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Drogeriemarkt: Müller will Estorel glücklich machen

Die Kette Estorel soll wieder auf Expansionskurs gebracht werden: Mit einem mächtigen neuen Besitzer aus Deutschland und unter neuem Namen. Die Preise der Drogerieartikel werden unter Druck kommen.

Von Pirmin Schilliger
am 06.04.2005

«Estorel sucht neue Standorte», heisst es auf der Homepage der gleichnamigen Drogeriekette in grossen Lettern. Details zur geplanten Expansion darf aber Therese Baumann, Mitglied der Geschäftsleitung in der Zentrale in Rotkreuz, keine verraten. Sie verweist auf den neuen Besitzer, die deutsche Firmengruppe Müller Ltd. & Co. KG in Ulm, die im Dezember die Aktien der Estorel AG übernommen hat. Wie weit das Filialnetz ausgebaut werden soll, lässt auch Holger Neumann, Immobilienchef des neuen Eigentümers, offen.

«Erst ab 50 bis 60 Standorten dürfte sich für Müller das Geschäft wirklich lohnen», schätzt Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler. Die Vorgaben für den neuen Besitzer im zwar margenträchtigen, aber kleinen Schweizer Markt sind also hoch. Denn im Moment gibt es noch 19 Estorel-Läden.

Müller wird umkrempeln

In Branchenkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass Müller die Estorel-Läden demnächst gründlich umkrempeln wird, auch wenn dies Neumann am Hauptsitz in Ulm nicht bestätigen möchte. Die Zentrale in Rotkreuz wird, wie der «HandelsZeitung» aus verlässlichen Quellen bekannt ist, aufgelöst werden. Die Schweizer Filialen sollen künftig direkt vom Hauptsitz in Ulm betreut und im Direktimport beliefert werden.

Verschwinden soll auch der Name Estorel, wobei sowohl der neue Name als auch der in Deutschland geläufige Slogan «Müller macht glücklich» noch Kopfzerbrechen bereiten dürften. Denn in der Schweiz gibt es ­nicht als reine Drogerien, aber zumindest als Artverwandte ­ bereits die Müller-Reformhäuser mit ihren 27 Vital Shops. Die sind mit der deutschen Kette weder verwandt noch sonstwie liiert, und sie möchten auch keinesfalls mit künftigen Müller-Drogerien verwechselt werden. «Einer Umfirmierung von Estorel zu Müller würden wir jedenfalls nicht tatenlos zusehen», sagt Albert Keel, Geschäftsführer der Müller-Reformhäuser.

Preise kommen unter Druck

Ob Müller in Ulm das alles bereits bei der Übernahme von Estorel vorausgesehen hat? Das deutsche Familienunternehmen ist gegenüber der Presse zurückhaltend, diese Frage bleibt unbeantwortet. Unschwer ausrechnen lässt sich, dass Müller den Preisdruck auf den Schweizer Drogeriemarkt noch verstärken wird. Schon Estorel hatte sich als Preisbrecher positioniert und die Produkte 10 bis 30% billiger als die Konkurrenz angeboten. Müller kann jetzt beim Einkauf nicht nur vom tieferen deutschen Preisniveau, sondern auch von seiner Grösse profitieren. Die Drogeriekette ist mit 400 Filialen in Deutschland, Österreich, Spanien und Slowenien und einem Umsatz von 2,6 Mrd Fr. mehr als doppelt so gross wie der auf 1,2 Mrd Fr. geschätzte gesamte Drogeriemarkt Schweiz.

Vorteile seien begrenzt

Trotzdem bezweifelt Martin Bangerter, Geschäftsführer des Schweizerischen Drogistenverbandes (SDV), dass Müller als Direkt- oder Parallelimporteur für die eigenen Filialen in der Schweiz allzu grosse Vorteile wird ausspielen können. Zwar sind rezeptfreie Medikamente der Zulassungsliste C-D-E, wie sie in den Drogerien verkauft werden, an keine Preisvorschriften gebunden. «Aber es gibt immer noch eine Reihe von Verpflichtungen», sagt Bangerter. So verlange das Heilmittelgesetz, dass es sich beim parallel importierten Arzneimittel um das gleiche Präparat handle wie das in der Schweiz erhältliche. «Das hat oft teure Umpackungsaktionen zur Folge, die einen allfälligen Preisvorteil wieder zunichte machen.»

Allerdings machen rezeptfreie Medikamente, die dem Heilmittelgesetz unterliegen, nur einen kleinen Teil des Drogeriegeschäftes aus. Mehr als zwei Drittel des Umsatzes entfallen auf Kosmetikartikel, Gesundheits- und Körperpflege, Ernährung und Putzmittel. In diesen Segmenten wird Müller seine Muskeln wohl mit voller Kraft spielen lassen.

Estorel

Ende einer tiefroten «Erfolgsstory»: Die 1997 gegründete Drogeriekette Estorel hatte innerhalb von fünf Jahren auf dem hart umkämpften Markt einen Anteil von 5% erobert. Die Expansion galt als Erfolgsstory, doch jährlich wurden happige Betriebsverluste eingefahren. Als Geschäftsführer Hans Peter Weber die Restrukturierungsmassnahmen 2003 nicht mitverantworten wollte, musste er gehen und seinen 20-Prozent-Anteil dem Hauptbesitzer, der deutschen Ihr-Platz-Gruppe, zurückgeben. Weil diese auf ihrem Heimmarkt Deutschland am Sanieren war, ist über einen Verkauf der unrentablen Estorel-Kette spekuliert worden.

Überraschend machte nicht der deutsche Marktführer Schlecker (11 Mrd Fr. Umsatz), sondern Müller (2,6 Mrd Fr.) das Rennen. Der Konzern aus Ulm ist hinter Schlecker und dm-Drogerie-Markt (3,4 Mrd Fr.) die Nummer drei. Der Abstand zu den beiden Konkurrenten hat sich noch vergrössert: Beim Verkauf der zur Rewe-Gruppe gehörenden idea-Drogeriemärkte gingen 91 Filialen an Schlecker, 37 an dm-Drogerie-Markt, und Müller ging leer aus.

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