Am 9. März 2018 stellt Julius Bär seinem Kundenbetreuer für Venezuela, Matthias Krull, ein Zwischenzeugnis aus. Darin bescheinigt die Bank ihrem Berater, dass «seine Entscheidungen und Handlungen konsequent mit den Werten der Bank übereinstimmen». Gut zwei Monate später beendet die Bank das langjährige Arbeitsverhältnis mit Krull. Zehn Jahre hatte er für Julius Bär in Lateinamerika gearbeitet und galt als «Onboarding Star».

Seine Mandate brachten der Bank jährlich zwischen 6 und 7 Millionen Dollar ein. Dies steht in einer Klage vor dem Arbeitsgericht in Caracas, die der «Handelszeitung» vorliegt. Darin macht der Ex-Berater missbräuchliche Kündigung geltend und verlangt 34 Millionen Dollar. «Wir wehren uns entschieden gegen diese haltlose Forderung», sagt ein Sprecher von Julius Bär.

Boni in Millionenhöhe

Allerdings deckt sich Krulls Klageschrift mit dem jüngsten Fazit der Finanzmarktaufsicht (Finma): «Schwere Mängel in der Geldwäschereibekämpfung bei Julius Bär». In der Enforcement-Mitteilung geht die Finma auf die Geldwäsche rund um den venezolanischen Ölkonzern PDVSA ein. So habe «ein für Venezuela zuständiger Kundenberater» – es handelt sich um Krull – noch in den Jahren 2016 und 2017 Boni und Entschädigungen in Millionenhöhe erhalten, obwohl die Bank eine ganze Reihe seiner Kunden im PDVSA-Kontext der Meldestelle für Geldwäscherei gemeldet hatte. Dennoch habe die Bank Krulls Bonus im Jahr 2017 lediglich um 2,5 Prozent gekürzt.

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Noch im Vorjahr habe die Bank ihm gar einen Sonderbonus als «Top Performer» zugesprochen. «In beiden Jahren erhielt er auf diese Weise die höchsten Entschädigungen seiner Karriere bei dieser Bank», so die Finma. Zuletzt verdiente Krull mitsamt Boni und Sonderzulagen täglich etwa 5200 Dollar – also 1,8 Millionen Franken im Jahr, wie Gerichtsunterlagen zeigen. Sie machen zudem deutlich, in welchem Umfang die Bankspitze im PDVSA-Fall gemäss Finma eine «mangelhafte Compliance- und Risikokultur» pflegte.

Ab 2007 wirbt Krull für Julius Bär auf dem venezolanischen Markt potenzielle Kunden an. Gemäss Arbeitsvertrag hat der Berater ein Jahresziel von 50 Millionen Dollar Neugeld. ­Allerdings entscheidet Krull niemals allein, wer Kunde von Bär wird, sondern spielt den Ball zurück in die Schweiz. Die dortige Organisation segnet das Onboarding jeweils ab. Die Daten zu den venezolanischen Krull-­Kunden fliessen laut Verfahrensakten stets ordnungsgemäss an die Compliance nach Zürich.

Compliance-Praxis mangelhaft

Zu jener Zeit für die Compliance verantwortlich ist Risikochef Bernhard Hodler. Ab Oktober 2017 amtet dieser, nach dem abrupten Abgang von Boris Collardi, als Konzernchef. Heute ist Hodler gemäss Linkedin als «Independant Board Member und Investor» tätig. Auch Martin Eichmann, der damalige globale Anti-Geldwäscherei-Leiter, arbeitet nicht mehr aktiv für Julius Bär. Er befindet sich seit Dezember im «Garden Leave». Eichmann war unter anderem verantwortlich für das «Atlas»-Projekt, das ab 2016 unter der Schirmherrschaft von Chef Collardi den Know-your-Customer-Prozess verbessern soll.

Matthias_Krull

Matthias Krull: Der deutsche Berater arbeitete für Julius Bär in Venezuela. Er vermittelte, mit dem Segen der Compliance, PDVSA-Geldwäscher an Bär. Krull wurde in den USA zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Quelle: ZVG
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Bei Beträgen ab 25 Millionen Dollar und politisch exponierten Personen beugt sich zudem Kurt Sager, der damalige Head AML Desk, über Krulls exponierte beziehungsweise grössere Kundenanbahnungen.

Mit anderen Worten: Zumindest auf dem Papier ist Julius Bär gerüstet. Doch in der Praxis zeigt dieses Abwehrdispositiv offenkundig Mängel: Bereits im Dezember 2016, also in jenem Jahr, als Krull einen Sonderbonus der Bank zugesprochen erhält, setzen sich die Compliance-Abteilung und Krulls direkter Vorgesetzte mit dem Lateinamerika-Banker mit deutschem Pass in Verbindung. Man informierte Krull darüber, dass die Bank via Schweizer Rechtshilfe den US- Strafverfolgern Informationen zu seinen Kunden übermittelt habe.

Geldwäschereirisiken nicht angegangen

Zu diesem Zeitpunkt hätte es der Bank dämmern müssen, dass gewisse Venezuela-Kunden brandgefährlich sind. Doch anstatt Tabula rasa zu machen, ist Salamitaktik angesagt: Anfang 2017 telefonieren der damalige Head AML Desk, Krulls direkter Vorgesetzer und der Venezuela-Banker miteinander.

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Man berät, was mit jenen Venezuela-Kunden zu tun sei, welche ins Fadenkreuz der US-Strafverfolger geraten sind. Es wird entschieden, dass die Bank deren Firmenkonti schliesst, aber ihre privaten Konti weiterführt.

 «Längst fällige Massnahmen in ihrem Venezuela-Geschäft»

Zu diesem Entscheid passt die Aussage der Finma, wonach die Geldwäschereirisiken «in einigen Fällen zwar erkannt und auch thematisiert, von den zuständigen Stellen aber nicht konsequent angegangen» wurden. Zudem habe sich der Beginn einer «bereits im Jahr 2016 beschlossenen bankinternen Aufarbeitung des PDVSA-Falls» um fast anderthalb Jahre verzögert.

Erst 2018 habe die Bank «längst fällige operationelle und personelle Massnahmen in ihrem Venezuela-Geschäft konsequent» umgesetzt. Nur wenige Monate, nachdem die Bank sich von Krull trennt, wird er im Sommer 2018 am Flughafen Miami verhaftet.

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Die «Operation Money Flight» läuft an. Die US-Justiz verurteilt Krull bereits im darauffolgenden Herbst zu zehn Jahren Gefängnis. Nicht als Geldwäscher, sondern als Geldwäschekonspirator: Er soll PDVSA-Strohmänner wie Francisco Convit Guruceaga zur Bank Bär geschleust haben. Guruceaga wurde mittlerweile wegen Geldwäsche verurteilt. Über 700 Bär-Konten sollen einen Bezug zu Krull gehabt haben, der zwischenzeitlich bis zu 1 Milliarde Franken an Vermögen betreute.

Trotz Schuldspruch gewähren die US-Strafverfolger dem Ex-Bär-Banker bislang Haftaufschub, wie Gerichtsdokumente zeigen. Krull lebt mit elektronischer Fussfessel in Florida und geht nun gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor. Für die Bank ist die Angelegenheit unangenehm. Sie kann ihr Venezuela-Office nicht schliessen, solange ein Verfahren läuft. Gleichzeitig will das Gericht in Caracas als Faustpfand liquide Finanzmittel der Bank via Amtshilfe in den USA beschlagnahmen lassen.

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