Alle fünf Minuten soll bei Bucherer in Luzern eine Rolex über den Ladentisch gehen! Auch wenn diese Behauptung vom grössten europäischen Uhren- und Schmuckhändler mit Stammhaus am Luzerner Schwanenplatz nicht bestätigt wird, dürfte im Bonmot ein Körnchen Wahrheit stecken.

Vielleicht sind es nicht zwölf Rolex pro Stunde, obwohl Bucherer als der global stärkste Händler der Genfer Krone gilt; aber auf alle im Haus vertretenen 26 Marken könnten die Verkaufsschätzungen durchaus zutreffen. Denn die Shopping-Zone 
an der Luzerner Bucht des Vierwaldstättersees ist Dreh- und Angelpunkt des Swiss Watching. Dies vor dem stark nachdrängenden Interlaken unter der Führung des ­dortigen Kirchhofer-Imperiums, vor Genf und vor der Zürcher Bahnhofstrasse.

Schwanenplatz misst sich mit Paris

Luzerns Schwanenplatz hingegen misst sich mit der Place Vendôme in ­Paris, den Ginza-Einkaufsalleen in Tokio und den Luxusboutiquen in Hongkong sowie Schanghai. Wer Rang und Namen hat, angefangen eben bei Bucherer (Gruppenumsatz europaweit geschätzt 1,5 Milliarden Franken), führt eine Adresse am Schwanenplatz, im Grendel und am Kapellplatz. Eine noch bessere Präsenz aller Marken von A(udemars-­Piguet) bis Z(enith) gibt es nur an den beiden ­Uhrenmessen SIHH in Genf und an der Baselworld.

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Im Tourismus-Hotspot markieren 22 Topbrands (inklusive zwei Schmuck­marken) mit eigenen Verkaufspunkten Präsenz, dazu ergänzen neben Platzhirsch Bucherer die Gübelin-Gruppe, Embassy und – als jüngster dieses Quartetts – Les Ambassadeurs, die von Luzern aus national tätige Spitzengruppe.

Neun von zehn Uhren an Touristen

Gegen 90 Prozent der in Luzern gekauften Swiss-made-Uhren verlassen unser Land zwei, drei Tage nach ihrem Handwechsel. Tagestouristen sorgen für den Boom, rechnet man die nach Luzern reisenden Schweizer ab, gegen die Hälfte aus Asien. Zwischen 300 und 350 Franken geben Chinesen, Koreaner, Thailänder, Taiwanesen, Japaner und vermehrt Inder täglich pro Kopf in Luzern aus.

Übernachtet wird vorwiegend im Umkreis der Leuchtenstadt, also nicht in Luzerns sowieso gut ausgelasteten und deshalb etwas teureren Hotels (69 Prozent Auslastung). Bevorzugt werden Zwei- und Drei-Sterne-Hotels im 40-Kilometer-Umkreis sowie Verpflegungsmöglichkeiten mit Menupreisen unter 10 Franken pro Hauptmahlzeit.

Lukrative Provisionen

Das Geld muss für Schweizer Uhren, das wichtigste Mitbringsel aus Luzern, reichen – neben den Fotos vom Besuch der Kapellbrücke mit Wasserturm, des Löwendenkmals und der Museggmauer. Chinesen begründen ihre ­Käufe in der Schweiz damit, dass sie hier nicht Fälschern aufsitzen würden.

Angeflutet kommt die «Gelbe Welle», so Luzerner Originalton, mit Reisecars. Drei, vier Stunden Aufenthalt auf dem Abenteuer «Europa in zehn Tagen» sind maximal eingeplant, eingebunden der durch den Tourguide bestens organisierte Besuch eines Uhrenhändlers. Das Geschäft macht, wer dem Reiseleiter die ­saftigste Provision ausbezahlt. 8 Prozent auf die durch die Touristen getätigten Einkäufe sind offenbar üblich.

Bis zu 250 Cars können an Spitzen­tagen am Schwanenplatz ihre Gäste ausspucken, die meisten zwischen 16 und 
18 Uhr. Das ist Hauptgrund für den verschärften Ton zwischen Luzerns Stadt­bevölkerung und den Tourismus- sowie Uhren­geschäftverantwortlichen. Der mit Reisegruppen überbelegte Schwanenplatz und die verstopften Zubringerstras­sen entlang des Schweizerhofquais und über die Seebrücke sorgen in der Hauptreisesaison zwischen Februar und Ende Oktober bei den Einheimischen für täg­lichen Dauer­ärger.

Einheimische Angst um Lebensqualität

Mit der Konsequenz, dass die Stimmbürger am 24. September 2017 einer ­Juso-Initiative folgten und die wichtigen Carparkplätze vom Inseli hinter dem SBB-Bahnhof verbannten. Nur, wo die Reisebusse ihre Luzerner Wartestunden künftig verbringen sollen, bleibt ungeklärt. Auch einem Parkhaus unter dem Musegghügel erwächst in der heute politisch links orientierten Stadt Opposition.

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Das problematische Verhältnis Wohnbevölkerung-Touristen wird kaum schnell vom Tisch sein. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Uhrenbranche mit einem Jahresumsatz von gegen 800 Millionen Franken und den damit verbundenen 750 Vollzeit-Arbeitsplätzen wird zumeist ausgeblendet. Parallelen zu Venedig, Dubvronik, Barcelona oder Portofino sind augenfällig.

(sda/gku)

Leader: Carl F. Bucherer

Mit einer im Vergleich zu 2015 leicht reduzierten Jahresproduktion von knapp 25 000 Uhren ist Carl F. Bucherer (CFB), eine Tochter der Bucherer-Gruppe, mit Abstand Leader. Montiert werden die CFB-Zeitnehmer (ab 4000 Franken) in der Manufaktur in Lengnau bei Biel, entworfen und gemanagt vom Hauptsitz in Luzern.

Handwerker: Chronoswiss

Echte Handwerkskunst, zu Ladenöffnungszeiten einsehbar für Besucher an der Löwenstrasse, bietet die dreissig Jahre alte Marke Chronoswiss, seit 2012 ­gehalten von Eva und Oliver Ebstein aus Meggen. Ausgeliefert werden jährlich schätzungsweise gegen 5000 Uhren. Eingestiegen werden kann bei rund 3000 Franken.

Innovator: Ochs und Junior

Als Doktor der theoretischen Physik, Mathematiker, Astronom und Altertumswissenschafter nutzt Ludwig Oechslin seinen breiten Bildungs- und Erfahrungshorizont für innovative Armbanduhren, die mit einer totalen Vereinfachung brillieren. Verkauft werden die Uhren (ab 6000 Franken) nur am Firmensitz in Luzern.

Quereinsteiger: Hess Uhren

Seit 2008 betreiben Walter und Judith Hess als Quereinsteiger ihr gleichnamiges KMU. Individualität steht im Vordergrund. Vor kurzem lancierten sie mit dem diamantstaubbeschichteten Zifferblatt eine vielbeachtete Innovation. Je nach Lichteinfall verändert sich die Uhr, wie wenn Sonnenstrahlen auf Schnee treffen.