Das Corona-Virus stellt auch unsere Arbeitsweisen infrage. Wir arbeiten anders als gewohnt. Wer kann, bleibt zu Hause und meidet den direkten Kontakt mit fremden Menschen. Die Frage ist, ob wir auch anders arbeiten, sobald die Krise vorüber ist.

Diese Frage stellt sich für eine noch junge Branche in der Schweiz besonders: Die Coworking-Spaces und andere «shared offices», also geteilte Büros.

Weit über hundert solcher Standorte gibt es im ganzen Land, wo sich Menschen aus unterschiedlichen Unternehmen, Branchen und Berufen die Arbeitsplätze, Kaffeemaschinen oder das WLan teilen.

«Shared Offices» – was heisst das?

Der Begriff umfasst eine Vielzahl von Büroformen, die sich untereinander schwer abgrenzen lassen. Coworking fällt darunter. In Coworking-Räumen – Spaces genannt -  mieten sich Selbständige und Firmen einen Platz und profitieren von Annehmlichkeiten wie einer lockeren, kreativen Atmosphäre. Auch Startup-Gründerzentren (Accelerators, Incubators) zählen dazu, oder Serviced Offices: Anbieter wie Regus oder Westhive vermieten ganz Büros für eine bestimmte Zeit an Unternehmen und stellen die Infrastruktur zur Verfügung (Technik, Empfang, etc.).

Ein Strauss an Vorteilen

Die Vorteile sind bestechend: Büros zu teilen, spart Kosten und schafft Flexibilität – für ein Startup etwa, dass rasch neue Mitarbeiter unterbringen muss  sich nicht mit Mietverträgen binden will. Das Teilen verkürzt auch die Pendlerwege und weckt die Kreativität, weil unterschiedliche Menschen miteinander Kontakt pflegen. Die Unternehmerin spricht mit dem Grafiker – und beide kommen auf Ideen.

Kurzum: Coworking ist ein weltweiter Trend, der auch die Schweiz erfasst hat. Das war vor Ausbruch der Corona-Krise.

Verwaiste Büros

Heute haben die Coworking-Spaces starke Umsatzeinbussen. Das zeigen eine Umfrage der Branchenorganisation Coworking Switzerland und das Gespräch mit mehreren Anbietern. Hier die wichtigsten Erkentnisse im Überblick:

  • Die grosse Mehrheit der Spaces hat nur wenige Kündigungen von ihren Mitgliedern erhalten. Bei den meisten Betreibern machen die Zahlungen solcher Members mehr als die Hälfte der Einnahmen aus.
  • Komplett weg fallen hingegen die Einnahmen aus der Vermietung von Eventräumen, der Eventorganisation sowie der Restauration. Vor allem die städtischen Anbieter führen normalerweise viele Veranstaltungen durch und verkaufen Essen und Getränke.
  • Und auch auf die Einkünfte von spontanen Kunden, die nur einen Tagespass lösen, müssen fast alle Betreiber derzeit verzichten.
  • Die meisten Spaces sind für ihre Members offen geblieben, die Räume werden aber kaum genutzt.

Videochats ersetzen die Apéro-Runde

«Ich habe aktuell etwa fünfzig Prozent weniger Umsatz», erzählt Jenny Schäpper-Uster, die in Wil ein Coworking Space betreibt. Die ehemalige Präsidentin von Coworking Switzerland hat einen Teil ihrer Veranstaltungen jetzt in den virtuellen Raum verlegt. «Ich organisiere Videochats, in denen sich die Members austauschen können. So schaffen wir auch während dieser Krise ein Gemeinschaftsgefühl», erzählt Schäpper-Uster.

Schäpper-Uster bringt den Ausfall zwar nicht in die Bredouille, «ich bin ein Einzelunternehmerin und habe keine Angestellte». Und weiter: «Ich bange nicht um die Existenz, schwierig ist die Situation aber allemal. Anderes Spaces mit höheren Mieten, oder wo der Event-Bereich ein grösserer Teil der Ausnahmen ausmacht, spüren die Ausfälle noch mehr», so Schäpper-Uster.

Podcast: Coworking

Coworking Baden Office Lab

Das Coworking-Space der Firme Office Lab in Baden: Die meisten Spaces haben auch in der Corona-Krise offen.

Quelle: Copyright R. Dürr

Die Vermieter zeigen sich kulant

Die Spaces versuchen ihre Einkommensausfälle abzufedern. So sucht die Mehrheit der Anbieter das Gespräch mit den Vermietern, wie die Umfrage zeigt. Über ein Drittel erhielt einen Mietrabatt zugesprochen. Viele Betreiber stellten auf Kurzarbeit um, manche bezogen auch einen Nothilfekredit.

Die Anbieter sehen in dieser Krise auch Chancen: Beispielsweise versuchen die beiden Ketten Westhive und Office Lab Firmen anzulocken, welche ihre Mitarbeiter vor Ansteckung schützen wollen. Sie bieten den Unternehmen Räumlichkeiten an, dass diese dort einen Teil ihrer Teams einquartieren.

