Eine frühere Kaderangestellte der Credit Suisse meldet, sie sei im Jahr 2017 überwacht worden. Das berichten das «Wall Street Journal» und «Bloomberg». Die ehemalige Compliance-Chefin für den amerikanischen Raum, Colleen Graham, sagt, ihr sei im Juli vor zwei Jahren an mindestens drei Tagen eine Frau gefolgt. Graham vermutet, dass diese Überwachung im Zusammenhang steht mit ihrer Haltung bei einem Buchhaltungsproblem.

Zum Zeitpunkt der Vorfälle war Graham nicht mehr bei der Credit Suisse beschäftigt, für die sie 20 Jahre lang tätig gewesen war. Sie führte als Co-Chefin ein Joint Venture namens Signac. Dieses war 2016 von der Credit Suisse und dem Software-Konzern Palantir gegründet worden, um Fehlverhalten von Tradern per Big Data aufzuspüren.

Colleen Graham sagt, sie wurde unter Druck gesetzt

Graham sagte laut «Wall Street Journal», sie sei von der Credit Suisse und Palantir unter Druck gesetzt worden, «Fakten zu verzerren», damit bestimmte Umsätze bei Signac auf 2016 statt 2017 gebucht werden könnten. Dieses sei nach Grahams Überzeugung widerrechtlich gewesen.

Anzeige

Die Bücher von Signac zeigen, dass keine entsprechenden Umsätze für 2016 verbucht wurden. Graham sagte, sie sei von Meetings ausgeschlossen worden und ihr sei 2016 der Bonus verweigert worden, um ihren Standpunkt zu erweichen. Auch habe man ihr mit Entlassung gedroht.

Der Konflikt eskalierte, als der Anwalt von Colleen Graham im Juni 2017 an die Credit Suisse schrieb mit der Frage, warum ihr – anders als anderen Mitarbeitern – keine Rückkehr zur Credit Suisse angeboten wurde, nachdem Signac abgewickelt worden war. Der Anwalt fragte, ob dies mit Grahams Widerstand bei der Buchhaltungsthematik zu tun habe. Einen Monat später, so Graham, habe sie eine Frau gesehen, die ihr an mehr als drei Tagen gefolgt sei.

E-Mail an Tidjane Thiam und Urs Rohner

Als im September die Beschattungsaffäre rund um Iqbal Khan bekannt geworden war, hatte sich Graham per E-Mail an Konzernchef Tidjane Thiam gewandt und ihre Vorwürfe detailliert geschildert. Auch an Verwaltungsratspräsident Urs Rohner und ein weiteres Mitglied des Verwaltungsrates, John Tiner, ging diese Mail, berichtet das «Wall Street Journal».

Graham bat in dem Schreiben darum, ihren Angaben nachzugehen und diese mit den Regulatoren zu teilen, ferner mit der Anwaltskanzlei, welche die Überwachung Iqbal Khans untersuchte. Im November sprach Colleen Graham dann selber mit Vertretern der Finma, so das «Wall Street Journal». Die Finma kommentiert diese Angaben nicht.

Eine Sprecherin der Credit Suisse sagt, man habe Grahams Vorhaltungen in Bezug auf die Überwachung eingehend geprüft und keine Grundlage gefunden. Die Vorwürfe zur Buchhaltungspraxis lehnen beide Unternehmen – Credit Suisse und Palantir – rundheraus ab. Es sei weder ein Versuch gemacht worden, die Buchhaltung zu manipulieren, noch in irgendeiner Form Vergeltung an Colleen Graham zu üben.

(me)