Liebe Leserin, lieber Leser

Vor vielen Jahren waren sie die unbestrittenen Herrscher der Lüfte: Kaum eine Fluggesellschaft konnte es sich leisten, ihre Captains nicht bei Laune zu halten. Mehr noch: Über Jahrzehnte war diese Berufsgattung die eigentliche Avantgarde einer noch jungen Branche – lange bevor Manager den Takt der Industrie zu bestimmen begannen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Swissair der unternehmerische Entscheid anstand, in den aufkommenden Interkontinentalverkehr einzusteigen, war es Swissair-Captain Robert Fretz, der in einem Grundsatzartikel in der «NZZ» seinen zaudernden Chefs die Leviten las: «Die Verlagerung des Schwergewichts vom innerschweizerischen zum europäischen und von diesem zum Weltluftverkehr ist heute schon evident. Die Frage heisst: Weltluftverkehr als Ganzes oder Liquidation der Swissair?»

Der am 22. August 1949 publizierte Artikel verfehlte seine Wirkung nicht. Die Swissair stieg in den Interkontinentalverkehr ein und blieb in der Luft, bis die Misswirtschaft die Firma auf den Boden zwang. Und dass die Worte von Robert Fretz seinerzeit nicht ungehört verhallten, hat seinen Grund: Der Captain war der erste Präsident der im Jahre 1945 gegründeten Pilotengewerkschaft Aeropers, und jahrzehntelang ging wenig in der Firma ohne Zustimmung der organisierten Cockpit-Besatzung. Anekdoten sagen alles über den Umgang zwischen Piloten und Management in der guten alten Zeit. Standen GAV-Verhandlungen an, hatten die Gewerkschaftsvertreter der Cockpit-Besatzungen zwei Zettel in ihren
Taschen. In der linken den mit ihren Forderungen, in der rechten jenen mit dem Kompromissvorschlag. Und meist blieb es dann bei Letzterem.

Das ist graue Vergangenheit. Piloten sind heute keine Herrscher der Lüfte mehr, sondern Aufsichtspersonal für den Bordcomputer. Ihr Metier müssen sie nach wie vor beherrschen, aber wirklich gefordert sind sie nur noch im Krisenfall. Fliegen ist eine Commodity geworden und das Personal im Cockpit eine global einsetzbare Söldnertruppe, die für den fliegt, der Pilotenjobs anzubieten hat. Insofern ist der Beruf des Piloten heute ein ganz gewöhnlicher, der dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu gehorchen hat. Viele haben das begriffen. Ehemalige Swissair- oder Swiss-Piloten, die in der Heimat überzählig geworden sind, fliegen heute in Asien, im Nahen Osten oder den USA.

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Andere wähnen sich noch immer in den guten alten Zeiten und glauben fälschlicherweise, dass ihnen verbriefte Rechte zustünden. Persönliche Egoismen trüben den Blick auf die Realität. Die in der Gewerkschaft Swiss Pilots organisierten ehemaligen Crossair-Piloten sahen sich nach der Gründung der Swiss lange Zeit als Profiteure des Neubeginns. Diese Illusion zerbarst, als mit Christoph Franz ein Neuer kam, der tat, was angesichts der sinkenden Profitabilität im Europaverkehr längst hätte getan werden müssen: Er verkleinerte die Flotte und lagerte sie in eine Regionaltochter aus. Dass nun Gewerkschaftsfunktionäre der Swiss Pilots eine Abstimmung über einen neuen GAV getürkt haben, um eine Annahme des Vertrags zu provozieren, zeigt, dass die Mehrheit der organisierten Piloten noch immer glaubt, das Unternehmen tanze nach ihrer Pfeife. Ihnen sei ins Stammbuch geschrieben: Weltweit existieren genügend Kollegen, die sofort für die Swiss fliegen würden. Die Zeiten haben sich für immer geändert.