Dienstag, 19. September 2000, zehn Uhr: Alexander Falk hat sechs seiner engsten Vertrauten in den Elbhof beordert. Das prunkvolle Jugendstilhaus, direkt neben der Hamburger Hafenanlage, beherbergt Falks Internetfirma Ision. Im Besprechungsraum kommt Sascha, wie ihn seine Freunde nennen, rasch auf den Punkt: Bei Ision lägen Umsatz und Gewinn im zweiten und dritten Quartal unter dem Budget, das Gleiche sei für das vierte Quartal zu erwarten. Falk beauftragt Dirk Willers und Ralph Simmen damit, einen zusätzlichen Umsatz zu generieren. Die beiden sind Geschäftsführer der Firma Bluetrix, wie Ision eine Tochtergesellschaft des Schweizer Börsenhighflyers Distefora.

Vier Jahre später zählt das von Dirk Willers erstellte Sitzungsprotokoll zu den zentralen Beweismitteln im Prozess gegen Falk. Die Hamburger Staatsanwaltschaft beschuldigt den 34-Jährigen in der 288-seitigen Anklageschrift des Betrugs in einem besonders schweren Fall. Dafür drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Zusätzlich haben die Behörden sein Vermögen, das auf 400 bis 500 Millionen Euro geschätzt wird, eingefroren. Der Prozess gegen Falk sowie sieben Mitangeklagte beginnt voraussichtlich im Juni.

Das bisher unveröffentlichte, der BILANZ vorliegende Sitzungsprotokoll belastet Falk. Darin wird explizit festgehalten, dass die Geschäfte keine echten Umsätze bei der Firma Ision generierten. Doch das sollte gegenüber Aussenstehenden – im Protokoll namentlich erwähnt sind Wirtschaftsprüfer und Aktionäre – vertuscht werden. Dazu brauchte Falk die beiden Bluetrix-Geschäftsführer Willers und Simmen. Gemäss Dokument erhielt Bluetrix von der Muttergesellschaft Distefora ein Millionendarlehen. Mit dem Geld sollten Willers und Simmen befreundete Firmen beauftragen, bei Ision Planungen und Konzepte für Internetportale zu bestellen. Laut Protokoll verlangte Falk von den Beteiligten «absolutes Stillschweigen»: «AF erklärt, dass die Produktion von unnötigen Unterlagen zu unterlassen ist und man in Zukunft den direkten persönlichen oder telefonischen Weg der Kommunikation wählen sollte.»

Was Willers und Simmen zum Zeitpunkt der Sitzung nicht wussten: Unter dem Codenamen «India» führte Falk Verhandlungen, um die Firma Ision, die zu 75 Prozent Distefora gehörte, zu verkaufen. Die Zeit drängte also. Das Duo Willers und Simmen wurde von Falk gebeten, ihre gesamte Arbeitszeit für die Umsatzgenerierung zu Gunsten von Ision einzusetzen. Mit Erfolg: Gemäss weiteren, der BILANZ vorliegenden Unterlagen summierten sich die künstlich erzeugten Umsätze auf 23 Millionen D-Mark. Damit habe Ision die von Falk gemachte Umsatzprognose von 193 Millionen D-Mark für das Jahr 2000 nur um sechs Millionen verfehlt. Entsprechend hielten sich die Ision-Aktien stabil zwischen 50 und 60 Euro, während die meisten Internetwerte einbrachen.

Zwei Monate nach der Sitzung, am 19. Dezember, erwarb der britische Telekomkonzern Energis die Firma Ision zum sagenhaften Preis von 812 Millionen Euro oder 58 Euro pro Aktie.

Profitiert hat Alexander Falk auch von verschiedenen Banken, welche die Ision-Aktien den Anlegern schmackhaft machten. Die Bank Sarasin berechnete für die Firma einen fairen Wert von 2,5 Milliarden Franken. Die Deutsche Bank kam auf 1,8 Milliarden Euro und empfahl die Aktie mit einem Kursziel von 100 Euro. Noch euphorischer war die Credit Suisse First Boston mit einem Kursziel von 150 Euro.

Zu Falks Promotoren gehörte auch der Zürcher PR-Berater Klaus Stöhlker, der für seine Dienste 1,5 Millionen Franken kassierte. Ganz geheuer war ihm das Mandat allerdings nicht, wie ein Fax Stöhlkers vom Juni 2002 zeigt: Anlässlich der bevorstehenden Generalversammlung schlug er Falk als Formulierung vor: «Ich bin der Gier gegenüber kritischer geworden und setze mehr auf reifende Strukturen.»

Die Einsicht kam wohl zu spät. Seit dem 6. Juni 2003 sitzt Alexander Falk in Hamburg in Untersuchungshaft. Mehrere Gesuche seiner drei Verteidiger um eine Haftentlassung haben die Behörden abgelehnt. Dennoch bleibt Gerhard Strate, einer von Falks Verteidigern, zuversichtlich. Aus seiner Sicht stützt die Staatsanwaltschaft ihre Anklage zu Unrecht auf den Sitzungsbericht, denn er sei von Falks Mitarbeiter erst nachträglich erstellt worden: «Das Protokoll ist eine Fälschung – dies werden wir im Prozess auch belegen können.» Aus zuverlässiger Quelle ist allerdings zu erfahren, dass die Behörden bei ihren Hausdurchsuchungen auch Originalnotizen aus der Sitzung gefunden haben, welche die Echtheit des Protokolls belegen können.