1. Home
  2. Unternehmen
  3. Dieser Anwalt durchforstet den Fifa-Korruptionssumpf

Mandat
Dieser Anwalt durchforstet den Fifa-Korruptionssumpf

Fifa: Die juristische Untersuchung des Korruptionsskandals geht ins Geld.   Keystone

Er ist der Mann in Zürich für die amerikanischen Fifa-Anwälte: Thomas Werlen von der Kanzlei Quinn Emanuel untersucht den Korruptionsskandal. Den Prestigeauftrag lässt er sich fürstlich bezahlen.

Von Stefan Barmettler
am 08.06.2016

Bescheidenheit ist nicht die Kardinaltugend dieser Männerriege. Viel lieber wird geblufft, gepoltert und gedroht. Bislang habe man, trompeten die Quinn-Emanuel-Anwälte, weit über 50 Milliarden Dollar in Gerichtssälen ­erstritten. In neun von zehn Streitfällen sei man als Sieger vom Platz gegangen. «Es gibt keine Firma wie die unsrige», heisst der Leitspruch der US-Kanzlei, die als ­aggressivste der Branche gilt. Kein Konzern wünscht sich die Streitexperten aus Los Angeles als Gegner.

Bescheidenheit ist auch nicht die Zier von Thomas Werlen, Partner bei Quinn Emanuel und Chef des ­neuen Schweiz-Ablegers der Ame­rikaner. Logisch, will er wachsen; logisch, will er ­seine Kundenbasis weiter aus­bauen. Die Platzhirsche – Bär&Karrer, Homburger oder Lenz & Staehelin – beobachten jedenfalls mit Argus­augen, was die US-Erfolgskanzlei und ­ihren Schweizer Vorkämpfer umtreibt. Bislang hat sich noch keine der aggres­siven Law Firms mit ihren Hundertschaften von ­Anwälten im margenstarken Schweizer Markt etabliert. Entweder kralle sich Werlen mit Quinn Emanuel fest, oder die Bude sei in zwei Jahren wieder weg, sagt ein Konkurrent.

«Schneller, härter, bedrohlicher»

Doch die Segel zu streichen, ist nicht Werlens Art. Der Walliser hat sich als einer der wenigen Schweizer Anwälte als Partner in den USA etabliert – ausgerechnet bei Quinn Emanuel, die das Fachblatt «American Lawyer» so beschreibt: «Besser, schneller, härter, bedrohlicher.»

Vor wenigen Tagen hat sich Werlen im Zürcher Seefeld eingenistet – mit zwei ­Assistenten. Zürich ist das elfte Auslandbüro von Quinn Emanuel. Tage nach der Büroeröffnung zündete der Chef ein erstes Feuerwerk. Gemäss Recherchen steht er hinter dem Frontalangriff auf die ehemaligen Fifa-Granden Joseph Blatter, Jérôme Valcke und Markus Kattner.

Fifa liess die Bombe platzen

Letzten Freitag hat die Fifa in tabellarischer Form all die Millionen-Boni und Traumsaläre des Trios im Detail aufgelistet. ­Vertrauliche Kaderarbeitsverträge, die in jeder Firma als geheim taxiert sind, liess die Fifa genussvoll der Weltpresse zukommen. Die Botschaft war klar: Ex-Präsident Blatter, Ex-Generalsekretär Valcke, Ex-­Finanzchef Kattner – alles schamlose ­Halunken. Und Gianni Infantino, der neue Fifa-Präsident, ist der Mann, der endlich für Ordnung sorgt.

Seit zwei Jahren steht Werlen im Dienst des Fussballverbandes. Seit die US-Justiz ermittelt und Funktionäre im Dutzend verhaftet, ist Juristen-Know-how aus den USA gefragt. Ohne das Plazet von Werlens Truppe verlässt kein Dokument das Haus. «Faktisch ist die Fifa in den Händen von Quinn Emanuel», heisst es im Hauptquartier in Zürich.

Grandioser Auftrag

Werlen hat fünf Anwälte für die Fifa-Untersuchung abgestellt, Kostenpunkt je Stunde und Anwalt: 650 bis 900 Franken. Ein grandioser Auftrag, der ein Jahreshonorar in zweistel­liger Millionenhöhe in die Kanzleikasse spühlt. Ein Ende ist nicht abzusehen: Noch drei, vier oder gar fünf Jahre dürfte die juristische Bewältigung der Fifa-Fälle dauern.

