Hier sitzen sie nun also nebeneinander, der CEO und sein neuer Chef. Jenes Duo, dessen erste Paartänze die Schweizer Wirtschaftswelt mit Spannung erwartet hat. Erstmals empfangen Stefan Butz und Marco Gadola gemeinsam zum Gespräch – Butz, seit über drei Jahren CEO beim Handelskonzern DKSH, und Marco Gadola, frisch als Verwaltungsratspräsident angetreten.

Butz, dunkler Anzug und Einstecktuch, spricht ausführlich, in langen Sätzen, gern ein freundliches Lächeln auf den Lippen und im Stuhl etwas zurückgelehnt. Gadola, der wie üblich Turnschuhe mit Sportsakko trägt, blickt Butz, während der spricht, aufmerksam von der Seite an, mit einem undurchdringlichen Sphinxgesicht. Er selbst sagt weniger, findet seine Pointen schneller, dafür nicht ganz so viele Anglizismen.

Butz und Gadola trafen sich das erste Mal am Flughafen Zürich – eine gegenseitige Vorstellungsrunde als Fingerzeig, ob CEO und der designierte Präsident harmonieren. Butz sagt, er habe «gleich gemerkt, die Zusammenarbeit ist konstruktiv, Marco ist mit seinen Erfahrungen ein idealer Sparringspartner für mich, und die Chemie stimmt». Gadola selbst spricht vom «Spass, zusammen mit Stefan und seinem Team eine Erfolgsgeschichte zu schreiben». Das Potenzial sei «sehr gross».

Stefan Butz

CEO seit 2017: Stefan Butz hatte bei DKSH einen durchzogenen Start. Das neue Board dürfte ihm Unterstützung bieten – nun muss er auch liefern.

Quelle: MICHELE LIMINA
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Diese beiden also sollen nun gemeinsam DKSH flottmachen. Zwar waren die Einbrüche im Geschäft nie so tief, wie die Krater im Börsenkurs vermuten lassen könnten – die Aktie befand sich bis Ende 2017 im Höhenflug, danach im zügigen Niedergang, Ende 2019 verpasste ihr ein Onlinedienst den Titel «die unbeliebteste Aktie der Schweiz».

Zuletzt allerdings hat DKSH den breiten Index SPI geschlagen, über die jüngsten drei Monate sogar deutlich. «Resilient, aber nicht immun» sei das Geschäft in Corona-Zeiten, sagt Butz. Die grossen Sparten Konsumgüter und Healthcare bedienen vor allem alltägliche Grundbedürfnisse – Lebensmittel, Körperpflege, Medikamente. Der kleine, ertragsstarke Bereich Luxus & Retail hingegen wurde hart getroffen.

Mageres Wachstum

Die einst stürmische Wachstumsmaschine ist der Handelskonzern, der im Hauptgeschäft als Outsourcing-Dienstleister Produktherstellern Wege in asiatische Verkaufsräume und Onlineshops planiert, heute nicht mehr.

Das Geschäft weitet sich nur noch schleppend aus, die Vorsteuergewinne wandern von gut drei Prozent über die vergangenen Jahre in Richtung zwei Prozent. Da DKSH konkurrenzlos Asset-leicht arbeitet, pro Jahr nur 30 bis 50 Millionen Franken auf ihren Elf-Milliarden-Umsatz investieren muss, liessen sich die Mikro-Margen leichter verschmerzen.

Das Absinken von DKSH lösten zwei Faktoren aus: die Schwäche der einstigen Vorzeigesparte Konsumgüter und ein Gruppen-Exodus im Verwaltungsrat.

Ende 2019 verpasste ein Onlinedienst der DKSH-Aktie den Titel «die unbeliebteste Aktie der Schweiz».

