in Deutschland Neubauten und sanierte Wohnhäuser zwingend mit diesen digitalen und kommunikativen Messgeräten ausgerüstet werden.

Diese Smart-Metering-Pflicht baut aber nicht nur administrative Hürden ab, sondern soll die Stromversorgung sogar «revolutionieren». Denn dank der neuen Zählertechnologie werde der Konsum erheblich verringert, verspricht die Branche. Für die EU-Haushalte zwischen Deutschland und Norwegen werden Einspareffekte zwischen 10 und 20% prognostiziert.

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Ebenso wird in der Schweiz vom Smart Metering (SM) einiges erwartet. Mehrere regionale Energieversorger sind tätig geworden und haben die neuen Messeinheiten bereits installiert, weiss Peter Kieffer, Country Manager Schweiz des weltweit führenden Zählerlieferanten Landis + Gyr. Ob im Tessin, Jura oder Thurgau: Der Stromkonsum von abgelegenen Haushalten kann neuerdings smart - bequem von der Verwaltungszentrale eines Regionalwerks aus - abgelesen werden. Auch im urbanen Umfeld wurde ein Anfang gemacht: In ausgewählten Quartieren in und um Zürich sollen gegen 10 000 Haushalte und Gewerbekunden zu Testzwecken an die smarte Zukunft angeschlossen werden. Der nachhaltige Umgang mit Energie ist dabei ein deklariertes Ziel: «Wir gehen von einer Abnahme des Verbrauchs aus», sagt stellvertretend Priska Laiaida, Sprecherin des Elektrizitätswerks des Kantons Zürich (EKZ), über das SM-Projekt in Dietikon. Bei den genauen Zahlen wird zudem auf eine nationale Grundlagenstudie verwiesen.

Interessante BFE-Analyse

«Smart Metering für die Schweiz - Potenziale, Erfolgsfaktoren und Massnahmen für die Steigerung der Energieeffizienz» heisst die Analyse, welche das Bundesamt für Energie (BFE) letzten Herbst veröffentlicht hat. Der Befund: Das Reduktionspotenzial in der Schweiz liege bei rund 5% und betrage damit im Vergleich zu den EU-Ländern um mehr als die Hälfte weniger. Die Experten begründen ihre vorsichtigen Prognosen zum einen mit den tiefen inländischen Stromkosten und den geringen Sparanreizen. Zum anderen werde der Einspareffekt nur indirekt ausgelöst, wenn der Smart Meter mit einem Feedbacksystem verbunden ist. Wird der Stromverbrauch in Echtzeit sichtbar gemacht, soll sich das Konsumbewusstsein der Stromkunden ändern.

An der Beeinflussung des Konsumverhaltens wird bereits getüftelt: Als Erweiterung zum SM werden Displays für die Wohnung konzipiert respektive Internet-Zugänge erprobt. Aus Deutschland wird zudem gemeldet, dass der persönliche Stromkonsum auch als iApp verfügbar gemacht werden kann. So weit sind die Tests in der Schweiz noch nicht. Erst beim EKZ-Versuch in Dietikon soll eine beschränkte Anzahl «Ecometer» eingesetzt werden. Für das Gros der Testhaushalte ist die individuelle Konsumanzeige dagegen noch Zukunftsmusik.

Tatsächlich betreten die Stromversorger mit der smarten Netztechnik absolutes Neuland. Es gilt auszuprobieren, inwiefern sie alltagstauglich und kompatibel zu den bestehenden Anlagen ist. So haben Versuche in der Stadt Zürich gezeigt, dass die Messdaten ohne zusätzliche Glasfaserkabel nicht in die Zentrale übertragen werden können. Und ebenso ist auch anderswo das Problem aufgetaucht, eine funktionierende Funkverbindung zwischen dem Smart Meter im Keller und den einzelnen Wohnungen aufzubauen.

Erfahrungswerte aus Deutschland zeigen, dass jahrelanges Pröbeln erforderlich ist. Seit über zwei Jahren werden beispielsweise im Raum Stuttgart Tests durchgeführt: Die ersten Resultate aus 100 Haushalten zeigen zwar, dass sich das SM mit den attraktiven Features - von der Verbrauchsanzeige bis zur automatischen Gerätesteuerung - kombinieren lässt. Die positiven Begleiteffekte sind aber erst vereinzelt nachgewiesen: Testkunden richten das Einschalten von Haushaltgeräten vermehrt nach den günstigen Stromtarifen.

«Mit einem Stromradar zeigen wir unseren Kunden via Heimcomputer, wann sie Gebühren einsparen können», sagt Jörn Kröpelin, Projektleiter beim Energieversorger EnBW. Und einzelne «hätten 5 bis 10% eingespart», weil sie offensichtlich auf den Standby-Verbrauch der Geräte aufmerksam gemacht worden seien, zieht Projektleiter Kröpelin eine vorsichtige Anfangsbilanz. Um repräsentative Resultate zu erhalten, sollen die Tests in den nächsten zwei Jahren auf 900 Haushalte ausgedehnt werden.

Hohe Investitionen

Dass das Stromnetz der Zukunft smart wird, ist unbestritten. Das Einspeisen dezentraler Stromquellen ist auf eine intelligente Steuerung sowie zeitgerechte Informationen über den Stromverbrauch in den Haushalten angewiesen. Doch offen ist, wie schnell das Rollout mit den Smart Meters erfolgen und vor allem wer die Kosten dafür tragen soll.

Neuere Erhebungen aus EU-Ländern führen dazu grundsätzliche Bedenken an. Eine Studie der österreichischen Stromwerke warnt beispielsweise vor den hohen Investitionskosten in Milliardenhöhe, denen «nur relativ geringe Einsparungsmöglichkeiten» gegenüberstünden. Demgegenüber sei zu befürchten, ergänzt die Deutsche Energie-Agentur, dass Stromversorger eine jährliche Dienstleistungsgebühr für das Smart Metering erheben. Tatsächlich ist der Rahmen für eine Einsparung eng gesetzt: Wird pro Anschluss mit Installationskosten von mehreren 100 Fr. gerechnet, dürften die jährlichen Stromgebühren nur rund 20 Fr. geringer ausfallen, zeigen Berechnungen aus Deutschland.

Auch in der Schweiz ist der Stromableser ein Auslaufmodell. «Früher oder später werden alle Energieversorger die intelligente Technologie einsetzen», ist Lukas Küng, Leiter des EWZ-Verteilnetzes, überzeugt. In der Stadt Zürich werden Ende Jahr 5000 freiwillige Testhaushalte angeschlossen. Auch hier gilt es noch viele technische und administrative Fragen zu klären. Die Kosten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle: Etwa 80 Mio Fr. wären zu investieren, um alle Haushalte in der Stadt auf SM umzurüsten. «Durchaus denkbar ist, dass der Stromkunde dereinst einen Teil selber zu berappen hat, insbesondere für die individuelle Verbrauchsanzeige», sagt Küng.