Liebe Leserinnen und Leser

Seit bald 14 Jahren kommentiere ich an dieser Stelle das Abenteuer Wirtschaft. Zu Beginn meiner Zeit als Chefredaktor war noch fast alles auf Kontinuität angelegt. Damals warf man uns vor, wir redeten Ereignisse herbei und erklärten Ausserordentliches zum Normalfall.

Das hat sich gründlich geändert. Längst ist das vermeintlich Ausserordentliche zum Normalfall geworden. Dass kein Stein auf dem anderen bleiben soll und kann, beherrscht unseren Alltag. Dazu geführt haben technologische Umbrüche, die weltumspannenden Kommunikations- und Transportmöglichkeiten sowie das Ende von Grenzen, von gemauerten wie in Berlin und von mentalen in den Köpfen.

Chancen und Risiken liegen in der neuen, schnelleren Wirtschaftswelt nahe beieinander. Wer die Weichen falsch stellt, kommt ohne Hilfe kaum mehr auf das richtige Gleis zurück. Wer sie richtig bedient, hat allen Erfolg der Welt – bis zur nächsten Gabelung.

Die Bilanz der Schweizer Wirtschaft in der letzten Dekade fällt gemischt aus. Bei den Multis gibt es nur einen richtigen Star: Nestlé. Der Vorteil der Männer in Vevey: Essen müssen alle. Überdurchschnittlich gut geschlagen haben sich Novartis und UBS, die beide für gelungene Fusionen stehen. Roche, Rück und Holcim liegen auch noch über dem Strich.

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Auf dem Podest der Unternehmerpersönlichkeiten, denen in den Neunzigerjahren die Krone gebührt, stehen der Liftunternehmer Alfred N. Schindler, der Herr aller Uhren, Nicolas G. Hayek, Hansjörg Wyss mit dem Medtech-Konzern Synthes-Stratec, Daniel Borel mit seiner Logitech sowie Christoph Blocher mit der Ems-Chemie.

Hervorzuheben sind auch die CEOs Ernst Tanner (Lindt & Sprüngli), Armin Meyer (Ciba SC), Günter F. Kelm (Geberit) sowie die Unternehmer Andreas Rihs (Phonak) und Michael Pieper (Franke). Und gleich daneben Rieter- und Geberit-Präsident Kurt E. Feller, die Unternehmerfamilie Endress (E+H), Sergio Marchionne (SGS), Pius Baschera (Hilti) und Robert F. Spoerry (Mettler-Toledo). Die Liste auf der Negativseite der Bilanz ist viel länger. Das Spektrum von Totalschäden und verpassten Chancen reicht von ABB über Sulzer und Ascom, die Versicherungs- und die Strombranche bis hin zu den Airlines, vom Tourismus ganz zu schweigen. Zum Glück verfügen wir über viele kleinere Unternehmen, die kompensieren konnten, was die alte Wirtschaft verbockt hatte.

Und doch ist dem Land die Dynamik abhanden gekommen, seit Jahren sind wir das Wachstums-Schlusslicht. Dazu hat die Wirtschaft selber beigetragen, indem sie sich oft zu langsam, manchmal aber auch viel zu schnell anpasste und sich auf nur vermeintlich bessere einheimische Kräfte abstützte. Noch viel träger hat sich freilich die Politik verhalten.

Ein exzellentes Unternehmen weiss stets, wohin es will, auch mit knappen Mitteln. Es hat eine Strategie und setzt sie um. Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz gilt das Gleiche. Die Ordnungspolitik sollte die Marktkräfte beflügeln und nicht behindern. Noch wichtiger: Wir sollten uns über unsere wirtschaftlichen Ziele klar werden und die entsprechende Infrastruktur bereitstellen.

Diese Entscheide werden zu harten Auseinandersetzungen führen. Subventionsströme müssen gestoppt und Budgetposten radikal verändert werden. In praktisch allen Parteien finden sich Kräfte, die dafür einstehen. Ob auch der Bundesrat nach dem 10. Dezember entsprechend zusammengesetzt ist, werden wir sehen. Wohl die grösste Gefahr für unser Land ist jedoch die Selbstüberschätzung. Und dagegen sind weder Linke noch Rechte gefeit.

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Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Der Redaktion, die mich stets unterstützt hat, wünsche ich alles Gute und meinem Nachfolger René Lüchinger viel Erfolg.

Zum letzten Mal,
Medard Meier