DKSH: Kraftloser Kurs

Quelle: Bloomberg. Per 22. Juni 2020

Quelle: Bilanz

Das Segment Konsumgüter degenerierte seit 2013 vom Renditegaranten zum Sorgenkind. Man habe da «einige Trends verschlafen und teilweise verpasst», sagt Butz, etwa nicht die nachgefragtesten Produkte und Lieferanten im Portfolio gehabt, und sich andererseits bei den belieferten DKSH-Kunden, also Supermärkten und den in Asien beliebten kleinen Nachbarschaftsversorgern, genannt «Mom-and-Pop Stores», nicht auf die wachstumsstärksten konzentriert. Zudem hätten «das Geschäft noch diejenigen auf ihre alte Art geführt, die es in den vergangenen 20 Jahren aufgezogen hatten».

Heute sei «alles viel professioneller aufgestellt». Die Sparte brachte 2019 «erstmals wieder steigende Gewinne, und die Sanierung kommt zügig voran», lobt Butz – damit auch sich selbst.

Denn just seit Anfang 2019 führte er das Geschäft ein gutes halbes Jahr selbst, bevor er den Australier Terry Seremetis als Bereichsleiter installierte. Vor dem Butz-Interregnum soll DKSH acht Spartenchefs innert vier Jahren verschlissen haben.

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Butz’ Vorgänger Jörg Wolle war im Frühjahr 2017 wunschgemäss auf den Präsidentenposten gerückt und hatte den CEO-Sessel an Butz übergeben,

Mann der Wahl von Andreas Keller. Dieser ist der ältere und in der Familienholding DKH mit mehr Stimmkraft ausgestattete der beiden Keller-Cousins; beide vertreten die Familienstämme in den Gremien.

Andreas leitet die Holding samt ihrem Gemischtwarenladen mit Reisebüros, Gartenmöbeln oder Küchenutensilien, Adrian bildete ein enges, erfolgreiches Gespann mit Wolle beim wichtigsten Asset, der 45-Prozent-Beteiligung an DKSH.

CEO Joerg Wolle spricht an der Bilanzmedienkonferenz des Handels- und Dienstleistungsunternehmens DKSH, am Montag, 6. Februar 2017, in Zuerich. DKSH hat im Geschaeftsjahr 2016 mit allen wesentlichen Kennziffern die Spitzenwerte vom Vorjahr uebertroffen. Das Unternehmen steigerte 2016 seinen Nettoumsatz um 4,5 Prozent auf 10,5 Milliarden Franken. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der Manager-Unternehmer: Jörg Wolle hat als angestellter CEO über viele Jahre DKSH wie ein Unternehmer geführt. Seine Arbeit hat ihn reich, die Kellers aber viel reicher gemacht.

Quelle: Keystone
Andreas Keller

The Keller Cousins: Andreas Keller (Bild) vertritt zusammen mit seinem Cousin die Familien in den Gremien von DKSH und der übergeordneten Holding.

Quelle: ZVG
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Adrian Keller

Der Ältere soll mit dem jüngeren Adrian Keller (Bild) nicht immer einer Meinung sein.

Quelle: ZVG

Versilberte Pakete

Interne können eine Weinflasche lang über die Eifersüchteleien zwischen den Cousins erzählen: Nach aussen sichtbar wurden sie vor fünf Jahren, als die Holding sich ein eigenes Logo zulegte, nachdem zuvor lange Zeit ein gemeinsames genügt hatte.

Und weiterhin bewohnen die beiden «Lungenflügel» der Gruppe getrennte Gebäude. DKSH sitzt im alten Stammhaus von Siber Hegner (SH) an der Zürcher Wiesenstrasse, DKH residiert im Haus von Diethelm Keller (DK) an der Mühlebachstrasse, nur wenige Schritte entfernt. Zwischen DKSH und DKH besteht auf Arbeitsebene praktisch null Kontakt.

Der Exodus aus dem Board startete, als Wolle im Herbst 2018 seinen Abgang ankündigte. Im Unfrieden mit Butz, der aber vom Kapital aka Andreas Keller gestützt wurde, ging Wolle, versilberte auch sein Aktienpaket.

