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Ein Milliardenloch in Sicht

Tourismus Fehlende ausländische Gäste dürften dem drittwichtigsten Schweizer Wirtschaftszweig in diesem Jahr Ausfälle von gegen 4,5 Milliarden Franken bescheren. Die Branche steht vor einem harten Wi

Von Robert Wildi und Rüdi Steiner
am 26.11.2002

So einen Einbruch haben wir noch nie erlebt», sagt Felice Pellegrini, Direktor der San-Salvatore-Bahn Lugano. Um satte 20% haben die Frequenzen diesen Sommer abgenommen. Die Sommermonate machen 80% des Umsatzes aus. Da erstaunt es nicht, dass die Bahn, die letztes Jahr 3,5 Mio Fr. in neue Anlagen investiert hat, in die roten Zahlen gerutscht ist.

Einbussen von 11,8% verzeichnete das Hotel Schweizerhof auf der Lenzerheide. Analog zur Hotellerie leidet auch die Restauration. Im Touristentreffpunkt Old Swiss House von Luzern beispielsweise mussten in den Monaten Juni und Juli Umsatzeinbussen von 15 bis 18% hingenommen werden, sagt Inhaber Philippe Buhholzer. «In der Sommerhochsaison fehlten uns die ausländischen Gäste, allen voran die US-Amerikaner», begründet er. Und trifft den Nagel auf den Kopf. In den ersten acht Monaten sind 9,8% weniger ausländische Gäste in die Schweiz gereist. Insgesamt betrug das Minus bei den Logiernächten 6,3%. Besonders hart getroffen hat es Graubünden, das Tessin und die Zentralschweiz.

Konsequenzen für die ganze wirtschaft

Tourismusexperte Roland Zegg von Consult Grischa rechnet bis Ende Jahr allein für den Bündner Fremdenverkehr mit einem Logiernachtausfall von 660 000 Einheiten und Verlusten von 250 Mio Fr. für den Bündner Fremdenverkehr.

Das Minus hat Auswirkung auf die gesamte Volkswirtschaft. 2001 betrugen die touristischen Gesamteinnahmen 22,4 Mrd Fr., 57% davon stammten von ausländischen Gästen. Rechnet man alle zusätzlichen Ausgaben der Gäste im Lebensmittel- und Detailhandel und für Souvenirs dazu, brachte es die Branche 2001 auf eine Wertschöpfung von rund 67 Mrd Fr. Hält der negative Trend der ersten acht Monate dieses Jahres an, dürften der Schweizer Volkswirtschaft 2002 rund 4,5 Mrd Fr. entgehen.

Hotelier Andreas Züllig vom «Schweizerhof» auf der Lenzerheide hat mit einem Stellenabbau reagiert. Nicht betriebsnotwendige Investitionen hat er zudem zurückgestellt.

Damit hat er genau das Falsche gemacht, glaubt man André Zimmermann, Direktor der Pilatusbahn und als solcher auch für den Ausflugskomplex auf dem Luzerner Hausberg verantwortlich. Den Hauptgrund für die seit zwei Jahren rückläufigen Gästezahlen ortet nicht nur er in infrastrukturellen Defiziten. «Wir sind nicht mehr Spitzenklasse», sagt der Quereinsteiger.

Aktiv geworden ist auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Im September hat es ein Subventionsprogramm von 135 Mio Fr. geschnürt. Im Frühling oder Sommer 2003 werden die eidgenössischen Räte darüber befinden müssen. Der Fünfjahres-Plan (2003-2007) sieht vor: Jährlich 5 Mio Fr. für die Anpassung des Angebots an die touristischen Weltmarktbedingungen, 20 Mio Fr. zur Verbesserung der Kapitalstruktur von überlebensfähigen Tourismusbetrieben und 2 Mio Fr. zur Aufwertung touristischer Berufe und Laufbahnen. Der Bund ist also vor allem interessiert, die längst fällige Strukturbereinigung aktiv zu beschleunigen, und setzt dafür 100 Mio Fr. ein. Längst nicht zur Freude aller Marktteilnehmer. Zimmermann findet es falsch, nach Bundesmitteln zu schreien. «Man sollte den Gesundschrumpfungsprozess nicht stoppen», meint er.

