Götterdämmerung in Deutschland: Sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat innert wenigen Wochen ein politisches Erdbeben das politische Spitzenpersonal der alten Bundesrepublik von der Bildfläche verschwinden lassen. Nach dem Ende von Rot-Grün in Berlin tritt Aussenminister Joschka Fischer von der Politbühne ab und mit ihm die Protestgeneration von 1968, die von der ausserparlamentarischen Opposition (APO) den Marsch durch die Institutionen angetreten und es bis in die Regierung des Landes geschafft hat. Zurück ins Glied tritt auch Noch-Kanzler Gerhard Schröder, welcher der Sozialdemokratie einen gewaltigen Modernisierungsschub gebracht hat, ähnlich wie Willy Brandt Anfang der 1970er Jahre. Beide sind sie letztlich gescheitert: Grünen-Frontmann Fischer ist es nicht gelungen, die ehemalige Protestpartei zur überzeugenden Regierungspartei zu formen, und Schröder ist bei der Basis der ehemaligen Arbeiterpartei, die rückwärts gewandt die Traditionen hochhält, gegen die Wand gelaufen.

Innerhalb der Union zeigen sich ähnliche Zersetzungserscheinungen: Nachdem Helmut Kohl 1982 Kanzler geworden war, dünnte er die personelle Spitze der Partei systematisch aus und stiess potenzielle Konkurrenten aus dem Weg: Kurt Biedenkopf, Heiner Geissler, Lothar Späth oder auch Wolfgang Schäuble wurden innerhalb der Union marginalisiert. Und in der bayrischen CSU hat sich nach Franz Josef Strauss mit Edmund Stoiber ein zweites Mal ein politisches Schwergewicht schmollend von der Bundespolitik verabschiedet und sich in die bayrische Metropole zurückgezogen.

Es ist dies eine tiefe Zäsur in der Geschichte des Landes, das definitive Ende der alten Bundesrepublik, Ausdruck einer «grossen Erschöpfung der alten westdeutschen Eliten» («Spiegel»). Es ist auch das Ende des rheinischen Kapitalismus, der prägende politische Köpfe wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhard oder auch Helmut Kohl hervorbrachte, die das Land nach dem Weltkrieg ins westliche Bündnis geführt und die Wiedervereinigung des geteilten Landes bewerkstelligt haben.

Dass nun sowohl in der Union mit Parteichefin und Kanzlerkandidatin Angela Merkel als auch in der SPD mit Matthias Platzeck zwei Ostdeutsche in das Machtvakuum der grossen Volksparteien vorzustossen vermochten, ist so gesehen folgerichtiger Schlusspunkt der Wiedervereinigung. Merkel wie Platzeck, beide 51 Jahre alt und Naturwissenschaftler, haben ihren Politstil nicht bei der Jungen Union oder den Jusos erlernt und keine innerparteiliche Ochsentour absolviert. Sie verfügen deshalb über kein engmaschiges Beziehungsnetz in ihrer Partei, sondern sind Teil einer kleinen ostdeutschen Elite, welche die Wiedervereinigung zu einer eigenen Politkarriere genutzt hat. Der Rückzug der Westler spült die Ostler nun in die Machtzentren.

Gelingt diesen beiden Aussenseitern die dringliche Erneuerung der darniederliegenden Nation? Die Chancen stehen schlecht. Die grosse Koalition wackelt, und vieles deutet darauf hin, dass es zu Neuwahlen kommen könnte, noch bevor die Neuen sich etabliert haben. Dann könnte es zum Rollback der Westler kommen. Zumindest einem wäre ein Comeback durchaus zuzutrauen: Noch-Kanzler Gerhard Schröder, dem politischen Stehaufmännchen und begnadeten Wahlkämpfer.

In eigener Sache

Andreas Schellenbaum, Chefkorrektor der BILANZ, ist tot. Er starb am 27. Oktober an einem Herzversagen. Fünfzehn Jahre lang war Andreas Schellenbaum so etwas wie das stilistische Gewissen unseres Blattes; Sprache war seine Leidenschaft. Wir verlieren einen geschätzten, lieben Kollegen. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.