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Es folgten Theo Siegert und David Kamenetzky, eine Schlüsselfigur im Reich der Milliardärsfamilie Reimann, und der französische Industrielle Robert Peugeot, der das Aktienpaket seines Family Office versilberte. Schon zuvor war der Investor Rainer-Marc Frey ausgeschieden, der dann, tja, sein Aktienpaket versilberte.

Der Verwaltungsrat – gestern und heute

Robert Peugeot

Robert Peugeot: Er hielt für seine Familie an DKSH 5,9 Prozent. Trat ab und stiess das Paket ab.

Quelle: ZVG
Rainer-Marc Frey

Rainer-Marc Frey (ganz rechts im Bild): Der Hedge-Fund-Milliardär verabschiedete sich als Erster aus dem VR.

Quelle: BreuerPhotos
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David Kamenetzky

David Kamenetzky: Ging auch. Im Hauptberuf Leitender der Holding der Pharma-Familie Reimann.

Quelle: ZVG
Jack Clemons

Jack Clemons: Einer der Neuen im Board. Führte mehrere Jahre den Schuhriesen Bata.

Quelle: ZVG
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Wolfgang Baier

Wolfgang Baier: Kam 2019 dazu. War CEO bei der Post von Singapur und davor in Asien Berater.

Quelle: ZVG

Die internen Abschiedsgrüsse waren unfreundlich; in Richtung Butz hatte sich einiges angestaut. Von fehlender Strategie war die Rede, mangelnder Dossierkenntnis bei Auftritten im Verwaltungsrat, «bremsender» bis «passiv-aggressiver Grundhaltung» sowie geringer Entschlusskraft.

Und gespiegelt an Wolle, der laut einem Ehemaligen «sechseinhalb Tage die Woche wie ein Eigentümer für DKSH gearbeitet hat», oft wochenlang die Märkte in Asien bereiste, wurde Butz auch mangelnde Einsatzfreude vorgehalten. Der Aktienkurs war ohnehin auf dem Weg von links oben nach rechts unten, also traten die Herrschaften zurück, um ihre Pakete abstossen zu können – für amtierende Verwaltungsräte ein No-Go.

An Wolles Zügel

Fairerweise muss man hinzufügen: Die All-Star-Combo, die sich dort verabschiedete, war eine ausgesprochen Wolle-affine Truppe. Butz sagt auf die Frage nach diesem offensichtlichen Missfallensvotum ungerührt, er habe den Abgang «als Teil eines geplanten Generationswechsels gesehen». Gadola attestiert, die Neuen im VR, darunter Jack Clemons, Ex-CEO des Schuhriesen Bata, oder Wolfgang Baier, der als Manager und Berater umfangreiche Asien-Erfahrung hat, brächten «wertvolle Kompetenzen».

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Der langjährige Chef des Dentalkonzerns Straumann hat zum Antritt bei DKSH seine Hausaufgaben gemacht. Er besuchte Thailand, Hongkong, Malaysia, Singapur, Taiwan, Vietnam, Kambodscha, Japan und andere Märkte und fühle sich inzwischen «gut eingearbeitet». Ein Butz-kritischer Insider sagt, Gadola habe viel gesehen und «die richtigen Fragen gestellt».

Doch Gadola geht auf Distanz zur Ära Wolle. Der hatte DKSH stark zentralistisch geführt, mit viel persönlichem Einsatz, aber eben auch am kürzesten Halfter. Gadola lobt Butz ausdrücklich für dessen ganz anderes Führungsverständnis: «Seit Stefan hier am Ruder ist, geht wirklich ein Ruck durch die Organisation – man traut sich wieder, seine Meinung zu sagen, zu agieren.»

Noch immer arbeite man daran, die «zu straffen zentralisierten Prozesse und Regeln aufzulockern», denn die seien «auf Kosten der Agilität» gegangen. Zudem habe er registriert, dass die Ländervertretungen zu wenig mit Zahlen arbeiteten. «Die Vorgabe war wohl, Top Line zu generieren, also wachsen und verkaufen, um den Rest kümmert sich dann die Finanzabteilung der Zentrale». In einem Konzern mit 34 000 Mitarbeitern und vier Geschäftsbereichen funktioniere das nicht. Butz sagt, er glaube sehr an «Empowerment».