Da ist voller Einsatz gefragt: Werlen ist rund um die Uhr auf Trab. Derzeit bringt er es locker auf 300 verrechenbare Arbeitsstunden pro Monat, das sind rund 3500 Stunden oder rund 3 Millionen Franken Honorarumsatz im Jahr.

Infantino knausert nicht

Infantino knausert nicht, denn er hat das Messer am Hals. Wird nicht geliefert, droht die Fifa ihren «victim status» zu verlieren und selber zum Angriffsziel der Strafbehörden zu werden. Es wäre das Ende von Infantino – und dasjenige der Fifa.

Dass es nicht so weit kommt, dafür ­sorgen Heerscharen von Anwälten und ­IT-Experten aus dem In- und Ausland. Involviert sind drei Advokaturen, 35 Rechts­anwälte, zehn Datenanalysten. Der Anwaltsvermittler Ryder Reixd aus London sorgt für Fachkräftenachschub, wenn Spezialaufgaben anstehen. Die Investigativ-Computer – installiert in einem Data-­Center im alten Fifa-Hauptsitz am Zürcher Sonnenberg – laufen rund um die Uhr. Sie greifen 10 Terabytes an Fifa-Daten ab, das sind 2,5 Milliarden Blatt Papier, die aus­gedruckt 400 Tonnen wiegen.

Belastendes Material

Nach Stichworten werden die Datenberge nach ­Betrugsindizien – hohe Zahlungen, ver­deckte Kickbacks, Ticketing-Tricks, exorbitante Boni – abgesucht. Es ist die Munition, die auch gegen die fristlos geschassten Kattner und Valcke verwendet werden soll.

Schliesslich steht der Vorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung im Raum. Zudem sind das US-Justizdepartement und die Bundsanwaltschaft auf belastendes Material gegen die angeklagten Fifa-Funktionäre angewiesen.

Höchste Rendite weltweit

Es sind diese komplexen Prestigefälle, die Werlen liebt. Mal schiesst man sich auf Big Pharma ein, mal geht man auf Wall-Street-Giganten los, neuerdings nimmt Quinn Emanuel die Diesel-Trickser aus dem VW-Konzern aufs Korn. Der Superbonus ist auch diesmal garantiert. Bereits 14-mal hat die Kanzlei Weltkonzerne mit Sammelklagen zu Schadenersatzzahlungen in Milliardenhöhe gezwungen.

Das rentiert: Der Profit pro Partner – die wichtigste Messgrösse in der Branche – stieg bei Quinn Emanuel letztes Jahr auf über 5 Millionen Dollar. Mehr Rendite macht niemand auf der Welt. Genau der richtige Ort für den ambitionierten Werlen.

Studium in Harvard

Nach dem Studium in Zürch und ­Harvard heuerte er bei den New Yorker Grosskanzleien Cravath, Swain & Moore und Davis Polk & Wardwell an, dann ­wurde er Partner bei Allen & Overy.

2006 holte Daniel Vasella den erst 40-Jährigen als Legal Counsel zu Novartis, ein Jahr später war er General Counsel und Mitglied der Konzernleitung. Er strukturierte um, baute aus – von 150 auf 750 Anwälte in 140 Ländern – und focht diverse Haftpflicht- und Patentstreitfälle aus. Schliesslich begleitete er den Zukauf der Augenheilfirma Alcon, für die Novartis 40 Milliarden Franken auf den Tisch legte.

Ambitionen auf Chefposten

Nach dem Mega-Deal strebte er den nächsten Karrieresprung an. Als promovierter Jurist mit Schwergewicht Kapitalmarkt und Strafrecht war er als Chef eines Pharmariesen wenig geeignet, doch Werlen hatte einen grösseren Plan. Er wollte Vasella offenbar als Präsident beerben.

Konzernchef Joe Jimenez sei nicht an­getan gewesen, dass ihn sein Chefjurist rechts überholen wollte, heisst es in Basel. Als Vasella 2013 abtrat, war Werlen längst im angestammten Geschäft zurück – beim Powerhouse Quinn Emanuel.

Anzeige