Liebe Leserin, lieber Leser

Im Jahr 1956 war es, als der amerikanische Soziologe Charles W. Mills in seinem Standardwerk «The Power Elite» bemerkenswert aktuelle Gedanken zu Papier brachte: Die Einflusssphären militärischer, politischer oder auch wirtschaftlicher Eliten, schrieb der Wissenschaftler, bedingten sich gegenseitig, verstärkten sich mitunter, und es bestehe die Gefahr eines «antidemokratischen Komplexes». Denn zum elitären Bewusstsein gehöre die Geringschätzung der Massen, zuweilen auch der politischen Institutionen. Die Worte treffen exakt die Kluft, die sich aufgetan hat zwischen Exponenten des globalen Unternehmertums wie etwa Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe oder Novartis-Chef Daniel Vasella und der heimischen Bevölkerung sowie dem politischen Personal, vorab am linken und rechten Rand. Was vordergründig wie eine Auseinandersetzung um Macht und demokratische Kontrolle wirkt, manifestiert einen dramatischen Paradigmawechsel in der öffentlichen Perzeption der wirtschaftlichen Eliten in diesem Land, dessen Gründe zu erforschen sich lohnt.

Beim griechischen Philosophen Platon hiess es noch, die Besten, die Weisen, die sich auch im Guten auskennen, sollten über die Res publica herrschen – die wohl erste Definition des Wesens einer Elite. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich in der Sozialwissenschaft schliesslich die Definition durchgesetzt, dass es sich bei den Funktionseliten um einen Personenkreis handelt, der Einfluss auf Struktur und Wandel der Gesellschaft ausübt. Und Ralf Dahrendorf, der deutsch-englische Soziologe, nannte in seinem 1965 erschienenen Standardwerk «Gesellschaft und Demokratie in Deutschland» die «Basis der Gleichheit» als Voraussetzung für eine gesunde Elitebildung in Staat und Gesellschaft, jene grundsätzliche Chancengleichheit beim gesellschaftlichen Aufstieg, die zumindest in westlichen Demokratien kaum mehr ernsthaft in Frage gestellt wird. Gerade in der Schweiz bestand innerhalb des politischen und wirtschaftlichen Führungspersonals auch weit gehender Konsens darüber, Teil der katholisch-konservativen oder der protestantisch-freisinnigen, jedenfalls derselben bürgerlichen Elite zu sein. Dieser einheitliche Kosmos hat sich atomisiert. Die Wirtschaftselite hat sich von der politischen Elite abgespalten und richtet sich in ihrem Sozialverhalten nach der global gültigen Benchmark aus – genauso wie sie auch unternehmerisch handelt. So halten auch hierzulande amerikanische Entlöhnungsmodelle Einzug, bloss treffen diese in Europa auf anders disponierte Moralvorstellungen, die nicht zuletzt von den politischen Eliten geprägt werden. In den Vereinigten Staaten sind hohe Einkommen von Topmanagern kaum moralischen Sanktionen unterworfen, in Europa sehr wohl.

Mittlerweile versuchen Exponenten des (meist) linken Politestablishments, sich mit neuen, in jüngster Zeit agiler werdenden Eliten zu verbünden, die sich nicht aus Funktionen heraus legitimieren, die sie ausüben, sondern aus Werten, die sie vertreten. Die Anlagestiftung Ethos ist in diesem Zusammenhang lediglich das jüngste medial sichtbare Pflänzchen dieser Saat. Die Folge davon ist eine insgesamt retardierende Gesellschaft: Im sozialmarktwirtschaftlichen Gesellschaftsmodell gelang es einst, die Wirtschaft zu entpolitisieren, indem die Sozialpartnerschaft an die Stelle des Klassenkampfes gesetzt wurde. Jetzt droht der Rollback.

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