«Seit Stefan hier am Ruder ist, geht wirklich ein Ruck durch die Organisation – man traut sich wieder, seine Meinung zu sagen, zu agieren.»

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Butz lebt in München, soll aber nach Zürich übersiedeln

Einvernehmen auch bei der heiklen Frage nach Butz’ Wohnsitz: Er lebt in München und arbeitet vor allem freitags gern aus dem Homeoffice, was intern für viel Geflüster sorgte. Jedoch «war das nie ein Gesprächsthema zwischen Marco und mir», sagt Butz, Gadola hört aufmerksam zu. Er habe in Zürich eine Wohnung und wolle seine Kinder nicht «kurz vor dem Abitur aus der Schule herausreissen». Tatsächlich, so ein Insider, soll eine schriftliche Vereinbarung, dass Butz nach Zürich übersiedeln sollte, von Andreas Keller kassiert worden sein.

An Liebe zur Schweiz soll es Butz nicht fehlen, «seit bald 52 Jahren mache ich zwei Mal pro Jahr Ferien hier» – die Engadiner Skiberge locken. Das Wedeln lernte er in Engelberg. Dass er zu wenig durch die Märkte reise, weist er zurück: «Rund zwei Drittel der Arbeitszeit» sei er unterwegs, sagt Butz. 103 Abflüge soll seine Sekretärin 2019 gebucht haben. Und, immerhin, hat er 2019 im Parallelschwung mit den Aktionären weniger verdient. Sein Salär sank um fast eine halbe Million Franken auf 3,4 Millionen.

Für die Zukunft muss es nun ums Geschäft, ums Strategische gehen. Dazu hat Butz einige Projekte: den lange vernachlässigten Grossmarkt Indonesien aufrollen und die margenstarke Sparte Performance Materials ausbauen, die Rohstoffe für Chemie, Pharma und Lebensmittel liefert und mit «Innovation Labs» inzwischen Kunden proaktiv Produktideen anbietet. Die grösste Sparte Healthcare entert gerade das wachsende Segment der sogenannten Biosimilars.

Mit Corona und der Integration einiger gekaufter Firmen, die die Bilanz aufpolieren werden, ist 2020 für DKSH und damit Butz ein Jahr des Übergangs. Und der Präsident wird zunächst beobachten und mithelfen, der Performance und dem Aktienkurs Gutes zu tun – nicht, wie einige vermuten, dem CEO die Räume zustellen.

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Gadola hat zwar nicht den Ruf eines Chefdiplomaten, aber auch nicht den einer fleischgewordenen Kettensäge. «Es gibt keinen Auftrag, hier mit dem Drahtbesen einzufahren», sagt Gadola, «und hätte es einen solchen gegeben, glaube ich nicht, dass ich zugesagt hätte».

Präsident und Coach

Fast fertig ist Gadola mit seiner Ausbildung an der Management-Schmiede Insead in «Executive Coaching and Change Management». Eine Handvoll Coachees betreut er bereits jetzt. Butz hat in diesem Feld schon Erfahrung; zum Antritt bei DKSH stand ihm Peter Bauer zur Seite, Ex-Chef des deutschen Halbleiterherstellers Infineon. Sein neues Handwerkszeug kann Gadola, falls nötig, DKSH-intern zur Entfaltung bringen.

Einen einzigen Covid-19-Fall verzeichnete der Konzern. Betroffen war ausgerechnet ein Mitarbeiter, neben dem Butz stundenlang auf Dienstreise im Auto sass. Also liess er sich testen – das Virus hatte ihn nicht angegriffen.

Zwar ist es zu früh, über seine Zeit bei DKSH ein Fazit zu ziehen – doch eine Vermutung liegt jetzt schon nahe: Stefan Butz hat das Zeug zum Überlebenskünstler.