Dass es trotz Krise auch anders geht, beweist etwa Armin Bützberger mit seinem Hotel Europa in St.Moritz. Trotz eines Gästerückgangs von 8% konnte er den Umsatz halten. Dies verdankt er Investitionen von 3 Mio Fr., mit denen er in den letzten Jahren grosszügige und heute rege benutzte Wellness- und Fitnesseinrichtungen erbaute. «Innovation und geistige Flexibilität zahlen sich in schlechten Zeiten aus», ist Bützberger überzeugt. Für die Wintersaison, die dank der Ski-WM viele Gäste bringen soll, hat Armin Bützberger mit schneeunabhängigen Angeboten wie geführten Wanderwochen oder Gästeabonnementen für den öffentlichen Verkehr vorgesorgt. Hotels müssten sich klar positionieren und den Blick auf bestimmte Gästesegmente richten, ist Gieri Spescha von Graubünden Ferien überzeugt.

Daneben setzt die Ferienregion Graubünden verstärkt auf Preisaktionen und Marketingaktivitäten. Nach dem «Sommerhit» mit Vergünstigungen für die öffentlichen Verkehrsmittel wurde kürzlich eine Internet-Kooperation mit Schweiz Tourismus bekannt gegeben. Beide Partner erhofften sich dadurch Synergieeffekte, sagt Gieri Spescha. Ob es etwas bringt, ist ungewiss. «Die Zeiten der Imagewerbung sind vorbei», sagt Urs Kessler, Marketingverantwortlicher der Jungfraubahn. «Es geht vermehrt über den Preis.»

Doch gerade hier haben die Schweizer schlechte Karten, wie die Credit Suisse jüngst vorgerechnet hat. Die Auslastung sei im internationalen Vergleich viel zu tief, die Betriebskosten dagegen viel zu hoch. Abhilfe schaffen könnten Kooperationen. In der Bergbahnbranche wird das Thema dieser Tage wieder heiss diskutiert. Frühere Anläufe haben jedoch nichts gefruchtet. Auch die Bahn am San Salvatore will mit den öffentlichen Transportmitteln zusammengehen, um so Kosten zu sparen und wieder in die schwarzen Zahlen zu finden.

Entspannung frühestens Mitte 2003

Voraussetzung dazu ist, dass sich der Markt belebt. Doch gerade dies ist nicht in Sicht. Die stets optimistischen Prognostiker von Schweiz Tourismus (ST) erwarten für den anstehenden Winter zwar eine leichte Steigerung bei den Logiernächten. Ein Wirtschaftswachstum in den wichtigen Herkunftsländern (Deutschland, England) dürfte sich aber frühestens in der zweiten Hälfte 2003 einstellen, so ST-Sprecherin Daniela Baer. Die sehr zurückhaltenden Einkäufe etwa von Reiseveranstaltern aus den USA seien Indiz dafür.

Dass die Durststrecke nicht so schnell vorüber geht, bestätigt auch Richard Kämpf von der Basler Konjunkturforschungsstelle (BAK). Die anhaltend angespannte Konjunktur sorge auch weiterhin für Zurückhaltung bei der internationalen Kundschaft. «Vor allem Regionen mit klarem Fokus auf bestimmte Quellmärkte tragen Klumpenrisiken. Dies ist Graubünden und dem Tessin (Deutschland) sowie dem Berner Oberland (USA, Japan) besonders zum Verhängnis geworden», stellt Kämpf fest. Der Ferientourismus werde deshalb länger leiden als der geschäftliche, prophezeit er.

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