Wenn die Belegschaft an verschiedenen Orten ist, stecken sich nicht alle Mitarbeiter gegenseitig mit dem Virus an.

Eine Alternative zum Home Office

Die Firmen mieten auch Plätze für Angestellte, die weniger weit pendeln wollen oder nicht zuhause arbeiten möchten.

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Office-Lab-Chef Roger Krieg sieht solche Angebote als Möglichkeit, den Sommer und Herbst zu überbrücken, bis sich in der Schweiz wieder der gewohnte Alltag einstellt. «Viele Menschen suchen jetzt eine Alternative zum Home Office, können aber noch nicht an ihren Arbeitsplatz», sagt Krieg.

Die Unternehmen denken um

Wenn sich die Verhältnisse normalisieren, dürfe Coworking noch beliebter werden – davon sind die Anbieter überzeugt.  «Viele Unternehmen erleben jetzt, dass ein flexibleres und auch «virtuelleres» Büro-Setup mit flexibel mietbaren Offices und Arbeitsflächen viele Vorteile bietet», schreibt Westhive-Mitgründer Claus Bornholt in einem E-Mail.

Auch Jenny Schäpper-Uster glaubt, dass mehr Unternehmen ihren Mitarbeiter künftig die Wahl lassen, von wo aus sie arbeiten. «Es findet ein Umdenken statt. Sie haben gemerkt, dass nicht alle am gleichen Ort sein müssen, damit die Prozesse funktionieren.»

Coworking-spaces: Eine helvetische Typologie

Okay, wenn wir dir «du» sagen? Du, das machen hier alle so. Weisst du, wer du bist? Cool, denn so findest du heraus, in welchen Coworking-Space du reinpassen könntest. Vielleicht stiftest du dort ja sogar Mehrwert. 
 
Startup-Fussvolk
Du hast einen Laptop. Du willst nicht lamentieren, sondern skalieren. Du willst das nächste Google bauen. Oder mindestens Leute um dich herum spüren, die das auch versuchen. Geld? Ist zum Verbrennen da. Mate-Tee? Ist dein Betriebsstoff. Hipster? Ja, so nennen dich die Leute manchmal. Oder du bist als digitaler Nomade ständig auf Achse, weil du wichtige Leute treffen musst, die dir helfen sollen, den Planeten mit deinem Projekt aufs nächste Level zu bringen. Was du dazu brauchst: Schnelles WLAN, Fairtrade-Kaffee und ein Mindestmass an Inspiration pro Quadratmeter Coworking-Space.
Spaces für dich: Café Auer Zürich, Gotham Lausanne.

Home-Office-Flüchtlinge
Deine Firma erlaubt dir, pro Woche einen Tag im Homeoffice zu arbeiten. Aber lustig ist das nicht: Denn bei dir zu Hause lärmen Kinder, dort müsste endlich mal geputzt und aufgeräumt werden. Also nistest du dich in einem Coworking-Space ein, der nahe liegt von deinem ländlichen Zuhause. Weil du schon ewig lange im gleichen Grossunternehmen Dienst tust, kannst du dort auch neue Luft schnuppern und andere Leute kennenlernen. Jetzt musst du denen im Headquarter nur noch dieses komplizierte Wort der «Serendipity» (siehe Glossar) erklären. Auf Schweizerdeutsch. 
Spaces für dich: Coworking Wyland, Büro Lokal Wil.
 
Selbstoptimierer
Du bist deine eigene Chefin, dein eigener Chef. Wenn du sprichst während der Arbeit, dann höchstens ins Telefon, das bei dir ein High-End-Headset ist. Mit den Leuten rundherum sprichst du nicht. Ruhe ist die erste Bürobürgerpflicht. Dir ist Effizienz wichtiger als das gemeinsame «Cowork-Cook-out» oder die Yogastunde bei abgeschaltetem WLAN-Netz. Wenn du nicht CEO, COO oder CFO bist, führst du vielleicht ein Leben als Aussendienstler. Früher hast du im Coop-Restaurant deine Listen abgearbeitet. Und jetzt eben im Coworking-Space, weil: praktisch. Und weniger Pensionäre, die laut jassen.
Spaces für dich: Büro Züri (ZKB Bahnhofstrasse Zürich), Wunderraum Pfäffikon. SZ
 
Weltverbesserer
Du verlangst von Coworking-Betreibern ein 50-seitiges Mission-Statement, das die Einbettung des Spaces in das soziokulturelle Umfeld der Stadt analysiert. Du arbeitest nicht nur an deinem Projekt, 15 Prozent deiner Arbeitszeit gibst du der Community zurück, indem du putzt, kochst oder neue Coworker auf ihre Passung überprüft. Bei der nächsten Diskussion im Plenum wird über deine zukünftigen Aufgaben abgestimmt.
Spaces für dich: Effinger Bern, Hyve (Ex-LifeHub) Basel.