Am Mittwoch, 9. Januar, war Stéphane Maquaire noch guten Mutes: Vor rund 800 Mitarbeitenden hielt er am Manor-Hauptsitz eine Rede – auf Französisch und sogar auf Deutsch, wie Anwesende berichten. Es war eine Rede fürs neue Jahr, eine Motivationsrede für eine gemeinsame Zukunft.

Das war auch nötig: Denn mit der Neubesetzung der Geschäftsleitung, der Reorganisation der Zentrale und einem merklichen Stellenabbau hatte Maquaire beim Personal für viel Unruhe gesorgt. Jetzt wollte er Zuversicht verströmen. Eine Woche später stand er selbst auf der Strasse – und auf die Mitarbeiter kommt eine Phase der Unsicherheit zu. Es sollen sogar Tränen geflossen sein.

Jemand ohne Beisshemmung

Die Besitzer – die Familien Maus und Nordmann (MaNor) – wollten Maquaire wieder loswerden. Sie hatten ihn erst im Januar 2017 installiert, um Manor umzukrempeln, nachdem sie zuvor während Jahren untätig zugesehen hatten, wie Umsatz und Gewinn dahinschmolzen. Plötzlich konnte es nicht schnell genug gehen: Sie brauchten jemanden, der radikal durchgreift. Am besten einen von aussen, einen ohne Beisshemmung. Einen, der sich getraut, die «Drecksarbeit» zu machen, wie es ein Manor-Mann formuliert.

Die Karriere von Stéphane Maquaire

1997: Diplom der École Nationale des Ponts et Chaussées, einer technischen Hochschule in Paris.

1997: Manager bei Arthur Andersen.

2004: Stellvertretender Generaldirektor beim Eventveranstalter Exposium.

2007: COO für die französischen Einkaufszentren der Immobilien- und Investmentgruppe Unibail-Rodamco. Es ist Maquaires Einstieg in den Detailhandel.

2008: Maquaire geht zur Monoprix-Gruppe als Finanz- und Entwicklungschef.

2010: Maquaire wird CEO von Monoprix.

2013: Casino gewinnt den Machtkampf gegen Galeries Lafayette um Monoprix und wird alleiniger Aktionär. Maquaires Position ist gestärkt, und er geniesst das volle Vertrauen von Casino-Lenker Jean-Charles Naouri.

19. April 2016: Maquaire wird Chef der Modegruppe Vivarte, die zahlreiche Kleiderund Schuhmarken besitzt (u.a. Kookaï, Naf Naf, La Halle). Bei Vivarte weht ein rauer Wind, Maquaire ist der dritte Chef innert vier Jahren.

27. Oktober 2016: Maquaire wird bei Vivarte nach nur sechs Monaten abgesetzt, nachdem er kurz zuvor einen Fün?ahresplan zur Sanierung vorgelegt hatte.

11. Januar 2017: Maquaire wird CEO von Manor. Er übernimmt die Nachfolge von Bertrand Jungo.

25. August 2017: Maquaire legt Pläne für einen zweijährigen Transformationsprozess auf den Tisch: Er umfasst unter anderem den Abbau von 200 Stellen am Hauptsitz in Basel.

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Und Maquaire zögerte nicht lange. Innert zweier Jahre hat er 200 Stellen gestrichen, die überfüllten Lager massiv abgebaut, ein neues Kassensystem eingeführt, die Kundenkarte überarbeitet, den Onlinekanal belebt sowie das Markensortiment bereinigt. Und er hat sich die ehemalige Oviesse- respektive Vögele-Filiale in der Berner Innenstadt geschnappt. Für Bern eine kleine Revolution, hatte Manor bis anhin doch – angeblich wegen der starken Stellung von Loeb – auf ein Geschäft in der Bundesstadt verzichtet.

Didier Maus

Bruch: Manor-Besitzer Didier Maus stellt seinen CEO nach nur zwei Jahren wieder raus.

Quelle: Dukas

Angst vor dem Kontrollverlust

Weder Manor noch die Maus Frères Holding, welche die Interessen der Besitzerfamilien wahrnimmt, wollen sich zu den Gründen für den CEO-Rauswurf äussern. Klar ist aber, dass Maquaire mit seinem Tatendrang schon länger bei der Maus Frères Holding in Genf und ihrem Lenker Didier Maus aneckte. Ob bei der Umstellung des Kundenkartensystems oder der Filiale in Bern: Jedes Mal ging dem Entscheid ein harter Kampf voran. Zwar lenkte Maus am Schluss ein, aber offensichtlich stieg in Genf die Angst vor dem Kontrollverlust.

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Und so ersetzte Maus Maquaire, der von aussen gekommen war, durch einen Mann aus dem inneren Zirkel, jemanden, den man kennt und der sich wohl auch leichter lenken lässt: durch Jérôme Gilg, den langjährigen Chef der Jumbo-Baumärkte, die ebenfalls zum Maus-Imperium gehören.

Der 43-jährige französisch-schweizerische Doppelbürger hat seine Karriere 2000 bei den Schweizer Carrefour-Filialen gestartet, die damals den Maus Frères gehörten, im Jahr 2004 wechselte er zu Jumbo, wo er 2010 zum Chef aufstieg. Aber damit nicht genug: Gilg ist ein Manor-Kind. Schon sein Vater arbeitete bei Manor und war Direktor der Warenhäuser in Thun BE und Frauenfeld TG. Und auch sein Onkel Bruno Schwager war bei der Manor-Familie. Mehr Eigengewächs geht fast nicht.

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