Ein Fax, aus dem Weltraum gefischt vom Schweizer Geheimdienst, öffentlich gemacht vom «SonntagsBlick», das die Existenz amerikanischer CIA-Geheimgefängnisse in Europa zu bestätigen scheint – eine Geschichte, so unglaublich, dass sie einem B-Movie der Traumfabrik Hollywoods entstammen könnte. Nun geraten sie alle in Hektik: Politiker rechter Couleur wittern Landesverrat, die bürgerliche Mitte fürchtet sich vor einer Eiszeit zwischen Bern und Washington, die Linke fordert von den USA die Einhaltung der Menschenrechte.

Die «NZZ» ortet einen «erheblichen Schaden» für die Nachrichtendienste der Schweiz; diese wiederum pendeln zwischen Entsetzen über das Leck und stillem Stolz über den nachrichtendienstlichen Coup. Und der Chefredaktor des «SonntagsBlicks» sieht sich selbstverständlich als «Wächter des Rechtsstaates», während sich sein Blatt nun ebenso selbstverständlich mit behördlichen Ermittlungen wegen Amtsgeheimnisverletzung und Veröffentlichung von militärischen Geheimnissen konfrontiert sieht. So weit die langweilige, weil völlig überraschungsfreie Reaktion auf das Papier, das aus dem All auf die Welt heruntergefallen ist.

Weit relevanter wäre eine Antwort auf die Frage: Stimmt das denn, was in dem Fax insinuiert wird? Sind die Vereinigten Staaten von Amerika, die der Welt anno 1787 den wunderbaren Prototyp einer modernen Verfassung geschenkt und später Europa von der Geissel des Faschismus befreit haben, moralisch derart tief gesunken, dass sie auf fremden Territorien Geheimgefängnisse unterhalten, möglicherweise um mit wenig zimperlichen Methoden und ungestört von der Weltöffentlichkeit mutmassliche Terroristen verhören zu können? Es wäre naiv zu glauben, die Aussenpolitik der USA diene ausschliesslich der Achse des Guten, als deren Nukleus sich die Amerikaner so gerne sehen. Während des Vietnamkriegs etwa hat die politische Führung des Landes das eigene Volk jahrelang getäuscht und Bombardements auf Zivilisten sowie Massaker durch US-Truppen erst nach massivem Druck durch die Weltöffentlichkeit zugegeben. Über drei Jahrzehnte später dichtete der US-Präsident dem irakischen Diktator Saddam Hussein Atomwaffenarsenale an, um endlich gegen das Zweistromland in den Krieg ziehen zu können. Dass derartige Nuklearwaffen am Tigris nicht existierten, ist George W. Bush freilich erst nach dem Waffengang eingefallen.

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Statt Landesverrat zu wittern und sich vor einer transatlantischen Eiszeit zu fürchten, sollte die Schweizer Politik und mit ihr die Weltöffentlichkeit sich möglicherweise eher mit der Eventualität anfreunden, dass jenseits der Stratosphäre abgefangene Nachrichten durchaus der Wahrheit entsprechen können. Und wem es zu riskant erscheint, dem einzig verbliebenen Weltpolizisten ins aussenpolitische Handwerk zu pfuschen, der möge sich fragen, wie gross seine persönliche Empörung wohl ausfiele, hätte der «SonntagsBlick» beispielsweise kosovarische Geheimgefängnisse in Kosovo ausfindig gemacht. Es wäre dies eine Empörung ohne Risiko gewesen.

In eigener Sache

Silvia Pfenniger verfolgt seit Jahren eine Passion: Wo auch immer zwischen St. Gallen und Genf ein Anlass steigt, an dem Topshots aus Wirtschaft und Politik das gesellschaftliche Parkett betreten, ist Pfenniger mit von der Partie. Zukünftig wird sie, bewaffnet mit Griffel und Fotokamera, für unser Blatt eine neue Rubrik bestreiten: «Society».